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Ein Schuster, der nicht bei seinen Leisten blieb

Ausstellung in der Schlosskapelle Dresden Ein Schuster, der nicht bei seinen Leisten blieb

Eine Ausstellung in der Schlosskapelle des Dresdner Residenz widmet sich der Gedankenwelt des mystischen Görlitzer Philosophen Jakob Böhme

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Blick in die Sonderausstellung „ALLES IN ALLEM. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ in der Schlosskapelle des Residenzschlosses.

Quelle: Foto: Oliver Killig/SKD

Dresden.

Von der ganzen Natur, die er schon mal gern als „Leib Gottes“ bezeichnete, und ihrer „instehenden Geburt“ habe er seine ganze Philosophie, Astrologie und Theologie studiert und nicht von Menschen und durch Menschen, ließ Böhme, geboren 1575 in Alt-Seidenberg bei Görlitz, die Mitwelt wissen. Angefangen hatte alles – jedenfalls was das philosophische Gedankengebäude angeht – mit einer mystischen Vision im Jahr 1600. Böhme brauchte zwölf Jahre, um seine Vision in der berühmten Schrift „Aurora – Morgenröte im Aufgang“ zu verarbeiten, die der gelernte, aber nicht bei seinen Leisten bleibende Schuster in einer Art Schreibrausch innerhalb von fünf Monaten verfasste. In Bürger- und Adelskreisen ging das Schriftstück von Hand zu Hand, es entstanden geistige Freundeskreise durch halb Europa, aber es fanden sich auch erbitterte Gegner.

Böhme, den viele zu den wichtigsten deutschen Denkern zählen (Karl Marx etwa versicherte: „Dieser Schuster war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster), der aber wie auch sein Werk nicht allzu bekannt ist, widmen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) nun eine „Alles in allem“ betitelte Ausstellung. Und zwar in der Schlosskapelle, die dafür mit Stellwänden vollgestellt ist, so dass ob der Premiere in Sachen musealer Funktion in punkto Livemusik erstmal nichts läuft.

Neben Manuskripten und gedruckten Ausgaben der Schriften Böhmes werden Grafiken, Gemälde, wissenschaftliche Instrumente und Objekte des Kunsthandwerks gezeigt. Es sind nicht zu knapp Porträts des 1624 in Görlitz verstorbenen Jakob Böhme versammelt, zeitgenössisch ist allerdings keines davon. An ungewöhnlichen Dingen ist kein Mangel, als da wäre etwa der „Philosophische Turm“, eine Leihgabe aus dem Museum in Bautzen. Er bezeugt das hermetische Denken im 17. Jahrhundert. Auf einer schwarzen Pyramide befinden sich die Symbole der sieben Planeten des Ptolemäischen Systems.

Ein Ausstellungsraum wird Gedankengebäude

Ein Ausstellungsraum wird Gedankengebäude.

Quelle: Oliver Killig

Für einen begrenzten Zeitraum verwandelt sich der ehemalige Sakralraum also in ein begehbares Gedankengebäude, in dem versucht wird, die Ideen Böhmes anschaulich fassbar zu machen. Sieben zentrale Begriffe in den philosophischen Schriften – Natur, Finsternis, Schöpfung, Kosmos, Wiedergeburt, Licht und Freiheit – bilden das Grundgerüst des Rundgangs. Die Begriffe bauen aufeinander auf – um zu zeigen, dass Böhmes Gedankenwelt ein integriertes Ganzes ist, in dem das Verständnis von Naturprozessen und die Idee von der Beschaffenheit des Universums eng mit der Konzeption der Gottheit und der Erneuerung des menschlichen Lebens verbunden sind.

In einigen Ecken gibt es Verknüpfungen zu Zeitgenossen und Künstlern aus späteren Jahren, die Böhmes Ideen aufgegriffen haben. Auch sonst geht es in der Schau um Wirkungsgeschichte. Schon mal von Franz/Francis Daniel Pastorius gehört? Der wanderte einst nach Nordamerika aus und initiierte am 18. Februar 1688 dort mit anderen den ersten Protest gegen die Sklaverei – angeregt durch Gedanken Böhmes über die Freiheit.

Böhme ging es um den Versuch, die Idee der Reformation zu erneuern. In einer Zeit, in der neue wissenschaftliche Erkenntnisse das alte Weltbild ins Wanken gebracht hatten, war es sein Anliegen, die gegensätzlichen Denkrichtungen miteinander in Einklang zu bringen, wie Kuratorin Claudia Brink erklärt. Religion und Wissenschaft sah Böhme nicht im Widerspruch zueinander, vielmehr war für ihn die Erforschung der Natur unmittelbar mit der Erkenntnis Gottes verbunden. Zudem setzte er alles daran, gegensätzliche Kräfte – Licht und Finsternis etwa oder auch Frau und Mann – in Einklang zu bringen.

Böhme hatte nicht nur Fans. Der ganz der lutherischen Orthodoxie verpflichtete Görlitzer Oberpfarrer Gregor Richter bekämpfte die naturphilosophisch-theosophischen Überzeugungen des sich auf ganz unterschiedlichen Wissengebieten tummelnden Autodidakten Böhme vehement. Es kam gar nicht gut an, dass Böhme etwa Gott ein weibliches Element attestierte, wenn er schon alles im Universum verkörpert. Ein Manuskript der „Aurora“ wurde dem Görlitzer Magistrat übergeben. Die Reaktion der Stadtobrigkeit war – für damalige Verhältnisse – nicht allzu hart. Die Originalkopie des ohnehin schon in mehreren Abschriften kursierenden Buches wurde konfisziert, Böhme erhielt ein Schreibverbot. Schließlich ignorierte er das verhängte Schreibverbot und verfasste ein Werk nach dem anderen. 30 Schriften in sechs Jahren. Ein Schelm bzw. Hundsfott, wer „Vielschreiber“ denkt.

Heutigen Überzeugungen kommt entgegen, dass Böhme „sich für Toleranz aussprach und für verfolgte Minderheiten einsetzte“, wie Marion Ackermann wissen ließ, die Generaldirektorin der SKD. Für Böhme waren auch Nicht-Christen Teil des göttlichen Plans. Auf einer Tafel zu Beginn ist groß und breit zu lesen: „Warlich es ist nur ein Gott [...]. Es seien Gleich Christen / Iuden Türcken oder Heiden / Oder meinestu das Gott nur der Christen Gott Seye?“ (Aurora 11,34.).

Die Schau wird weiterwandern, noch in Amsterdam, Coventry und Breslau und dann in veränderter Form, aber dauerhaft, in der Dreifaltigkeitskirche in Görlitz gezeigt.

bis 19. November tgl. außer dienstags von 10 bis 18 Uhr
Der im Dresdner Sandstein Verlag erschienene Katalog (196 S., 124 Abb.), kostet 18 Euro, ein begleitender Aufsatzband mit Beiträgen zu einer Tagung über Böhme 22 Euro

Von Christian Ruf

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