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Regional „Eis Eis Baby“ mit Venus-Riegel
Nachrichten Kultur Regional „Eis Eis Baby“ mit Venus-Riegel
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22:00 04.07.2017
Nina Bülles, Christoph Jonas und Anne Römeth (v.l.) bringen in der Comödie ein lockeres und spaßiges Sommermusical über die Bühne. Quelle: © Robert Jentzsch | www.rjphoto.de


Es ist das Jahr 1998, in das das von Martin Riemann und Christian Kühn gestrickte und vom Intendanten Kühn höchstselbst auch in Szene gesetzte Stück entführt. Es geht ins Jahrzehnt von Gameboy, Kuschelrock und Techno, als Facebook und iPhone noch nicht mal Zukunftsvision waren. Als aus Raider Twix wurde und es noch Kassettenrekorder gab, aus denen die selbstaufgenommene Playlist mit Take That, Blümchen & Ace of Base dröhnte, worüber spießige Altachtundsechziger sich bekanntlich ähnlich echauffierten wie einst die Flakhelfer-Generation über den Rock’n’Roll.

Lucy wird von Anne Römeth gespielt. Bei ihr wurden alle Strippen gezogen, um sie flippig-schräg-schrill rüberkommen zu lassen, das fängt bei den Klamotten an und hört bei den kecken Sprüchen auf, die sie vom Stapel lassen darf, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Der leicht schwäbische Zungenschlag verrät, dass sie aus einer Region kommt, in der man traditionsgemäß viertel nach sieben sagt, während die Jessica (Nina Bülles), die zweite wichtige Frau in dieser Musicalkomödie, Kindheit und Jugend in Bautzen verbracht hat und damit in einer Gegend, in der man viertel acht sagt. Beides ist korrekt, und es ist auch nicht weiter von Belang, denn Jessica, die sich hier im Urlaubsparadies Ibiza den Traum von der eigenen Eisdiele verwirklichen will (und zwar mit die Geschmacksnerven herausfordernden Eiskreationen wie Limette-Chili und Lavendel-Vanille), und Lucy ziehen bei aller Unterschiedlichkeit in Outfit und Habitus bald gemeinsam an einem Strang.

Geballte Ost-West-Frauenpower also, die auch nötig ist, um gegen die Konkurrenz in Gestalt eines niederländischen Eiskonzern-Vertreters namens Mr. Wehn zu bestehen. Er scheint ein Trottel zu sein, so dämlich wie er sich anstellt, aber irgendwie schwant einem, dass er nicht ganz unschuldig daran ist, dass ein anderer Eisstand wegen Salmonellen geschlossen wurde. Schmilzt Jessicas Traum „like Ice in the Sunshine“? Wird es nichts mit dem Vorsatz, der Zunge etwas Leckstasy zu gönnen?

Mr. Wehn wird von Ramón Hopman gespielt. Wenn er in Anzug und Krawatte zu einem Rap einen Move mit Groove hinlegt, dann johlt das Publikum ebenso vor Begeisterung wie bei den Tanzeinlagen von Bizeps- und Sixpack-Träger Joe (Christoph Jonas), wobei der hohe Kreisch- und Klatschfaktor eindeutig den anwesenden Damen geschuldet ist. Die Auftritte Hopmans und Jonas’ verhindern zwar, dass das Musical zur Two-Women-Show wird, sind aber das Salz in der ohnehin recht stimmigen „Suppe“, die Kühn und sein Team da geköchelt haben.

Nun lässt sich über Geschmack ja streiten. Aber selbst wer der Musik der 90er partout nichts abgewinnen kann, ich gestehe, dass ich da dazugehöre, sollte – Hyper, Hyper – seinen Spaß daran haben, wie die hier eingesetzt wird. Ja, es stellt sich bald eine gewisse Lockerheit ein, wie das bei Sommerkomödien sein sollte. Auch das Setting stimmt, ob der Bäume und Hängematte, ob des Wassers und der Luftmatratze kommt Insel-Feeling auf, auch wenn die Szenerie mangels Palmen oder Pinien eher an Lausitzer Seenplatte als an Ibiza erinnert.

Okay, manche der Sprüche sind alt oder lau oder beides, andere wiederum sind herrlich rotzfrech-spitze, etwa wenn Lucy gesteht, dass sie gestern eine zehnjährige Beziehung beendet habe, was aber nicht weiter schlimm, Mitgefühl also unangebracht ist, weil es ja „nicht die ihre“ war. Oder wenn man von Joe erfährt, dass er mit Taschengeld den Flug nach Ibiza bezahlt hat – genaugenommen mit dem Taschengeld der Streber, das er diesen auf dem Schulhof abgenommen hat. Wie immer haben Kühn und Riemann beim Text nicht an zweideutigen Schlüpfrigkeiten gespart, etwa wenn zum Sortiment des niederländischen Konzerns ein „großer Venus-Riegel“ gehört.

Das Tüpfelchen aufs i war dann die Zugabe, ein Tanz-Medley, bei dem die vier Akteure in neuen, unglaublich schrillen Outfits (Schneiderei, Ankleiderei und Maske sind ein dickes Extra-Lob zu zollen) zu entsprechenden Bumm-Bumm-Bumm-Tracks nochmal alle Register zogen. Ja, es sind der pure Hedonismus und der Spaß am körperlichen Erlebnis, die hier gefeiert werden. Das muss auch mal sein. Islamisten und sonstige Spaßbremsen werden sich mit Grausen abwenden, alle anderen sollten ihre Berührungsängste ad acta legen und sich den Spaß gönnen – und ein Eis, einen Hugo oder Caipi(rinha) am Besten gleich mit, gehört zum bei der Premiere mal wieder mit Regen aufwartenden deutschen Sommer einfach dazu.

Nächste Vorstellungen: 5. bis 8. und 12. bis 15. Juli, jeweils 20 Uhr, Comödie Dresden
Karten: Tel. 0351/866 410

Von Christian Ruf

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