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Eine Reise ins kolumbianische „Eldorado“ im Lab 15 Dresden

Invasorenlatein spanischer Art Eine Reise ins kolumbianische „Eldorado“ im Lab 15 Dresden

„Eldorado“ als paradiesischer Sehnsuchtsort – das mystische Gold- im Hochland Kolumbiens nahe Bogotá ist das Ziel der aktuellen Reise der Compagnie Freaks und Fremde. Doch aktuelle politische Implikationen wie just beigelegter Bürgerkrieg, der Drogensumpf und -export spielen keine Rolle, dafür aber das Leid der Bevölkerung unter Kolonialismus plus Imperialismus.

Der letzte Freakdance im Lab 15 führt nach Kolumbien – seit Kolumbus als Eldorado für Europäer verrufen. Mit dabei: die JuWie Dance Company.
 

Quelle: PR/Jean Sebastian Nass

Dresden.  „Eldorado“ als paradiesischer Sehnsuchtsort – das mystische Gold- im Hochland Kolumbiens nahe Bogotá ist das Ziel der aktuellen Reise der Compagnie Freaks und Fremde. Doch aktuelle politische Implikationen wie just beigelegter Bürgerkrieg, der Drogensumpf und -export spielen keine Rolle, dafür aber das Leid der Bevölkerung unter Kolonialismus plus Imperialismus. Und das fein destilliert aus den leibhaftenden Beobachtungen, die eine zweimonatige Reise von fünf der sechs Mitspieler mit sich brachte und nun – gehörig abstrahiert, aber sehr empathisch in einer phantasievollen, dynamischen wie farbenfrohen Performance umgesetzt, in der schon bei der Premiere am Freitag nahezu jedes Detail sitzt.

Dazu haben sich die beiden Freaks-Köpfe Sabine Köhler und Heiki Ikkola, amtierende Kunstpreisträger Dresdens, die wie immer Regie und Performance verbinden, spielfreudige Unterstützung geholt: wie Dirk Neumann, den Leiter von Hoppes Hoftheater, der wie schon beim Iran-Projekt seine Offenheit auslebt – und hier einen dicken unbeholfenen glatzköpfigen Gringo mit Cowboyhut und teilweise gesichtsloser Maske gibt, der seinen großen Auftritt beim Tanz mit zwei südamerikanischen Schönheiten hat, die ihn, den unbeholfenen weißen Eckensteher mit großen, mitessenden großen Augen, derartig auf der Tanzfläche sambaisieren, dass er, einmal im Schwunge, zum Schluss durchaus ganz gut alleine tanzend zurückbleibt. Auch diese Szene ist überliefert – allerdings stürzten sich beim Sonntagstanztee echte Matronen auf die vom DJ als Deutsche enttarnten Randgäste und halfen aktiv beim hüftleichten Experiment.

Dass die Freaks selbst generell enorm körperlich und dabei elegant agieren, ist kein Geheimnis, hier ist der echte Tanz – immer wieder geschickt verwoben mit mystischem Maskenspiel und sauberen textlichen Narrationen – allerdings Sache der Jugend in Form eines Trios der JuWie Dance Company: Jule Oeft, Yamila Navarro und Alexei Bernard wirbeln so augenfreudig über die Bühne, dass man Angst haben muss, dass jene des großen Saals im Societaetstheater, wo das Stück dann pünktlich zum Rentengeburtstag der DDR aufgeführt wird, um eine Woche darauf auch die Linie-08-Reihe des Festspielhauses Hellerau zu beglücken, viel zu klein sein könnte.

Das Tanztrio spielt und spricht dabei nicht nur die großen Szenen mit, sondern sorgt für enormen Wirbel in allen passenden Stilen, gern auch mit hochhackigen Damenwaffen. Auch haben sie jenseits der gemeinen Latinobetörung große Soloauftritte: Jule Oeft als Papagei, der anfangs wie eine südliche Schwarze Witwe die Bühne erobert, um sich später mit dem Bischof von Köhler in Domestizierung zu üben. Oder Yamila Navarro, die den derben Ritter von maskulin steppender Gestalt – Alexei Bernard wurde ob der Geschwindigkeit bei der Premiere mit Szenenapplaus bedacht – bezirzt. Auch diese Metapher, gemünzt auf die erste Begegnung von Eroberern und Einheimischen vor 524 Jahren und zwei Tagen, funktioniert mit ambivalenter Eleganz.

Denn man kann das Wirken des katholischen Abendlandes nicht wirklich als Erleuchtung oder Offenbarung betrachten: Zum Beispiel, wenn Spanier wie Briten bei der Suche nach dem legendären Goldschatz, den jeder neue Herrscher – nur mit Goldstaub bekleidet – weit vor der sogenannten Entdeckung dem Sonnengott brachte, mehrfach mit widernatürlicher Gewalt einen tiefen Kratersee, den legendären Bergsee von Guatavita abzulassen versuchen. Gier plus Inquisition haben nicht nur tiefe Spuren hinterlassen, sondern letztlich ganze Kulturen weitestgehend domestiziert – ein bleibendes Trauma in ganz Lateinamerika.

Das prangert der Abend schwungvoll leichtfüßig, aber tiefschürfend an, ohne je belehrend zu wirken. Maßgeblich tragen dazu auch Daniel Williams als hintergründiger Livemusiker wie DJ und Josia Werth mit einer perfekten Lichtregie bei. So reiht sich „Eldorado“ an der Spitze in eine Reihe von fruchtbaren Kooperationen mit dem Societaetstheater, unten im Barockviertel der Inneren Neustadt. Nach „Ruanda-Memory“, „West-Östlicher Diwan # reloaded“, „Goodbye Eden“ sowie „Songs für Bulgakow“ und „Loving the Alien“ ist es bereits die sechste Perle für einen der immer rareren Anker für die Freie Bühnenszene in der gefühlten Hochkulturhauptstadt.

Mit den beiden ersten Vorstellungen oben im Ex-Industriegelände endet nach rund drei Jahren für die Freaks hingegen die Ära im lauschig-morbiden „Lab 15“, das bis 2004 von Derevo belebt wurde und nun – wie gewohnt – liebevoll feurig bis elektrisch illuminiert wurde. Ende des Jahres plant der Besitzer eine andere, für ihn erträglichere Nutzung. Nach der vollen Premiere am Freitag spielte das Trio Marmitako, der Lab-Partner Dynamite Konzerte hat derweil noch drei Termine hier geplant: Die Geburtstagsparty vom Café Combo (12.11.), die Village Disko (17.12.) und dann zum Schluss den „Last Dance im Lab Circus“ am 28. Dezember mit: Tanz, Theater, Bands und anderen Sensationen. Damit verschwindet ein weiterer Fixstern am Dresdner Kulturhimmel. Die Freak-Compagnons warnen hingegen in eigene Sache vorbeugend: „Die Zitrone hat noch immer Saft“ – was bewiesen wurde.

nächste Vorstellungen: 7./8. Oktober (je 20 Uhr) im Societaetstheater sowie 14./15. Oktober (je 21.30 Uhr) im Festspielhaus Hellerau

http://freaksundfremde.blogspot.com; www.societaetstheater.de

Von Andreas Herrmann

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