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Regional Eine Erinnerung an die Dresdner Bildhauerin Susanne Voigt
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22:00 28.06.2016
Susanne Voigt im Atelier Quelle: Kerstin Siegel
Dresden

Jeder in Dresden kennt den weißen radschlagenden Pfau in der Stübelallee, dessen Federaugen bei seiner Aufstellung im Jahr 1978 vergoldet waren. Die große Steinplastik stammt von Susanne Voigt, eine Auftragsarbeit, entworfen in den 1960er Jahren. Zwei weitere Auftragsarbeiten aus derselben Zeit, ein Seelöwen-Paar und zwei Kraniche aus Bronze, fanden einen öffentlichen Ort im Innenhof des Altenheims auf der Gret-Palucca-Straße und im Universitätsklinikum. Das eigentliche Werk Voigts ist jedoch bis heute nahezu unbekannt. Am 31. März diesen Jahres starb die Künstlerin völlig vergessen in einem Dresdner Pflegeheim.

Susanne Voigt gehörte zu jenen wenigen Künstlern, die sich schon während der 1960er Jahre vom dogmatischen Realismusbegriff der DDR konsequent abwandten. Um den Preis von Isolation und Mittellosigkeit begann sie, menschliche Realität in eine eigenständige abstrakte Formsprache von großem Ernst zu übersetzten. Das Geistige des Menschen sollte Ausdruck finden in figuralen Bewegungslinien.

Geboren wurde Voigt am 6. September 1927 in Dresden. Sie besuchte die Handelsschule, wurde ausgebombt, arbeitete als Trümmerfrau. Zwischen 1950 und 1956 studierte sie Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Heinz Lohmar, Erich Fraaß und Walter Arnold. Ein 1960 im „Neuen Deutschland“ publizierter Artikel über die Dresdner Ausstellung „Junge Künstler“ nennt Voigt neben Gerhard Richter und Gerhard Kettner und bemängelt, dass ihre Arbeiten „in bloß konstruktiven Grundformen“ steckenbleiben. Für Voigt ist es kein Steckenbleiben, sondern der Weg, den sie unbeirrt weitergeht, orientiert an der Formsprache Barlachs, des Kubismus und afrikanischer Plastik. Ihre Büste „Oberarzt B.“, zu sehen 1966 in einer Gruppenausstellung im Leonhardimuseum, zeigt dies in erschütternder Schönheit.

Da neue Aufträge ausbleiben und der Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbst gefertigten Strohsternen bestritten werden muss, fertigt sie in den folgenden Jahrzehnten meist nur Gipsfigurinen, kleine Zeichnungen und Pastelle an. Nur wenige Arbeiten werden in Bronze gegossen. Seit den 1970er Jahren fühlt sich Voigt in ihrer desolaten Atelierwohnung in Dresden-Plauen von der Staatssicherheit überwacht. Die psychische Verfassung verschlechtert sich, ihre Arbeitsenergie bleibt ungebrochen. 1984 veröffentlicht die Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin Gabriele Muschter, eine der besten Kennerinnen unangepasster Kunst in der DDR, einen Essay über Voigt in der Zeitschrift „Bildende Kunst“. Sie versucht, der ungewohnt abstrahierenden und zugleich lebendigen Ausdrucksform Voigts Türen zu öffnen. Ein Jahr später stellt sie in der Dresdner Galerie Mitte ihre Arbeiten aus, neben einer Präsentation im Pretiosensaal der Kunstsammlungen 1977 die einzige Einzelausstellung Voigts. „Wesentlich für die Gestaltungsformen sind Keil und Spirale, Spaltung und Drehung. Die Bewegungen der Figuren sind oft stachelartig und eckig nach außen gerichtet – Abwehr. Zerbrechlich und gefährdet sind sie alle – nicht nur, weil aus getöntem Gips geformt – auch in ihrer plastischen Formsprache und ihrem Ausdruck“, schreibt Muschter im Katalog: „Der Habitus ihrer Figuren ist immer existentiell.“

Die Veränderungen von 1989/90 änderten nichts an der Lebenssituation. Susanne Voigt arbeitete unter schwierigen Bedingungen weiterhin völlig zurückgezogen, es entstanden zahllose kleine, zwischen Exzentrik und Erlösung balancierende Plastiken und Zeichnungen von starker Intensität. Mit ihnen teilte sie ihre Tage und Nächte. Am 13. Mai wurde die Künstlerin auf dem Urnenfriedhof Dresden-Tolkewitz beigesetzt. Wie ihre Arbeiten war Voigt von unbändiger Lebenskraft, kompromisslos und präzis im Urteil, geleitet von einer unnachgiebigen Strenge anderen und sich selbst gegenüber: „Das Wichtigste im Leben ist Ehrlichkeit: Stehend weinen.“

Ihr künstlerischer Nachlass harrt der Entdeckung durch ihre Heimatstadt.

Von Andreas Degen

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