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Regional Eine Spurensuche zum „linken“ Dresden im 130. Dresdner Heft
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08:36 16.08.2017
Dresdner Hefte 130  Quelle: dresdner hefte
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Dresden

Als dünnste Bücher der Welt gelten ja die Publikationen „Deutscher Humor“, „Englische Spitzenküche“ und das „Gesamtverzeichnis der griechischen Steuerzahler“. Andere würden hingen eher Werke wie „Stressbewältigung für Beamte“, das „Das Logbuch der Titanic“ sowie auch „Das katholische Kamasutra“ auf den drei vordersten Plätzen sehen. Und wie schaut es mit einem Werk aus, das mit den Resultaten einer „Spurensuche über 100 Jahre“ hinweg aufwartet, wie es beim aktuellen, dem 130. Dresdner Heft der Fall ist?

„Das ,linke’ Dresden“ – allein schon dieser Titel ruft doch bei dem einen oder anderen Erstaunen hervor. Gab es das oder gibt es das noch und wenn ja, ist das ansteckend? Das neue Heft und rekonstruiert mit seinen Beiträgen die Vielstimmigkeit, Ambivalenz und Problematik „linker“ Politik- und Kulturpositionen im weitgehend bürgerlich geprägten Elbflorenz. Ja, das Heft ist dünn, aber es stört nicht weiter. Es ging den Autoren der Publikation nicht zuletzt darum, einen Aspekt der Dresdner Stadt- und Kulturgeschichte ins öffentliche Bewusstsein zurückzuholen, der „oftmals eher ein Nischendasein führt“, wie Ulbricht beteuert. Ein Heft über das linke Dresden war, wie man liest, ein lang gehegter Wunsch von Hans-Peter Lühr, der über viele Jahre hinweg für die Gesamtredaktion der Dresdner Hefte verantwortlich war.

Nun ist es also unter der Ägide Ulbrichts soweit – wobei die Geschichte der Linken „ohne Bedauern und Schauern vor deren Scheitern nicht zu haben ist“, wie der Geschäftsführer des Dresdner Geschichtsvereins schreibt, der aber zudem wissen lässt: „Wer allerdings meint, ausschließlich der Linken deren Scheitern, Versagen und Verbrechen vorwerfen zu können, hat anscheinend erfolgreich verdrängt, welche bedenklichen Anpassungsleistungen und fatale Koalitionen große Teile des deutschen Bürgertums sowie Vertreter des politischen Konservatismus und Nationalismus in der eigenen Geschichte zu verzeichnen haben.“

Ansatzweise blitzt auf, dass links nicht automatisch heißen muss, dass es sich um progressive oder fortschrittliche Kräfte handelt. So kommen Mike Schmeitzner und Swen Steinberg in ihrer Studie zur politischen Presse im Dresden der Weimarer Republik nicht umhin zu konstatieren, dass bei dem kommunistischen Blatt Arbeiterstimme (AS) der Diskursmöglichkeit – zumal mit einsetzender Stalinisierung ab 1929 – „deutliche Grenzen gesetzt“ waren. In der Tat, so wie die Nationalsozialisten die Weimarer Republik und die Demokratie beseitigen wollten, so wollte dies auch die KPD, nur halt von linker Seite. Interessanter Befund: Dresden war einst politisches Presse-Gravitationszentrum, die Parteizeitungen mit sächsischem Bezug erschienen nicht vorrangig in der Verlags- und Druckereistadt Leipzig. Festgehalten wird allerdings auch, dass die Dresdner Presselandschaft mehr divers als homogen war. Zum Vergleich: Die Tagesauflage der Stadtausgabe der DVZ betrug 34 500 Stück, die der längere Zeit den Linksliberalen nahestehenden Dresdner Neuesten Nachrichten 110 000.

An sich ist das Spektrum an Themen breit gefächert. Hans-Peter Lühr steuert einen klugen Aufsatz über den zwischen allen Stühlen sitzenden Pädagogen und Räte-Revolutionär Otto Rühle sowie den Kunstwissenschaftler Erhard Frommhold bei, linke Publizisten, die in Opposition zum Stalinismus standen. Unter dem Titel „Hell leuchtet das Feuer der Revolution“ geht Frank Almai auf das komplexe Verhältnis von linksexpressionistischer Literatur und Politik während der Novemberrevolution 1918 in Dresden ein. Willy Buschak vermittelt die Geschichte des Volkshauses Dresden. Wie zu lesen ist, wären viele Dresdner Arbeiterfamilien in den Krisenjahren der Weimarer Republik ohne die Unterstützung ihrer Gewerkschaft nicht über die Runden gekommen. Das Volkshaus war „auch ein Ort praktizierter Fürsorge“, konstatiert Buschak. Und es war der unbestrittene Mittelpunkt des „linken“ Dresden, auch wenn die eher kleine KPD mit den „Schwarz-Rot-Goldenen“ – wie sie Gewerkschafter und Sozialdemokraten/Sozialisten in Anspielung auf deren Republiktreue verspotteten –  nichts zu tun haben wollte.

Grit Hanneforth vom Kulturbüro fragt, ob ein gemeinsames linkes Selbstverständnis im Gedächtnis Dresdens existiert, wobei ihre „Überlegung“ am Beispiel des Umgangs mit dem 13. Februar erfolgt. Jürgen Jenko geht danach auf die Anarcho-Syndikalisten in Dresden ein, widmet sich in der Tat völlig vergessenen linken Gruppierungen wie der Freien Arbeiter-Union Deutschlands oder der KAPD, der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Ob all der Namen und Kürzel verliert man leicht den Überblick. Josef Matzerath wirft dann einen Blick auf den linken Adel, während wiederum Harald Wagner an „Linke“ in der Kirche erinnert und beim abschließenden Ausblick verkündet, dass auch heute widerständiges Christentum gefragt sei.

Höchst interessant, gerade weil es auch um die aktuelle Erinnerungskultur geht, ist der Beitrag von Birgit Sack über den 1944 vom NS-Regime hingerichteten Kurt Schlosser. Bei allem Mut, den Schlosser zeigte: Er war an politischen Aktivitäten und Debatten nicht beteiligt. Nach der Machtübernahme der NSDAP folgte Schlosser (der übrigens 1931 auch schon mal aus der KPD austrat, weil sie ihn während einer materiellen Notlage nicht unterstützte) wie so viele andere Kommunisten den Aufrufen der KPD zum proletarischen Massenwiderstand nicht. „Doch gehörte er zu den wenigen, die angesichts der erwarteten Niederlage des NS-Regimes aus eigener Initiative den Mut zum aktiven Widerstand fanden“, schreibt Sack, für die Schlosser trotz aller faktischen Klarstellungen einen Platz in der Erinnerungskultur über das „linke Dresden“ hinaus verdient.

Christian Ruf

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