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Eine seltsam distanzierte Premiere von „Hexenjagd“

Staatsschauspiel Dresden Eine seltsam distanzierte Premiere von „Hexenjagd“

Geschrieben in der McCarthy-Ära, zurückreichend zu Hexenprozessen an der amerikanischen Ostküste Ende des 17. Jahrhunderts: Arthur Millers „Hexenjagd“ ist ein ausgewiesener Klassiker der Moderne. Die Premiere des Stücks am Staatsschauspiel Dresden blieb aber etwas Fernes. Die Bedrohung, die auf der Bühne abgehandelt wurde, wollte sich beim Zuschauer nicht einstellen.

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John Proctor (Matthias Reichwald) und seine Frau Elisabeth (Fanny Staffa) versuchen vergeblich, sich den Fragen von Reverend Hale (David Kosel) zu entziehen.

Quelle: Sebastian Hoppe

Dresden. Viel Holz auf der Bühne. Stämme, Bretter, später Baumstümpfe. Gleich zu Beginn wird, in Zeitlupe und musikalisch untermalt, von den Dorfbewohnern ein Baum gefällt. Später an diesem Theaterabend kristallisiert sich leider heraus, dass das Bühnenbild die Inszenierung durchaus treffend spiegelt: Hölzern war sie, die „Hexenjagd“-Premiere am Staatsschauspiel Dresden.

Man schreibt das Jahr 1692, der Ort heißt Salem, er liegt an der Ostküste eines Landes, das sich erst ein knappes Jahrhundert später den Namen USA geben wird. Dort leben als Siedler aus England geflüchtete Puritaner, deren Leben bedroht ist durch ständige Angriffe der einheimischen Indianer. Vor allem aber ist es geprägt durch Arbeit, Kinder und Gottesfurcht. Wobei die Betonung auf Furcht liegt. Daraus empor steigt der Aberglaube, der schnell den Satan am Werk sieht und Hexen überall. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zu einer Kaskade der Denunziation, der oft genug ein Todesurteil wegen Hexerei folgt.

Arthur Miller hat sich diesen Stoff gesucht, in Zeiten, in denen er sich selbst in seinem eigenen Land einer ähnlichen Atmosphäre ausgesetzt sah: in den 1950ern, mitten in der McCarthy-Ära der paranoiden Kommunistenverfolgung in den USA. Auch Miller muss sich damals Fragen und Vorhaltungen aussetzen. Und er erlebt eine schwere Enttäuschung. Elia Kazan, mit dem er befreundet war und der als Regisseur Millers „Alle meine Söhne“ (1947) und „Tod eines Handlungsreisenden“ (1949) am Broadway mit großem Erfolg inszenierte, gehörte zu denen, die Kollegen anschwärzten. Der Dramatiker soll daraufhin jahrelang mit ihm kein Wort mehr gewechselt haben.

Miller beginnt schon 1952 mit der Recherche zum Stück, nachdem ihn die Hexenprozesse von Salem bereits während seiner Studienzeit interessiert hatten. Nun ist es ist seine sehr persönliche Erfahrungswelt, die ihn zur Arbeit an „Hexenjagd“ bringt, vielleicht geradezu drängt. Dazu kommt ein frühes Lösen von der Religion. Judentum und Katholizismus sah er als „kulturelle Täuschungen, die hauptsächlich dazu erdacht worden waren, der Priesterschaft Macht zu verleihen, in dem die Menschen gegeneinander aufgehetzt wurden“.

Am Beispiel Salems fokussiert sich alles. Zwei Pole schafft Miller, um die als Hauptpersonen alles kreist: Abigail Williams (Ursula Hobmair) und John Proctor (Matthias Reichwald). Vor Monaten hatten die 17-Jährige und der doppelt so alte Proctor eine kurze Affäre, der die junge Frau immer noch hinterherträumt. Doch für Träume ist in diesem freudlosen Leben kein Platz. Also ergreift sie ihre Chance und bezichtigt das halbe Dorf der Hexerei. Vor allem, um sich selbst aus der Schusslinie zu bringen. Sie hatte mit Freundinnen nachts im Wald getanzt. Tanzen aber ist in diesen Zeiten schon verdächtig. So nimmt das Verhängnis seinen Lauf und Rache wird zum Gesetz.

Nur bleibt das auf der Bühne seltsam fern. Nie springt der Funke dieser Bedrohlichkeit über. Die Szenerie bleibt ein Guckkasten, in den der Zuschauer ungläubige Blicke wirft wie auf etwas Fremdes, Artifizielles. Regisseur Stephan Rottkamp schafft es nicht, eine Bindung zwischen Publikum und diesem doch so unglaublichen Geschehen herzustellen.

Da ist zum Beispiel Abigail. Bei Miller ist es erst die Angst, der Druck der Befragung, der sie Namen nennen lässt. Später genießt sie die Macht, die sie mit ihren Anschuldigungen über andere hat. Auf der Bühne wird das jedoch nicht nachvollziehbar. Hobmairs Abigail gibt diesem Druck, dem sie lange eher trotzig widerstand, auf der Bühne einfach zu plötzlich nach. Und auch das spätere Machtvolle bleibt wenig glaubhaft dargestellt.

Reichwalds Proctor hat seine Momente, wie jenen, in dem er die Magd Mary (Amelle Schwerk) überredet, dem Gericht die Wahrheit zu sagen: dass Abigail lügt. Die Beziehung zu seiner Frau Elisabeth (Fanny Staffa) ist brüchig. Liebe ist ein Wort, sie zeigt sich aber kaum. Was nicht nur jenen freudlosen Zeiten zuzuschreiben ist.

Hinter all dem steht, was fast immer hinter Denunziation und daraus resultierender Gewalt steckt: die Suche nach Schuld bei anderen, wie sie sie Ann Putnam (Anna-Katharina Muck) für ihre sieben kurz nach der Geburt gestorbenen Kinder bei ihrer Hebamme zu finden glaubt. Oder einfache Habgier, von der ihr Mann Thomas Putnam (Ahmad Mesgarha) getrieben scheint. Giles Corey (Albrecht Goette) wehrt sich gegen diesen Putnam, er wird erfolglos bleiben. Und Torsten Ranft überzeugt in schwarzem Mantel als Richter Danforth, der mehr ein Kläger ist.

Was bleibt? Nun, die anhaltende Gewissheit, wie schnell der Mensch bereit ist, anderen das Schlimmste zuzufügen, wogegen er für sich selbst meist um größtmögliche Nachsicht bittet. Dazu das Wissen, dass Angst nicht nur ein schlechter Ratgeber ist, sondern der wohl schlechteste überhaupt. Und natürlich die Unfähigkeit der Ankläger, das absurde Schauspiel zu beenden, nachdem Abigail den Tresor ihres Ziehvaters Reverend Parris (Oliver Simon) ausgeräumt hat und geflohen ist. Es käme ja dem Eingeständnis gleich, wie sehr die ach so gottesfürchtigen Ankläger selbst Gott gespielt haben.

Ein ordentlicher Premierenbeifall. Auch er kann aber die Distanz nicht überbrücken, die im Zuschauer diesem Szenario gegenüber zurückbleibt.

Nächste Vorstellungen: 2., 11., 21. Oktober

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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