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Eine Ausstellung mit Bildern von Claasen und Peter, die Zerstörungen in Köln und Dresden zeigen

Eine Ausstellung mit Bildern von Claasen und Peter, die Zerstörungen in Köln und Dresden zeigen

Er stank, und er wusste, dass er stank. Denn er kam aus den "Pestlöchern", wie er sie nannte. Wenn er eine Straßenbahn nahm, musste er meist an der nächsten Haltestelle wieder aussteigen, weil die Leute die Schwaden einfach nicht aushielten.

Kein Wunder, denn Richard Peter trug den Geruch abscheulicher Tode in seinen Kleidern. Der Fotograf machte Bilder in den Kellerlöchern, die im Nachkriegs-Dresden wieder geöffnet worden waren und in denen sich die Leichen der Bomben- und Brandopfer vom Februar 1945 fanden. En masse. Mit Hilfe von Karbidlampen der Bergleute fotografierte Peter, weil er in den dunklen Steingräbern Belichtungszeiten von 20 bis 30 Minuten benötigte. "Die Tragödie der geöffneten Keller darf der Menschheit bei der Gewissensfrage - Krieg oder Frieden? - nicht vorenthalten bleiben." Etwas pathetisch, aber die Zeiten waren entsprechend. Und so hat es Peter festgehalten, in einem Buch, mit dem er dieser Stadt immer verbunden bleiben wird: "Dresden - Eine Kamera klagt an".

Auch im tiefen rheinischen Westen des einstigen Deutschlands fühlte sich ein Mann berufen, die Zerstörung seiner Heimat zu dokumentieren. Hermann Claasen fotografiert schon während der zahlreichen Bombenangriffe auf Köln und auch nach Kriegsende. Sein daraus entstehendes Buch nennt er "Gesang im Feuerofen". Beide Publikationen gelten als die wichtigsten der Trümmerfotografie in Deutschland. Das Stadtmuseum Dresden räumt beiden Fotografen in der Schau "1945 - Köln und Dresden" entsprechend Platz ein und stellt die Bilder von Peter und Claasen gegenüber.

Dabei wird schnell klar, dass Mit-Kurator und Fotothek-Direktor Jens Bove Recht hat, wenn er bei beiden Fotografen eine "ähnliche Bildsprache, aber unterschiedliche Bildfolgen" ausmacht. Peter geht vom kurzen Blick auf das Dresden des Vorkriegs (drei Fotos) über die Abbilder der Trümmer hinab in die Leichenkeller, um dann fast kathartisch zum Wiederaufbau der Stadt zu kommen - ein Aspekt, der in der Rezeption des 1950 in der immensen Auflage von 50 000 Exemplaren gedruckten Buches aber fast völlig in Vergessenheit geraten scheint, vom Erinnern an die zerstörte Stadt ganz deutlich überlagert wird. Claasen zeigt die Apokalypse in Trümmerlandschaften entlang der zerstörten Sakralbauten Kölns, fast wie ein Pilgerweg - ohne Pilger. "Bei Claasen kommt der Mensch nicht vor", sagt Bove. Nur ein einziges Bild von Claasen zeigt das zurückgekehrte Leben, passenderweise mit der ersten Fronleichnamsprozession durch die zerstörte Metropole.

Sie sind sehr verschieden. Auf der einen Seite der Kommunist und 1949 aus der SED ausgeschlossene Peter (der laut Bove dennoch immer linientreu blieb, Sylvia Ziegner schrieb 2011 in ihrer Dissertation zu Peters Buch als Teil der Erinnerungskultur Dresdens aber auch: "Trotz späterer Versuche, ihn für die SED zurück zu gewinnen, ist er nie wieder in die Partei eingetreten. Er war enttäuscht von der SED, die ihren und seinen Idealen untreu geworden war.") Auf der anderen Seite der katholisch geprägte Claasen, dessen Bildern alttestamentarische Begriffe eingeschrieben zu sein scheinen. Er wirbt später beim Kölner Stadtkommandanten für sein Buch, indem er schreibt, er wolle denen die Kriegsfolgen vor Augen führen, die sie nicht kennen.

Was beide, Peter und Claasen, trotz sehr verschiedener Perspektiven eint, ist das Nicht-Bearbeiten (oder Ausblenden, je nach Härte des Urteils) der Schuldfrage. Denn dass der Krieg heimkehren würde, dorthin, wo er seinen Ausgangspunkt gehabt hatte, war spätestens seit 1943 klar gewesen. Diesen fehlenden "Kausalzusammenhang zwischen den Ruinenwüsten und dem NS-Regime, das, von der deutschen Bevölkerung ermächtigt, Europa in einen beispiellos verbrecherischen Krieg stürzte" kritisierte auch Jörn Glasenapp in "Die deutsche Nachkriegsfotografie". Lediglich Peter setzt ein Foto sozusagen in die Mitte seines Bandes, das zumindest indirekt die Schuldfrage verhandelt: ein fast knochenblanker Schädel, der über einem Uniformärmel mit Hakenkreuzbinde thront.

Abseits dieser Thematik und des Zeigens, dass die Zerstörung Dresdens eben keine Singularität war, lohnt sich ein Blick auf die Archivbestände. Viele der ausgestellten Fotos sind in den Büchern nicht zu finden, sodass selbst die zahlreichen Besitzer eines Peter-Exemplars noch Entdeckungen machen können - wie die zerstörte Gaslaterne und ihr Schatten an einer Mauer. Es ist die stille Überleitung ins Heute, wo Trümmerbilder wieder die Nachrichten dominieren.

bis 27. September, Stadtmuseum, Di-So 10-18, Fr 10-19 Uhr, Katalog 24,80 Euro

Jörn Glasenapp: "Die deutsche Nachkriegsfotografie", Wilhelm Fink Verlag, 56 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.07.2015

Torsten Klaus

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