Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Eine Ausstellung der Dresdner Künstlerin Marion Kahnemann in der Loschwitzer galerie am blauen wunder

Eine Ausstellung der Dresdner Künstlerin Marion Kahnemann in der Loschwitzer galerie am blauen wunder

Marion Kahnemann, 1960 in Magdeburg geboren, kam 1962 mit ihren Eltern nach Dresden. Ihr Vater, der Schauspieler war, nahm in diesem Jahr ein Engagement am Theater der Jungen Generation an.

Voriger Artikel
Let?s Honky Tonk!
Nächster Artikel
Die Faröerin Guðrið Hansdóttir bezauberte in der Dreikönigskirche Dresden

Marion Kahnemann. Meinwärts. 2012. Assemblage.

Quelle: Repro: Marion Kahnemann

Er war wesentlich älter als die Mutter, kam 1950 aus der Emigration in Bolivien und wollte bewusst in das damals vermeintlich bessere Deutschland. Weltoffen und auch an den anderen Künsten interessiert, animierte er die Tochter schon in früher Jugend, Kunstausstellungen zu besuchen und einem Keramikzirkel beizutreten. Der von ihr geliebte Vater starb, als sie 17 Jahre alt war. Da er aus einer jüdischen Familie stammte, suchte sie sofort nach seinem Tod Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Dresden. Gleichzeitig begann sie ein Abendstudium an der Kunsthochschule, wo sie den Bildhauern Michael Göttsche und Dietrich Nitzsche begegnete.

Nach dem Abitur und zwei Jobs zur Überbrückung begann sie 1981 ein Studium an der Abteilung Plastik der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Dietrich Nitzsche, der mit ihr von der Abendschule an die Hochschule gewechselt war, und Helmut Heinze, bei dem sie 1986 diplomierte, waren dort besonders prägend. Seitdem freischaffend, hatte sie eine stattliche Anzahl an Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland, Bulgarien, Russland, der Ukraine, Polen, Schweden, der Schweiz und dem US-Staat Kalifornien. Seit 1991 hat sie einen Lehrauftrag für plastisches Gestalten am Dresdner St.-Benno-Gymnasium, der ihr bis heute das Nötigste sichert.

1991 reiste sie zum ersten Mal nach Israel auf der Suche nach der Verwandtschaft des Vaters, die sie auch fand. In Israel folgten 1996 und 2000 eine ausgedehnte Studienreise und ein Arbeitsaufenthalt. In Schweden betrieb sie umfangreiche Studien jüdischer Kultur und Schriftkultur. 2008 und im letzten Jahr wurde sie von der Berliner Stiftung "Zurückgeben" unterstützt, welche neben anderen Persönlichkeiten von Albert Speers Tochter mitbegründet wurde. Von Marion Kahnemann gibt es mehrere Arbeiten im öffentlichen Raum, unter anderem in Dresden einen Brunnen im Hof des Elsa-Fenske-Heims und die drei gläsernen Bänke der "Denkorte" von 2009, die an die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerungsgruppe der Stadt erinnern.

Ihre plastische Bildsprache war frühzeitig geprägt von der Faszination archaischer Kulturen, mittelalterlicher Buchillustration, romanischer Plastik und ethnographischer Kunst. Giacometti, Miró und Dubuffet sind ihr gleichermaßen wichtig. Frühe figurative Arbeit in Gips und Stein gab sie schnell wieder auf zugunsten reichhaltiger Materialcollagen in Form skulpturaler Objekte und reliefartiger Assemblagen. Wie viele Künstler im 20. Jahrhundert, erinnert sei nur an Kurt Schwitters und Willy Wolff, entfremdet sie Fundobjekte unterschiedlichster Herkunft und banale Gegenstände der Alltagswelt in neuen Zusammenhängen und Sinngebungen zum Material ihrer poetischen Kompositionen voller geistiger Sprengkraft.

Marion Kahnemanns Werk ist direkt oder indirekt durchdrungen von biblischen und jüdischen Themen und Geschichten. Sie signiert ihre Arbeiten inzwischen hebräisch. Das Triptychon "Eins, Zwei, Viele-" von 2012 zeigt die ersten zwei Buchstaben "Aleph" und "Beth" und dann das ganze hebräische Alphabet. Gleichzeitig bedeuten die Buchstaben die Zahlen "Eins", "Zwei" und so weiter. Darüber hinaus legt die Künstlerin in dem Triptychon die beiden unterschiedlichen Schöpfungsgeschichten dar - ebenso wie in der Arbeit "Adam und Eva" von 2005: den zersägten Hermaphrodit und die Geschichte mit der Rippe. Und dann kam mit Kain und Abel und den "Vielen" die Gewalt in die Welt-

Analog den oben erwähnten Fundobjekten kombiniert sie jüdische Lyrik von Else Lasker-Schüler, Jehudah Amichai, Gertrud Kolmar, Rose Ausländer oder Gedanken des Religionsphilosophen Martin Buber mit ihren Arbeiten.

2010 reiste sie auf Einladung jüdischer Studenten der Ukraine, die sie in Schweden kennengelernt hatte, in das Gebiet um Tschernobyl. Diese Reise wurde zum Kunstprojekt auf der Suche nach jüdischen Spuren in dieser Region. In Erinnerung an Victor Klemperer stellte sie zur Reaktor-Katastrophe eine "Lingua Contaminatii Imperii" zusammen, die Begriffe wie "Staatliches Radio-Ökologisches Naturschutzgebiet" oder "Bio-Roboter" enthält. Einige Arbeiten aus diesem Kunstprojekt sind in der Ausstellung enthalten. Die Skulptur "Hinter der Heimat" von 2008 - benannt nach einer Zeile aus dem Gedicht "Entfremdung" von Rose Ausländer - könnte einer dieser ausgebrannten menschlichen "Bio-Roboter" sein. Ein Wunder-Rabbi aus dem Tschernobyl des 18. Jahrhunderts hatte der Region eine Katastrophe vorausgesagt. Joseph Roth schrieb 1927: "In Rußland ist der Antisemitismus ein Mittel zu regieren." Dieser ist auch in der heutigen Ukraine traditionell groß.

Dagegen ist in Weißrussland, wohin die Künstlerin 2011 reiste, die jüdische Bevölkerung einfach vergessen und aus der Zeit gefallen. Davon zeugt die zweiteilige Arbeit "Der Tunnel" aus dem letzten Jahr. In der Stadt Novo-Grudok ist über den Grundmauern der Synagoge ein Parkplatz entstanden.

Die Skulptur "Sabra" von 1996 - Kaktus aus der Negev-Wüste oder Selbstbildnis? - könnte sich in der Assemblage "Meinwärts" von 2012 spiegeln, die der Ausstellung den Titel verleiht. Letztere Arbeit ist benannt nach der Schlusszeile aus Else Lasker-Schülers Gedicht "Weltflucht" und lässt weitere spannend-stachlige Arbeiten von der Hand Marion Kahnemanns erwarten.

Bis 30. März, galerie am blauen wunder, Pillnitzer Landstraße 2, Do-Sa 14-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.03.2013

Gunter Ziller

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr