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Ein Schwede inszeniert "Faust" im Dresdner Schauspielhaus

Ein Schwede inszeniert "Faust" im Dresdner Schauspielhaus

Seine erste Dresdner Regiearbeit ist gleichzeitig die persönliche Deutschland-Premiere: Linus Tunström, seit sieben Jahren Direktor am Stadttheater Uppsala, inszeniert den neuen "Faust" im Schauspielhaus.

Tunström gilt in Schweden als eher seltener Vertreter körperbetonten Spiels. Die Vita, seine Vitalität und der Besetzungszettel versprechen auf jeden Fall einen außergewöhnlichen Abend ganz ohne Filmeinspiele, Nebenrollen und Kollateralschäden - dafür mit vier Fäusten und zwei Mephisti. Und - auch das sein Wunsch - Christine Hoppe als Gretchen. Kurz vor der Premiere sprachen die DNN mit ihm, wobei Regieassistent Frederik Tidén simultan in Echtzeit druckreif übersetzte.

Frage: Wie sind Sie ans Theater geraten?

Linus Tunström: Ich dachte ursprünglich, es sei eine gute Art, Mädels kennenzulernen. Mit 16 war das Problem gelöst, ich hatte eine Freundin und spielte dann Theater des Theaters wegen. Und mein Liebesleben gleicht seither dem anderer Leute.

Und wie war dann der Schritt zum Profi?

Nach der Jugend kam ich mit 19 in Kontakt mit einer freien Theatergruppe in Stockholm. Das war die beste, die ich je gesehen hatte: sehr körperlich, sehr gewaltsam. Ich fing dort während eines Filmdrehs an, als Statist den Boden zu wischen. Der künstlerische Leiter hat meine Energie gesehen und mich daraufhin als Schauspieler und Regieassistent engagiert. Zu meinem 20. Geburtstag durfte ich als Geschenk das erste Mal professionell Regie führen. Es wurde ein Riesenerfolg. Zu dem Zeitpunkt war ich schon in Paris auf der internationalen Theaterschule. Journalisten kamen sogar bis nach Frankreich, um mich zu interviewen. So verpasste ich den Jubel des Publikums zu Hause.

Warum haben Sie sich gegen das Spiel und für die Regie entschieden?

Das war erst ein paar Jahre später. Ich wäre wahrscheinlich nur ein mittelmäßiger Schauspieler geworden - aber ich glaubte, ein guter Regisseur werden zu können. Meine frühen Vorbilder waren Pina Bausch und Tadeusz Kantor, also Leute, die im assoziativen Raum mit viel Bewegung und Musik arbeiteten.

Das war gewagt. Welche Kompetenzen, denken Sie, sind Ihnen dafür zu eigen?

Natürlich war es gewagt. Anfangs war ich noch sehr schüchtern, aber ich hatte schon immer Bilder und Stimmungen im Kopf, die ich gerne auf der Bühne sehen wollte.

Sie inszenieren zum ersten Mal in Deutschland - und dann sofort "Faust". Wie kommt man auf eine solche Idee?

Selbstverständlich ist das ein wenig verrückt. Aber ich mag große Stoffe, große Erzählungen. Und wenn das Publikum den Text gut kennt, eröffnet das mehr Möglichkeiten, um mit dessen Assoziationen zu spielen. "Faust" ist auch in Schweden ein bekanntes Stück und ein bekannter Mythos.

Wird "Faust" in Schweden oft gespielt?

Nein, das Stück gehört nicht zum Kanon und auch nicht zum Schulstoff. Es gibt vielleicht alle zehn Jahre eine neue Version, irgendwo auf dem Land. Der jüngste "Faust" liegt 15 Jahre zurück und wurde an einem Kinder- und Jugendtheater inszeniert. Aber daher ist es viel leichter, sich ihm zu nähern.

Haben Sie denn selbst "Faust" schon einmal auf der Bühne erlebt?

Nein.

Und wie konnten Sie sich dann dafür erwärmen?

Die Entscheidung fiel im Frühjahr und relativ schnell. Wir haben uns über mehrere Stücke für Dresden unterhalten. Als ich dann "Faust" vorschlug, war sofort eine ganz andere Energie im Raum. Es war allen wichtig, einen deutlichen Zugriff zu bekommen. Der Intendant und die Dramaturgie wollten keine normale, brave Inszenierung von mir, sondern eine mit einer sehr persönlichen Note.

Und welchen persönlichen Zugang haben Sie gefunden?

Einen intuitiven, denn die Geschichte gleicht einem Road Movie. Ich wollte das ganze Geistige und Metaphysische auf eine feste Ebene, auf den Boden holen. So steigen wir auch erst bei Fausts Lebenskrise ein.

Haben Sie denn herausgefunden, was des Pudels Kern ist?

(Lacht.) Nein, aber wir haben einen dabei - und er wird überleben.

Sie haben schon öffentlich verraten, dass sie mit vier Fäusten in einem Krankenhaus agieren werden...

Der Ort, an dem die Frage nach dem Sinn des Lebens am häufigsten gestellt und beantwortet wird, ist das Krankenhaus. Und diese Frage betrifft jeden - egal, in welcher Lebenssituation er sich gerade befindet. Daher gibt es mehrere Fausts - ein Raum voller Menschen, die sich diese Frage stellen. Es geht aus meiner Perspektive um die Mittelschicht, die Teil des Systems ist, es aber nicht zu steuern vermag, gleichwohl sie es sehr gern täte.

Ihren ersten Mephisto spielt Rosa Enskat - warum eine weibliche Besetzung?

Warum nicht? Wir haben uns entschieden, alle Nebenrollen wegzulassen und dass alle Beteiligten Teil des Krankenhaussystems sind. Auch Mephisto. Er ist eine Gestalt ohne Eigenschaften, jemand der immer da ist, aber an den man gar nicht denkt. So ist Mephisto ein Therapeut oder eine Therapeutin.

Physio- oder Psychotherapeut?

Physio!

Wichtige Frage für "Faust"-Freunde: Wie halten Sie es mit dem Osterspaziergang?

Es gibt die Essenz der Szene - im psychologischen Bogen von Faust zur Neuerweckung der Lebensgeister.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Vergleich von deutschen und schwedischen Theatern?

Beide haben - aus der reinen Arbeitsperspektive - Vor- und Nachteile. Die deutschen Theater produzieren unwahrscheinlich viel und sind daher schneller. Dadurch sind die Schauspieler auch eher auf Betriebstemperatur, gehen spontaner aus sich heraus und sind vor den Premieren angstfreier. In Schweden brauchen sie mehr Zeit. Ein Grund könnte sein, dass Brecht und seine Schule so bei uns nicht stattgefunden hat. In Schweden hat man sich mehr am psychologischen Realismus, also zum Beispiel an Stanislawski, orientiert. Meiner Art zu inszenieren kommt das schnelle Draufwerfen der Deutschen natürlich entgegen.

Premiere am Sonnabend, weitere Termine am 2., 8., 17. und 26. Dezember (jeweils 19.30 Uhr)

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.11.2014

Andreas Herrmann

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