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Regional „Eines Tages, Dresden“ – Julia Engelmann philosophiert im Schlachthof
Nachrichten Kultur Regional „Eines Tages, Dresden“ – Julia Engelmann philosophiert im Schlachthof
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18:24 01.04.2016
Die Poetry-Slammerin brachte Konfettiregen mit in den Alten Schlachthof.  Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

 Von einer Party kommend, im Regen laufend, redet sie sich tapfer ein, dass sie allein sein kann. Ständig wiederholt sie den Satz, während ihre Füße sie weitertragen. Sie strauchelt und muss am Ende des Weges doch zugeben: Sie kann nicht alleine sein. Die Poetry-Slammerin Julia Engelmann, deren Vortrag „One Day / Reckoning Text“ millionenfach bei Youtube geklickt wurde, sprach am Donnerstag im ausverkauften Schlachthof auf ihrer „Eines Tages, Baby“-Tour mit viel Melancholie über große Gefühle und das verwirrende Leben.

Ohne große Show oder Blitzlichtgewitter betritt die 23-Jährige das spärliche Bühnenbild und beginnt mit den Worten „Stille Wasser sind tief“. Das erste Gedicht, direkt ohne Umschweife. Wie so oft in ihren Texten geht es um das Gefühl, anders zu sein und trotzdem zugehörig sein zu wollen. Das junge Publikum hat die Rednerin sofort auf ihrer Seite. Mit ruhiger Stimme spricht sie von ihren eigenen Schwächen, berichtet von Stolpersteinen und erzählt Anekdoten, die jeder bestens kennt. Vom Moment, in dem man eben nicht allein sein kann. Von der Angst, Entscheidungen zu treffen und mutig zu sein. Oder vom Gefühl des eigenen Stillstands, obwohl die Welt da draußen sich weiterdreht.

Die Momente, in denen auf der Bühne viel Bewegung zu sehen ist, beschränken sich auf fliegendes Konfetti, das die Wortgewandte nach jedem vorgetragenen Gedicht mit beiden Händen in die Luft wirft. „Ich habe ja gehört, dass hier Konfettigrauzone herrscht“, sagt die junge Frau in einer Pause zwinkernd und spielt damit wahrscheinlich auf ein Phänomen der Stadt an, um das wohl kein Künstler mehr herumkommt. „Davon lasse ich mich nicht abhalten“, fügt sie an.

Vier Mal greift sie während der Show auch zur Akustikgitarre und trällert Lieder in einem englischen Akzent, der an Lena Meyer-Landruts Eurovision-Songcontest-Gewinnerlied „Satellite“ erinnert. Mit ihrer fröhlichen Art schafft sie es, dass das junge Publikum in ein selbstkomponiertes Lied einstimmt, obwohl niemand im Saal den Text kennt, und parodiert nebenbei typische Sängeranimationen à la „Ich kann euch wirklich überhaupt nicht hören!“.

Anstatt einer Pause folgt ein Teil, in dem Engelmann „einfach mal quatschen“ will und ihren Zuhörern die Möglichkeit gibt, Fragen zu stellen. Eine Hand voll Jungschreiber erfragt Tipps zum Texten. Irgendwann schnappt sich eine junge Dame das Mikrofon und sagt: „Ich wollte eigentlich nichts fragen, eher etwas sagen: Danke.“ Die Masse ist gerührt und klatscht. Für manche mögen die Texte der Poetry-Slammerin die moderne, aber immer noch staubig angehauchte Version von Tagebucheinträgen sein, doch die Mittzwanziger im Saal bewegt es offenbar.

Sind die Texte von Julia Engelmann auch oftmals von Traurigkeit getragen, so siegt am Ende doch immer die Hoffnung. Und wenn es nur darum geht, dass die Protagonistin sich einredet, dass es eigentlich tausend Gründe zum Lachen gibt und nur einen einzigen zum Weinen. Oder, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: „Und vielleicht geht’s auch nicht ums Happy End, sondern mal nur um die Geschichte.“

Von Juliane Just

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