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Regional Ein Kessel Kriminelles: fulminante „Dreigroschenoper“
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08:13 30.04.2018
Olivia Delauré als Polly und Marcus Günzel als Mackie Messer. Quelle: Kai-Uwe Schulte-Bunert
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Dresden

 Bertolt Brechts nimmermüde „Dreigroschenoper“ beginnt mit der simplen Regieanweisung „Jahrmarkt in Soho“, und selten dürften sich diese der Moritat von Mackie Messer vorangestellten drei Wörtchen so strukturbildend ausgewirkt haben wie in der Inszenierung der Staatsoperette, die am Samstag Premiere im Kraftwerk Mitte feierte. Dramaturg Heiko Cullmann und Regisseur Sebastian Ritschel (der ferner für Kostüme und Licht-Design verantwortlich zeichnet) lassen von Beginn an eine betont flotte Sohle aufs Parkett legen, so dass die Welt vielleicht nicht nobel (jedenfalls nicht im charakterlichen Sinne), aber doch mit dem einen oder anderen ausgelassenen Tanz auf dem Vulkan untergehen darf (Choreographie: Simon Eichenberger).

 Einiges Selbstvertrauen darf man dem Kreativ-Team da schon zusprechen – nicht nur verkneift es sich jegliches Misstrauen in Kurt Weills zeitlose Partitur, die praktisch ausschließlich aus berühmten Gassenhauern besteht, es sucht dem Publikum den Wiedererkennungseffekt auch nicht mit aufgesetzter Sprödigkeit und einem Wasser-und-Brot-Brecht zu verderben. Lässt Macheath sich als Henkersmahlzeit im Old Bailey Spargel reichen, dann kredenzt dieser Abend mit seiner schnoddrig-sympathischen Was-kostet-die-Welt-Attitüde ein nicht minder exquisites Menü dazu – betont bonbonfarben.

„Dreigroschenoper“-Szene mit Tenor Andreas Sauerzapf als Moritaten-Sänger. Quelle: Kai-Uwe Schulte Bunert

Im wörtlichen Sinn farblos nehmen sich allenfalls die Gesichter der Akteure aus, denen die Maske ein ums andere Mal Leichenblässe verpasst, was etwa die Familie Peachum an die Addams Family und den von Andreas Sauerzapf gespielten Moritatensänger an Joel Greys morbiden Conférencier aus „Cabaret“ erinnern lässt. Möglicherweise hat für diese „Dreigroschenoper“ auch der kapitalismuskritische Zombiefilm der 1970er-Jahre Pate gestanden, denn schließlich macht auch dieser zwischen Einkaufszentren und Touristen-Ressorts nochmal so richtig Party, bevor das ganze System in die Grube springt. Christian Garbosnik führt sein Orchester äußerst geschwind durch das fröhliche Bacchanal – der Kanonensong wird tatsächlich im Tempo einer Kanonenkugel abgefeuert, und im Eifersuchtsduell zwischen Polly Peachum und Lucy Brown dürfen die Fetzen fliegen.

Überhaupt wird nicht am Spektakel gegeizt: Etwas Inferno und Zaubershow gesellen sich zu Burlesque und Slapstick-Kino, Rifail Ajdarpasics Bühnenbild verschneidet Bordell, Gerichtssaal und die Doktor-Mabuse-artige Kommandozentrale des Bettlerkönigs Peachum mit Geisterbahn, Karussell und Spiegelkabinett.

Innerhalb der karnevalesken Logik der Veranstaltung leuchtet dann auch die Entscheidung ein, aus Macheaths Gangstertrupp eine Bande von Terror-Clowns (angeführt von Jannik Harneits aalglattem Hakenfinger-Jakob) zu machen und Macheath selbst beim Joker, Batmans Erzfeind, in die Schule zu schicken. Zwar verströmt dieser Anarcho-Dämon im Comic und Film wenig von der gegen den Strich gebürsteten Gutbürgerlichkeit und Wohlstandsvernarrtheit von Brechts famosem Anti-Helden (fackelt der Joker doch sogar seine Beute lieber ab, weil er die Welt so gern in Flammen stehen sieht), aber Marcus Günzel interpretiert die Rolle stringent als charmantes Monstrum mit einer Ahnung von Gustaf Gründgens‘ Mephisto, inklusive aller Erinnerungen an dessen schillernde Rolle als Rampensau der vermeintlich Goldenen Zwanziger, im Zeichen des nahenden Faschismus.

Marcus Günzel als Mackie Messer und die Damen des Balletts. Quelle: Kai-Uwe Schulte Bunert

Aus dem Ensemble um ihn herum stechen besonders Silke Richter und Elmar Andree als windiges Ehepaar Peachum und die glänzend aufgelegte Olivia Delauré als ihre Tochter Polly heraus – letztere vollbringt die Wandlung vom Mauerblümchen zur Gangsterfurie mit dem wuchtigen Solo einer einzigen Szene. Auch Bettina Weicherts Spelunken-Jenny und Christian Grygas als zum Two-Face geschminkter Tiger Brown (so viel Batman gibt es sonst nicht mal, wenn die Staatsoperette „Die Fledermaus“ gibt!) machen ihre Sache sehr gut.

Der Bilderrausch dieser comichaft überladenen Welt lädt durchaus dazu ein, gegen die Inszenierung selbst gekehrt zu werden, die ohne Berührungsängste ebenjenem Exzess frönt, den Brecht und Weill als Dauersymptom der lüsternen Bourgeoisie vorführen. Aber wie dieser Kessel Kunterbuntes einem von sprichwörtlich gewordenen Texten und allseits bekannten Melodien strotzenden theatralen Dauerbrenner, der die Korruptheit der Eliten ebenso wie die Angst vorm Aufstand der Abgehängten zum Thema macht, neues Blut einhaucht, fand zur Premiere völlig verdient uneingeschränkten Publikumszuspruch.

nächste Aufführungen: 2. & 31.5.; 1., 23. & 24.6.

www.staatsoperette.de

Von Wieland Schwanebeck

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