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Ein Sammelband zu Geschichte und Zukunft der Gartenstadt-Idee mit vielen Bezügen zu Hellerau

Ein Sammelband zu Geschichte und Zukunft der Gartenstadt-Idee mit vielen Bezügen zu Hellerau

"An Stelle enger Höfe, schöne Gärten zu setzten", das ist eine Grundidee der Gartenstadt-Bewegung - überspitzt natürlich. In der Tat ist die durchgrünte Alternative zur steinernen Stadt von einst zur Norm geworden.

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Jedenfalls in Europa. Die Herabsetzung der Wohndichte in den übervölkerten Zentren wurde ebenso erreicht wie die Lösung der Wohnungsfrage, was auch mit der im Gegensatz zu anderen Ecken der Welt (Asien, Afrika) stagnierenden Bevölkerungsentwicklung zu tun hat. Auch sei die Idee zum "Häuschen im Grünen samt Rama-Werbe-Familie und Pendlerpauschal-Problem" verkümmert, hält Thomas Will, einen karikierenden Feuilleton-Artikel zitierend, in seinem Aufsatz "Gartenstädte von morgen - was bleibt von der Idee?" fest. Schon 1946 meinte der Amerikaner Lewis Mumford angesichts der sterilen Schlafstädte, die sich zersiedelnd um die Großstädte bildeten: "Hier schafft der Mittelstand sich eine lebensferne Spielwelt."

Will, Architekt und Professor an der TU Dresden, hinterfragt kritisch die verschiedenen Begriffe und Auffassungen von Gartenstadt. Er legt dabei auch dar, dass das radikale Konzept der Stadtkritik des englischen Sozialreformers und Gartenstadt-Verfechters Ebenezer Howard - konsequent zu Ende gedacht - durchaus darauf hinauslaufen würde, die bestehenden Städte (für Howard "Geschwüre, die das Antlitz ... verunstalten") aufzugeben. Kein Rom. Kein Florenz. Kein Bamberg. Kein London. Die Gartenstadt, wie sie Howard erdachte und die man als räumliches Modell eines utopischen Gesellschaftsentwurfs betrachten kann, ist von monströser Radikalität.

Der Aufsatz Wills findet sich in dem Buch "Gartenstadt. Geschichte und Zukunftsfähigkeit einer Idee", das im Dresdner Thelem Verlag erschienen ist. Der Sammelband beruht auf einer internationalen Tagung von 2008 in Dresden. Susanne Jäger und Gunther Wölfle beleuchten die "Verbreitung einer Idee" von Letchworth bis Canberra, von der Gartenstadt Mannheim-Waldhof bis zu Rathshof bei Königsberg, errichtet ab 1907. Der Blick geht also weit über den Dresdner Tellerrand hinaus, erfrischend unorthodox, gelegentlich regelrecht ketzerisch werden Geschichte und Rezeption der historischen Gartenstädte ins Visier genommen.

Explizit die deutsche Gartenstadtbewegung: ein "Gegenmodell zur Miets-kaserne" und "Trägermodell einer neuen Baukultur", primär getragen vom reformorientierten Bürgertum, das sich die nicht eben billigen Gartenstadt-Wohnungen auch leisten konnte, fokussiert Thomas Hafner. In Deutschland entstanden keine Gartenstädte mit mehr als 30 000 Einwohnern, wie Howard sie forderte, sondern ausschließlich kleinere Siedlungen, sogenannte "Gartenvorstädte".

Ein weiterer Beitrag widmet sich der Reihenaussiedlung "Am Pfarrlehnn" in Hellerau, die zeigt, wie Gartenstädte weitergebaut werden. Was nicht nur an Lebensreform, sondern auch an neudeutscher Bewegung und völkischem Gedankengut in Hellerau steckte, das verrät der Historiker Thomas Nitschke. So avancierte Bruno Tanzmann insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg zur zentralen Figur der völkisch gesinnten Szene in Hellerau. Aber die Gartenstadt entwickelte sich nicht, konstatiert Nitschke, zu der von Tanzmann erhofften "Keimzelle" für die völkische Siedlungsbewegung. Das lag an der mehrheitlich weltoffenen und liberalen Grundeinstellung der Einwohner Helleraus.

Interessant auch der Aufsatz "Die Konstruktion von Heimat" von Henrik Karge. Der Professor für Kunstgeschichte an der TU Dresden macht "Vernacular" als "Kernbegriff zur Bestimmung der Grundlagen der Reformarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts" aus, "der bis heute im deutschen Sprachgebrauch keinen Widerhall gefunden hat, denn er existiert bislang weder als Fremdwort noch gibt es eine hinreichend präzise Übersetzung ins Deutsche..." - Karge plädiert für "Bodenständigkeit".

Er verweist zudem darauf, dass der nationale Charakter der Reform weniger eindeutig sei, als es zunächst scheine. Die überzeugendsten künstlerischen Lösungen der Reformarchitektur in England wie in Deutschland seien "nicht ohne den vielfältigen Austausch von Ideen und ästhetischen Innovationen zwischen den Regionen und Nationen zu denken". Und in Hellerau würden die realisierten Konstruktionen von Heimat in den regionalen Bezügen "einen heterogenen und relativ diffusen Eindruck" hinterlassen. In "gewagter Vereinfachung" würden die Bauten Richard Riemerschmids mit ihrer bayrisch-österreichischen Note "südliche Sinnesfreude" ausstrahlen, die von Heinrich Tessenow "nordische Abstraktion". Am ehesten ließen noch die Bauten Hermann Muthesius' eine Orientierung an sächsischen Bautraditionen erkennen.

Christian Ruf

Thomas Will und Ralph Lindner (Hg.): "Gartenstadt. Geschichte und Zukunftsfähigkeit einer Idee", Thelem Verlag, 312 Seiten mit zahlreichen Abb., 34,80 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.04.2012

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