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Eine Klasse für sich: John McLaughlin in Dresdens Tante Ju

Der Altmeister des Jazz Eine Klasse für sich: John McLaughlin in Dresdens Tante Ju

Er kam, sah und spielte. Und wie. John McLaughlin und seine Band The 4th Dimension hatten in der Tante Ju einen Auftritt, der in jeder Hinsicht erinnerungswürdig bleibt. Großartige Musiker, denen eine unglaubliche Leichtigkeit eigen ist. Und eine Zugabe als „Verbeugung vor dem schlichten Rock“.

John McLaughlin

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Die vierte Dimension – das kann man programmatisch nehmen. Denn was die drei Musiker der Band plus Chef John McLaughlin auf die Bühne bringen, scheint nicht mit normalen Formeln und Begriffen fassbar.

Der Auftritt in der Tante Ju ist etwas so Besonders, dass über lange Strecken Clubchef und Hausmixer durch den Vorhang der rechten Seitenbühne lugen. Um den freien Blick kann man sie beneiden – aber ob der Sound aus den Monitorboxen so gut ist wie der im Saal?

Vermutlich nicht, und so fügen wir uns in das Los der eher Kleingewachsenen, bei solchen ausverkauften Konzerten nicht wirklich viel zu sehen. Wer an diesem Abend einen der Plätze auf der Empore oder auch nur auf der Treppe dorthin hatte, dürfte schon vorm Einlass Schlange gestanden haben...

Dass McLaughlin musikalisch eine Klasse für sich ist, wusste man ja schon. Dass es sich jedoch auch derart in seinem Verhalten zeigt, nicht. Anders als die vielen, vielen Stars und Sternchen, die „Guten Abend“ und „Danke schön“ auswendig gelernt haben, um sich beim deutschen Publikum anzubiedern, scheint er wirklich ein wenig Deutsch zu können – und nutzt es für die Ansagen, vor allem aber um gleich als allererstes seine Band vorzustellen und sich bei den Mitstreitern zu bedanken. Die er in den folgenden zweieinhalb Stunden – inklusive eine halbe Stunde Pause – absolut gleichberechtigt behandeln wird: als die Könner, die sie sind. Und allen vieren merkt man an, dass da auch immer noch mit Spaß an der Sache jazzig improvisiert wird.

So könnte das Drum-Spiel Ranjit Barots noch zur Vorstellung gehören, es geht jedoch schnell in einen satten und doch filigranen Gesamtsound aller Musiker über. Die Gitarre des Chefs fächert auf, legt uns die Töne vor, ist sofort unverkennbar. Dabei steht er ganz am Rand der mit sparsamen Lichteffekten gestalteten Bühne, lächelt entspannt, spielt ohne Anstrengung und doch konzentriert. Jazz in seiner reinsten Form.

Ebenso wie das zweite Stück, das ursprünglich für Chick Corea geschriebene „Chicks Chums“, bei dem man das erste Mal seinen Ohren nicht traut, was Etienne M’Bappe aus dem E-Bass holt. Wenn jemals der Ausdruck „knochentrocken“ gepasst hat, dann hier. Wüsste man nicht, dass die 4th Dimension für das Wahre, Gute und Schöne steht, könnte man glauben, der kleine, schmale Schwarze mit der Sonnenbrille, der mit Handschuhen spielt, habe dem Teufel seine Seele überlassen müssen für solche Fertigkeiten.

Weiter geht es mit „Abbaji“, das all die Elemente vereinigt, für die John McLaughlins Musik steht: Es beginnt mit vollem Sound, der fast unmerklich zart wird, klingt von Anfang an ost-westlich zugleich, voller Harmonie und kosmischem Gleichgewicht. M’Bappe fügt Gesang hinzu, kaum verständliche Töne zuerst, etwas wie „go, go!“, man denkt an eine Traumsequenz, und dann folgt ein wahrer Gänsehautmoment, denn klar verständlich ertönt es: „Love and understanding“, unterlegt mit Hall, in vielen Wiederholungsschleifen. M’Bappes Stimme ist hoch und sanft, und die anderen fallen ein und es wäre paradiesisch, wenn nicht an der Bar Leute arbeiten würden, die höchstens bei einer Metal-Band dort sein sollten, deren lautes Reden und Gläserklirren den Moment für alle an der linken Seitenlinie ruinieren.

Das 2014 geschriebene „Gaza City“ lässt uns Meister McLaughlin mit einer Gitarre hören, die an George Harrison erinnert, und von der man kaum genug bekommen kann. Gary Husbands E-Piano sorgt für ein friedvolles Traumszenario. Die ganze Musik umhüllt wie eine federleichte Daunendecke in frischer Damastwäsche, warm und gut. Eine bessere Welt scheint möglich in diesem Gaza. Das abrupte Ende steht wohl für das große Fragezeichen dahinter.

Mit dem als „Tour de Force“ angekündigten „Here Come the Jiis“ für den verstorbenen Mandoline-Spieler Srinivas verabschiedet die Band sich in die Pause – und tatsächlich sind auch hier wieder M’Bappes Bass-Klänge schier unglaublich, nehmen einen die versetzten Rhythmen des Free Jazz-Stückes mit auf eine Reise, in der sich die Seele entfalten kann. Bei McLaughlins Gitarre gibt es Passagen, die klingen rockig wie Led Zeppelin, und M’Bappe erwidert sie sofort; Gary Husband schlägt die Drums für eine Sequenz hölzern, und sein Spiel geht eine Vereinigung mit Ranjit Barots Percussions ein. Und wer jetzt aufgepasst hat: Ja, sowohl Husband als auch Barot spielen Drums, zwei große Schlagzeuge stehen auf der Bühne.

Eine Erinnerung an die berühmte Dreier-Formation der späten 70er und frühen 80er Jahre wird uns als Einstieg in das zweite Set mit Paco di Lucías „El Hombre que Sabre“ geboten; vor Miles Davis verbeugt die Combo sich mit „Miles Beyond“, dessen Spanne von druckvollem Rock bis nachdenklich-verfremdeten Keyboard-Klängen reicht. Und natürlich ist da wieder das Gläserklirren...

„Vital Transformation“ holt uns mit einer „richtigen“, melancholischen Melodie in eine kleine Bar, während „Light at the End of the World“ ein Netz spannt wie ein Sprungtuch. Nichts kann passieren, wenn man solche Musik hört. Der letzte große Höhepunkt heißt „Echoes from Then“, eine weitere Tour de Force. Widerständig klingt die Gitarre bei diesen Erinnerungen an das Damals, zunächst nur von Drums begleitet nimmt sie beständig Fahrt auf. Ein letztes Mal ist uns ein Bass-Gewitter beschert, wie man es vermutlich in diesem Leben nicht noch einmal hören wird, das Keyboard liefert eine zweite Melodielinie, während Percussions in eine andere Richtung locken. Sind da wirklich nur vier ganz normale Menschen auf der Bühne? Die noch dazu alle so tun, als wäre es nichts Besonderes, was sie uns da bieten? „You Know, You Know“ lautet als Antwort auf diese Frage die Zugabe, in der wir eine kleine Verbeugung vor dem schlichten Rock hören, vor allem aber perfekte Zärtlichkeit.

Von Beate Baum

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