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Ein Konzert für gute Zwecke

Pashtu in der Frauenkirche Ein Konzert für gute Zwecke

Motiviert wurde die Besucherschar nicht allein durch die Begrüßungsworte, sondern vor allem durch das ergreifende Konzert von Tord Gustavsen. Inzwischen hat er sich mit dem Schlagzeuger Jarle Vesperstad und der Sängerin Simin Tander zusammengetan und damit eine ganz unglaubliche Verbindung geschaffen.

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Frauenkirche Dresden.

Quelle: dpa

Dresden. Menschen, die an Götter glauben, finden darin nicht nur Trost - oder schlimmstenfalls Anlass, anders glaubende und denkende Menschen zu bekriegen -, sondern oft auch die Kraft zur kreativen Verherrlichung ihrer Idole. In aller Welt legen Sakralbauten Zeugnis davon ab, Religionen den bildenden Künsten bedeutende Schätze gegeben, Heiligenverehrungen und Legendendarstellungen berühren ebenso wie musikalische Lobpreisungen auch areligiöse Menschen. Auf der Schattenseite gab und gibt es Bilderverbote, wurde und wird musische Betätigung unter Strafe gestellt. Die Zerstörungen von Palmyra sind nur ein Beispiel dieser Religion missbrauchenden Barbarei.

Wie verbindend religiös grundierte Kunst sein kann, hat am Dienstag ein Sonderkonzert im Rahmen des Kulturfestes „Am Fluss / At the River“ in der Frauenkirche bewiesen. Die Veranstalter haben dazu den norwegischen Pianisten Tord Gustavsen eingeladen, der mit seinem Trio einen Streifzug durch das 2016 erschienene Album „What Was Said“ unternahm. Was ist gesagt worden? Diese Frage bezog Pfarrer Sebastian Feydt auf den Propheten Micha, der vor rund 2700 Jahren davon sprach, dass Menschen in Recht und Liebe miteinander leben sollen. Micha, das ist der mit den Schwertern, die zu Pflugscharen werden sollten! Der wurde nun just an jenem Tag zitiert, als deutsche Panzer wieder an die russische Grenze nach Litauen verlegt worden sind.

Dieses so besondere Konzertereignis hat also nicht nur Assoziationen an Dresden geweckt, diese Stadt, die am Fluss liegt und in der momentan so vieles im Fluss ist, wie Feydt unterstrich. Es hat mit grenzüberschreitenden Klängen gemeinsame Wurzeln betont und an ureigenste Menschlichkeit appelliert. Denn das bei freiem Eintritt sehr zahlreich strömende Publikum ist mit nahegehenden Worten von Verena Papke dazu eingeladen worden, für die zivile Seenotrettung von S.O.S. Méditerrannée zu spenden. Diese Organisation betreibt seit gut einem Jahr mit dem einstigen Fischereischutzboot Aquarius aktive Hilfe im Mittelmeer, hat bereits mehr als 9.000 Menschen gerettet, insgesamt fast 13.000 an Bord versorgt und nicht zuletzt auch drei Babys als Geburtsort gedient. Der Betrieb dieses ganzjährig einsetzbaren Schiffes kostet allerdings rund 11.000 Euro pro Tag. Ein Engagement, das jede Spende wert sein dürfte.

Motiviert wurde die Besucherschar nicht allein durch die Begrüßungsworte, sondern vor allem durch das ergreifende Konzert von Tord Gustavsen, der bisher vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Silje Neergard bekannt ist. Inzwischen hat er sich mit dem Schlagzeuger Jarle Vesperstad und der Sängerin Simin Tander zusammengetan und damit eine ganz unglaubliche Verbindung geschaffen. Mehr als das Miteinander von zurückhaltendem Schlagzeug, brillantem Klavierpart und höchster Stimmkultur besticht das Projekt „What Was Said“ durch die Grundidee, norwegische Kirchen- und Volkslieder ins afghanische Pashtu zu übertragen. Diesen Dialekt sprach Simin Tanders früh verstorbener Vater, ein Journalist, der auch Gedichte geschrieben hat. Die 1980 in Köln geborene Sängerin hat sich diese Sprache erst aneignen müssen, weckt nun aber emotionale Assoziationen damit, wie sie kaum in Worte zu fassen sind. Mit einem stimmlich großartigen Spektrum aus warmer Tiefe und allerhöchster Brillanz besingt sie ein Universum, in dem religiöser Hymnus mit Dichtungen des persischen Sufi-Gelehrten Dschalal ad-Din ar-Rumi und des US-amerikanischen Beat-Poeten Kenneth Rexroth zusammengebracht werden. In dieser Musik verschmelzen zugleich Jazz, Weltmusik und altdeutscher Tonsatz, blinken mal Bach-, mal Luther-Choräle hervor. Eine sensitiv ruhige Musik mit wohldosierten Ausbrüchen, die als fesselnde, mitunter mystische Melange ins Auditorium weht. Eine Andacht im weltlichen, nein, im menschlichen Sinn: Ein An-Denken. Es sollte nicht nur die Besucher der Frauenkirche erreichen, sondern weit darüber hinaus zu wie auch immer glaubenden, furchtsamen, denkenden Menschen getragen werden, um die Welt zu einem Ort von Recht und Liebe zu machen.

„What Was Said“ ECM 2465

www.sosmediterranee.org

Von Michael Ernst

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