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Ein archiviertes Leben - Martin Walser las im Militärhistorischen Museum Dresden

Ein archiviertes Leben - Martin Walser las im Militärhistorischen Museum Dresden

"Ich sammle mehr, als ich verkraften kann", gibt Martin Walser zu, ohne dabei in Verlegenheit zu geraten. Der 87-jährige Verfasser von über 30 Romanen hält ein solches Bekenntnis aus, sind ihm die Chronistenwut und das Anschreiben gegen das Vergessen doch niemals so außer Kontrolle geraten wie jenem Manfred Ranft, den er in seinem Buch "Die Verteidigung der Kindheit" (1991) porträtiert.

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Martin Walser

Quelle: Karin Rocholl

Aus diesem Dresden-Roman las Walser im Militärhistorischen Museum, passend zur aktuellen Sonderausstellung "Schlachthof 5", die literarischen Auseinandersetzungen mit der Zerstörung Dresdens gewidmet ist (DNN berichteten).

Wie der Original-Ranft, dem Walser seinen Protagonisten Alfred Dorn "als Tangente anlegt", denn so gewesen sei, wollte Moderator Christoph Amend (Chefredakteur des ZEITmagazins) vom Autor wissen. Man lese das Buch, schnurrte der Grandseigneur vom Bodensee zurück. Es gab dann im Lauf des Abends noch einige dieser alemannisch dahingebrummten Bonmots, so dass sich im aus allen Nähten platzenden Auditorium des Museums erst gar keine museal verordnete Gedenktagsstimmung breitmachen konnte. Walser servierte autobiographische Anekdoten und hatte für Dresdens neue Rechte nicht mehr als mildes Desinteresse übrig.

Das Werkstattgespräch zwischen Walser und Amend entwickelte sich aber zum gehaltvollen "Making-of" eines Romans: Bekannte des verstorbenen Ranft hatten 1988 unangemeldet an Walsers Tür geklopft und dem Autor, der bereits seit den 1970er-Jahren öffentlich gegen die deutsche Teilung angestritten hatte, mehrere Kisten mit Fotos, Postkarten und Briefen des gebürtigen Dresdners überlassen. All dessen private Erinnerungsschätze waren im Februar 1945 dem alliierten Bombardement zum Opfer gefallen, die Tragödie ließ den lebenslang Einsamen nicht los, der jedem Fetzen dokumentierter Biografie bis zu seinem Tod nachspürte. Walser witterte einen großen Stoff, befragte Bekannte und Verwandte Ranfts, sammelte Geschichten zu einem Dresden-Mosaik, das sich - wie er selbst zugibt - "aus der vernichteten Vergangenheit nährt". Die Mär vom mutterliebenden, ewigen Primus Alfred, der die deutsche Teilung stellvertretend erleidet und daran scheitert, wieder ins Paradies der Kindheit zurückzufinden, kam 1991 zur rechten Stunde. In die "Verteidigung" waren in der Euphorie der Nachwendezeit auch diejenigen verliebt, die eigentlich schon jahrelang keinen Pfifferling mehr auf den Erzähler Walser gegeben hatten, ihr Fähnchen aber nach dem Wendewind zu drehen wussten. Marcel Reich-Ranicki zählt übrigens nicht dazu, obwohl ihm das ZEIT-Magazin (vor zwei Wochen) und sein Chefredakteur Amend (in seiner Moderation) dieses Lob in den Mund gelegt haben. De facto hatte der in Bezug auf Walser chronisch miesgelaunte Literaturpapst ironisch von einem Triumph der Literatur gesprochen, damit aber das Kunststück des Verlags gemeint, zigtausende Exemplare dieser "langweiligen Mitteilungsprosa" (O-Ton) an den Mann zu bringen.

Tatsächlich ist Walsers Roman nicht für jeden, schließlich entspricht seine dichte Chronik Alfreds Utopie, nichts undokumentiert zu lassen. Gegenwart bedeutet für Walsers Helden bloß "den Zwang, die Vergangenheit zurückzulassen" - ein Satz, der den Dresdnern genauso wie Musik in den Ohren klingt wie des Autors wiederholte Rückfrage: "Kennen Sie das noch?" Während der Lesepassage, die das Publikum ins Jahr 1956 versetzte, gab es wiederholt anerkennendes Raunen, wenn ein bekannter Straßen- oder Ortsname fiel.

Seine Zuhörer bescherten ihm ein Heimspiel mit Zwischenapplaus, zum Schluss Ovationen. Da ließ sich Walser dann sogar übermütig zum Publikumsflirt hinreißen - ihm sei immer noch jeder willkommen, der einen Stapel Postkarten vorbeibringen wolle. Wenn sich da mal nicht bald ein Trupp sammelwütiger Dresdner am Bodensee einfindet!

Walser: Frauenkirche ist Vorbild für Berlin

Berlin soll sich laut Martin Walser beim Wiederaufbau des Stadtschlosses die Dresdner Frauenkirche zum Vorbild nehmen. "Wenn es den Berlinern gelingt, das Schloss so herzustellen wie den Dresdnern die Frauenkirche, sage ich ja", erklärte Walser im Militärhistorischen Museum in Dresden. Walser betonte, in der Frauenkirche stünden sogar die Steine wieder an der Stelle, an der sie original standen. "Das ist schon krankhaft genau, wie das gemacht wurde. Und wenn das gelingt, ist es lächerlich, noch von Erst- und Zweitschöpfung zu reden. Das ist nur noch Ideologie."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.02.2015

Wieland Schwanebeck

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