Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Einer der wirklichen Wagner-Tenöre: René Kollo wird 75

Einer der wirklichen Wagner-Tenöre: René Kollo wird 75

Heldendämmerungen sind immer ein problematisches Feld. René Kollo, der im Laufe seines Sängerlebens genügend tragische, am Ende oft durch eigene oder fremde Hand gemeuchelte Mannsbilder verkörpert hat, wird sich da gut auskennen.

Voriger Artikel
Milder Trost: Brahms’ "Deutsches Requiem" mit dem Dresdner Kreuzchor
Nächster Artikel
Dresdner Sinfoniker erhalten feste Heimstatt in Hellerau

Opernsänger Rene Kollo

Nun schwimmt auch um seinen heutigen 75. Geburtstag allerlei Acrylbuntes und Trashiges mit: etwas Altherren-Erotik da, ein kleiner Steuerskandal dort, leicht fragwürdige Ausflüge ins Intendanten-, Regie- und Buchschreibermilieu - vermischte Versuche und Unfälle, wie sie die neugierige Welt halt so liebt.

Geschenkt. Der Künstler dürfte keiner sein, der nach Unfehlbarkeits-Zertifikaten strebt. Aber da, wo sich seine Fähigkeiten konzentrierten und auf den Punkt kamen, hat er eine Menge zustande gebracht und - was als Formulierung bei Lebzeiten bitte nicht defätistisch aufgefasst werden soll - hinterlassen. Runde drei Jahrzehnte war er einer der führenden (schroffer gesagt: einer der wenigen überhaupt akzeptablen) Wagner-Tenöre der Welt. Abgerundet wurde das durch Ausflüge ins Charakter-Tenorale zwischen Verdi und Henze einerseits und ins verbindlich Unterhaltsame zum anderen. Letztere sicher auch eine Art familiärer Ehrenpflicht für den Spross einer blühenden Berliner Operettendynastie, der er indessen mit Überzeugung und hörbarer Lust folgte. Schließlich war Kollo, bevor er auf die großen Bühnen kam, als Schlagersänger gestartet: den (gecoverten) Refrain von "Hello, Mary Lou" kann die damalige Schuljugend wahrscheinlich noch heute singen.

So etwas macht, zumal in deutschen Landen, die Menschen auf den heißen Kritikerstühlen leicht zappelig - und koppelte teils ins ernste Fach zurück, wo es neben Euphorie immer auch forciert kritische Stimmen gab, die manchmal so taten, als gäbe es gute Wagner-Tenöre mal eben von der Stange. Ein wenig fühlt man sich um die aktuellen Debatten um Klaus Florian Vogt erinnert. Und tatsächlich lässt sich zwischen beiden manches Verbindende finden: die respektable Bühnenerscheinung, vor allem jedoch das in besten Zeiten fast knabenhaft helle, schlank strömende, tendenziell eher lyrisch als dramatisch geprägte Timbre.

Dass es bei Kollo bisweilen allzu süffig, leicht parfümiert und dafür in exponierten Passagen schnell überspannt wirkte, ist nicht zu leugnen. Aber wo, andererseits, lässt sich ein solch strahlender Rienzi oder wirklich jugendlich wirkender Stolzing finden? Dass Karajan mit den Dresdner "Meistersingern" seine vielleicht beste Wagner-Einspielung ablieferte, ist eben auch Kollos tenoraler Leistung vor nun schon über 40 Jahren zu danken.

Dass sich die beiden Charakter-Weltmänner alsbald überwarfen, gibt dann schon wieder Futter für den Boulevard: menschelnd, amüsant auch, aber natürlich nichts, was bleibt. Doch auch da gibt es immer noch genug, um jeden aufrichtigen Glückwunsch zu rechtfertigen. Dieser hier soll dazugehören.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.11.2012

Gerald Felber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr