Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Ein Requiem für Marx und Brecht - Das allererste Dresdner Bürgerbühnenfestival wird zum Magneten

Ein Requiem für Marx und Brecht - Das allererste Dresdner Bürgerbühnenfestival wird zum Magneten

Keine Leistungsschau, kein Wettbewerb, kein Kongress. Dennoch hat das erste Bürgerbühnenfestival, das noch bis Sonntagmorgen im Kleinen Haus und bis Freitagabend im Societaetstheater tobt, von allem etwas.

Voriger Artikel
Ein Großer ganz privat - Dresdens Technische Sammlungen zeigen Hugo Erfurths fotografisches Tagebuch
Nächster Artikel
Neun Uraufführungen 2014/2015 im Theater Junge Generation in Dresden

Kraftvolles Ende der Arbeitswelt in "Requiemaszyna" aus Warschau, gezeigt im Societaetstheater.

Quelle: Marta Ankiersztejn

Es ist ein Festival. Vor allem aber bietet es spannendes Theater im Vergleich, das dem seltsamen Untertitel "deutsch-europäisches Theatertreffen" gerecht wird. Denn sieben der insgesamt 13 Produktionen kommen deutschsprachig daher, die anderen aus Rotterdam, Warschau, Aalborg, Prag, Chisinau und Amsterdam. Ob Basel und Wien eher zu Europa gehören, bleibt ihnen selbst überlassen.

Zudem ist das Ganze auch ein Experiment, was zusammenführt, was noch zusammengehört, aber sich durchaus bald ausdifferenzieren könnte. Zwei Beispiele, wie verschieden der Begriff derzeit gedeutet wird, zeigten die beiden Abendvorstellungen am Dienstag und am Mittwoch: Einerseits ein Theaterstück nach einem Jugendbestseller, andererseits eine echte Neuentwicklung, die nur genauso und nicht anders entstehen konnte.

Aus der Mannheimer Bürgerbühne, am Nationaltheater angesiedelt, kam "Nichts. Was im Leben wichtig ist" als durchaus solide Jugendadaption in Regie von Kristo Šagor auf die große Bühne des Kleinen Hauses. Das Buch von Janne Teller wurde nur durch den sinnfernen Widerstand der Kirche zum Kult und handelt von einer verschworenen siebten Klasse, die einem Aussteiger den Sinn von Bedeutung erklären will, nach dem der einer Fundamentalskepsis verfällt und daher aus der Schule aus- und auf einen Pflaumenbaum aufsteigt. Denn nichts hat Bedeutung. Aber auch Nichts. Der Rest der Klasse häuft nun einen "Berg der Bedeutung" der jeweils wichtigsten Dinge an. Nach Brudersarg, Rennrad, Jungfräulichkeit und Hundekopf erreicht der Altar mit einem abgeschnittenen Finger den Höhepunkt - und endet mit der Opferung des Aussteigers. Das Ganze wird hier von sieben Jugendlichen auf schräger Bühne in weitestgehender Erzählung dargeboten. Das mag im Kontext des Kultes funktionieren, als Theater erzeugt es wenig Spannung jenseits der gedanklichen Perversion.

Einen ganz anderen Ansatz liefert "Requiemaszyna" aus Warschau in Regie von Marta Górnicka. Dresdner könnten sie als die polnische Antwort auf Volker Lösch und seinen Bürgerchor verorten. Doch eigentlich geht das Gebotene - 40 Minuten kraftvoll-rhythmisches Wuttheater - noch weit darüber hinaus. Nach einem Libretto, beruhend auf Gedichten, Reden und Reimen von Wadysaw Broniewski, wird eine beeindruckende Proklamation ins Publikum geschmettert - das Ende der alten Arbeitswelt ist eingeläutet, selbst das härteste Schinden hat keinen Sinn.

23 der angekündigten 27 Warschauer Bürger aus Górnickas tragischem Chor waren mit nach Dresden gekommen und marschierten im Gleichschritt joggend auf die leere, hell erleuchtete Bühne des großen Saals im Societaetstheater, die nur leicht um vier Podeste treppenartig nach hinten erhöht war. Durch die Strenge der Form in Stimme, Mimik und Bewegung, die genauen Einsätze, auch in sehr komplizierten Chorformen, aus dem Publikum von der erschreckend jungen Meisterin selbst dirigiert, entsteht eine mechanische und doch zugleich natürliche Wucht. Brecht wie Marx wären ebenso begeistert wie das stehend ovatierende Publikum.

Miriam Tscholl, seit Start der Dresdner Bürgerbühne deren Leiterin und befragt nach einer Zwischenbilanz, antwortet nahezu euphorisch: "Unsere Erwartungen wurden in allen Bereichen übertroffen." Sie meint dabei sowohl die Qualität der Inszenierungen als auch den Zuspruch seitens des Dresdner Publikums. Vor allem die Abendvorstellungen sind rappelvoll, im Kleinen Haus herrscht, auch dank der einheimischen wie gastierenden Akteure, durchaus internationale Festivalatmosphäre. Auch die meisten Workshops sind restlos ausgebucht, selbst die als Rahmen unter dem Titel "Werkschau Dresden" mitlaufenden drei anderen Bürgerbühnenproduktionen erfahren regen Zulauf. Jene Gastproduktionen, die aus Gründen der Logistik in kleinere Säle müssen, werden zweimal aufgeführt.

Als Höhepunkt und Abschluss wird der Publikumspreis am Sonnabend kurz vor Mitternacht im Kleinen Haus verliehen, nachdem die Rotterdamer "Moeders"-Inszenierung mit zehn Müttern verschiedener Herkunft direkt in die Abschlussparty übergehen wird. Was es fachlich brachte, wird unmittelbar zuvor resümiert: bei der Perspektivdiskussion (Sonnabend, 16.30 Uhr, Kleines Haus Mitte).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.05.2014

Andreas Herrmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr