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Regional Ein sehr persönlicher Nachruf auf Günter Blobel
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11:20 22.02.2018
Günter Blobel beim 7. Wiener Nobelpreisträgerseminar im Oktober 2012 Quelle: imago

„Mach Die keine Sorgen, es ist noch nicht der Punkt“. Das sagte mir Günter Blobel bei unserem letzten Telefonat vor zwei Wochen. Er war ein Mensch, der schwierige Dinge ungern direkt ansprach. Und mit „Punkt“ war der Tod gemeint. Also sprachen wir über den nächsten Dresden-Preis und dass er doch unbedingt wenigstens zum 10. im Jahr 2019 dabei sein sollte. Ja, das möchte er gern, sagte er. Er hatte noch Hoffnung. Aber seine Stimme war schwach geworden, gebrochen. Diese Stimme, die sonst so dröhnend war, so stark. Und er sprach von seinem Haus am Neumarkt. Sein langer Traum, den er gern selbst noch verwirklicht sehen wollte.

Es fällt mir unglaublich schwer, diesen Text zu schreiben nach einer durchweinten Nacht. Wir waren lange befreundet, und über zehn Jahre war Günter Blobel einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich wusste schon einige Stunden zuvor, dass er sterben wird. Ich wollte ihn nach der Verleihung des Dresden-Preises an Tommie Smith am Sonntag anrufen. Er war so glücklich über die Wahl des Preisträgers, wollte Smith unbedingt selbst einmal treffen oder wenigstens mit ihm telefonieren. Aber ich erreichte nur Blobels Frau, die sagte, dass sich sein Zustand dramatisch verschlechtert habe. Und dass ihr der Arzt gerade gesagt hatte, er hätte höchstens noch zwei Tage zu leben. Drei Stunden nach dem Gespräch starb er.

Dabei hatte ich so gehofft, dass er es wieder schaffen wird. Wie er es doch immer geschafft hat. So oft an der Katastrophe vorbeigeschrammt. Als er neun war, verfehlte eine russische Pistolenkugel in Freiberg nur ganz knapp seinen Kopf. Im September 1998 buchte er Stunden zuvor einen Flug in die Schweiz um. Das damit verpasste Flugzeug stürzte ab, alle starben. 2010 platzte in seinem Leib an Aneurysma. Dramatisch, wie es wenige überleben. Aber er tat es. Warum nicht auch jetzt, wo ihn der Krebst gepackt hatte, dachte ich mir. Aber auch die scheinbar Unsterblichen sterben. Und das tut einfach nur weh.

Ja, ich könnte jetzt wie alle heute über seine Verdienste, seine Auszeichnungen schreiben, Aber da war noch mehr, viel mehr, und zwar der Mensch Günter Blobel.

Einfach war er nicht. Aber wäre er einfach gewesen, hätte er auch nie groß sein können. Und groß war er, in vielerlei Hinsicht. Ich habe lange darüber nachgedacht, welches Wort ihn am besten beschreibt. Und ja, es ist Leidenschaft. Alles, was er tat, tat er mit Leidenschaft. Als ich ihn das erste Mal traf, war es in New York, wo er vielen Honoratioren erklärte, welch großes Projekt der Wiederaufbau der Frauenkirche ist. Ich hatte ihn vorher nie getroffen und wunderte mich zunächst über diesen großen Mann, der da auf dem Podium mit rudernden Armen und leidenschaftlicher Stimme über die Frauenkirche sprach. Er konnte nicht anders, es ging nur mit absoluter Leidenschaft. Niemals war irgendetwas bei ihm Attitüde, alles war echt. Ein zweites Wort, das Günter Blobel beschreibt. Echt.

Alles war echt, was er tat, alles ernst gemeint. Gleich, welche Diskussion er anstieß, er war überzeugt, dass es richtig ist. Niemals war Selbstdarstellung der Zweck. Das hatte er einfach nicht nötig, so groß wie er war. Auch in der Hinsicht wurde er missverstanden.

Natürlich: Er war auch ungeschickt, Diplomatie konnte er nicht, und hat sich manchmal damit Feinde geschaffen (auch in Dresden), die gar keine hätte sein müssen. Vieles, was im Streit endete, war letztlich ein Missverständnis. Aber er war auch nicht der Mann, der das Missverständnis hätte auflösen können.

Und ich hatte noch nie vorher einen Mann getroffen, der noch so sehr Kind war. Staunend, völlig unverfälscht, grenzenlos neugierig. Das hatte er auch immer gesagt, dass er das Kind in sich nie verlieren möchte, Hat er nicht, bis zum Ende nicht. Ohne diese Eigenschaft hätte er es als Wissenschaftler nie so weit gebracht. In einem Gespräch sagte er, was so simpel klingen könnte. Wenn ich mir die Zelle anschaue und was da passiert, frage ich mich einfach, wie würde ich das machen. Es war letztlich sein fast naiver Blick auf eine so komplizierte Materie, die ihm den Nobelpreis einbrachte. Ein Naiver mit einem unglaublichen Wissen. Wenn man mit ihm spazieren ging, ob in Dresden, Berlin oder New York, wusste er so viele Details über einzelne Plätze, dass einem schier der Kopf zu platzen schien beim Zuhören.

Was wenigen bewusst ist, er hat nicht nur einen Nobelpreis bekommen, er hat ihn allein bekommen. Das gibt es nahezu nie. Und wie er kämpfen musste zuvor. Eben wegen der Idee, die ihm dem Nobelpreis verschafft hatte, wurde ihm zuvor die Förderung gestrichen. Es sei zu ungewöhnlich, zu schrägt, was er sich da ausgedacht hatte, meinten die ehemaligen Geldgeber. Aber genau das war er, das machte seinen Erfolg aus, ungewöhnlich sein, anders denken als alle anderen. Schräger sein, nicht in irgendeine Norm passen.

Ein Charakterbild, das in einer eher kleinen Stadt wie Dresden nicht immer verstanden wird. Für seine Spende an die Frauenkirche hätte er für immer einen Platz auf einem Dresdner Sockel behalten können. Aber Sockel waren ihm nie wichtig. Deshalb tat er auch Dinge, von denen er wusste: nicht sockelgeeignet.

Er wusste vorher, dass sein Engagement gegen die Waldschlößchenbrücke nicht den Beifall aller finden würde. Er tat es trotzdem aus Überzeugung heraus, dass es richtig ist. Wie viel an Kraft, Lebenszeit es ihn gekostet hat, wissen nur die wenigsten. Der Hass, der ihm danach entgegenschlug von mancher Seite, tat ihm weh. Aber er machte trotzdem weiter.

Mit dem Dresden-Preis sah er eine Chance, beides zu verbinden: die tragische Zerstörungsgeschichte der Stadt und ein Zeichen für die Zukunft. Als Günter Bobel den ersten Preisträger Michail Gorbatschow traf, sagte er, dies sei einer der schönsten Tage seines Lebens gewesen.

Anfang November letzten Jahres habe ich Günter Blobel ein letztes Mal in New York getroffen. Er war geschwächt von einer dreimonatigen Chemotherapie. Aber selbst die konnte seine Leidenschaft nicht abtöten. Er wollte so viel wissen, über so viel sprechen und hatte noch so viele Pläne.

Noch in einem unseren letzten Gesprächen schwärmte er von einem jungen Wissenschaftler, neu in seinem Labor. Der habe sensationelle Ideen, meinte Blobel. Und er selbst habe Lust, diese Ideen mit umzusetzen, sagte er. Er plante für die nächsten drei Jahre und wusste nicht, dass ihm nur noch drei Wochen bleiben würden. Aber genau so war er: Nie aufgeben, nie zweifeln, der Sieg ist immer die oberste Option.

Diesmal hat er leider verloren. Ich vermisse ihn. Und dieses Gefühl wird bleiben für immer.

Anteilnahme am Tod des Forschers und Mäzens

„Er wird schmerzlich vermisst werden“, erklärte Richard Lifton, Präsident der New Yorker Rockefeller University, an der Blobel rund 50 Jahre wirkte. Der Forscher sei eine Wissenschaftsikone, die einen außerordentlichen Beitrag für die Grundlagen der Zellbiologie und Biochemie geleistet habe.

„Günter Blobel hat sich über Jahrzehnte mit so viel Kraft und großem Herzen für Dresden eingesetzt, wie es ein wahrer Freund zu tun vermag“, erklärte Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch. Sie erinnerte auch daran, dass der Nobelpreisträger auch kritische Töne anschlug. Das hatte Blobel beispielsweise bei der umstrittenen Waldschlößchenbrücke getan, die Dresden den Verlust des Unesco-Welterbetitels eintrug. Klepsch erwähnte die Projekte, bei denen sich Blobel in der Elbestadt einbrachte – neben der Frauenkirche waren das unter anderem auch der Neumarkt, das Palais Großer Garten und die Synagoge.

In Freiberg hatte Blobel, der hier zu Schule ging und sein Abitur machte, die Ehrenbürgerschaft erhalten. Mit Blobel verliere Freiberg einen Botschafter der Universitätsstadt, der ein wichtiges Vorbild für lernende und studierende Jugendliche war, hieß es in einem Schreiben der Stadtverwaltung: „Er war ein kritischer Begleiter unserer Stadt.“

Von Heidrun Hannusch

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