Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Ein Buch fragt nach den Folgen von Rechtspopulismus für die Religionen

Auf der Suche nach Antworten Ein Buch fragt nach den Folgen von Rechtspopulismus für die Religionen

Eine Dreiviertel Stunde vor Beginn ist der Bischof-Gerhard-Saal überfüllt. Sicherheitsleute vertrösten Abgewiesene auf die Livestream-Übertragung ins Foyer des Dresdner Hauses der Kathedrale. Auf dem Podium der Katholischen Akademie debattieren Martin Dulig, Sachsens SPD-Wirtschaftsminister, und Politik-Professor Werner Patzelt von der TU über die Frage, ob der Rechtspopulismus eine Gefahr für Gesellschaft und Religion darstelle.

SPD-Wirtschaftsminister Martin Dulig (links), Politikwissenschaftler Werner Patzelt (rechts) und Buchherausgeber und Moderator Stefan Orth

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Eine Dreiviertel Stunde vor Beginn ist der Bischof-Gerhard-Saal überfüllt. Sicherheitsleute vertrösten Abgewiesene auf die Livestream-Übertragung ins Foyer des Dresdner Hauses der Kathedrale. Auf dem Podium der Katholischen Akademie debattieren Martin Dulig, Sachsens SPD-Wirtschaftsminister, und Politik-Professor Werner Patzelt von der TU über die Frage, ob der Rechtspopulismus eine Gefahr für Gesellschaft und Religion darstelle. Gelegentlich erhebt sich verärgertes Raunen im Saal.

Einmal wird Dulig von einem empörten Zwischenrufer unterbrochen. In immer dichterer Folge quittieren die verschiedenen Lager Äußerungen mit Beifall, bald erleichtert-zustimmend, bald mit wutgespeist-peitschendem Klatschen.

Martin Dulig spricht von einer „Zeitenwende“. Für gefährlich dabei hält er, wenn Sprache andere entmenschlicht und damit Gewalt rechtfertigt. Er konstatiert Verunsicherung angesichts zunehmender Komplexität einer globalisierten Welt. Gewachsen sei das Bedürfnis nach Sicherheit und klaren Antworten. Das stärke Fundamentalisten in den Religionen. Gegenüber dem extremen Islamismus dürfe der Staat keine falsche Toleranz zeigen. „Wir müssen klar machen, dass sich keine Religion über das Grundgesetz hinwegsetzen darf.“

Christen wiederum sieht er vor einer neuen Herausforderung: „Aufgabe für die Kirchen ist es, die Sehnsucht der Menschen nach Geborgenheit und Antworten aufzufangen.“ Der Minister ruft dazu auf, der rechtspopulistischen „Angstbewegung“ Mitmenschlichkeit und eine „Hoffnungsgesellschaft“ entgegenzusetzen.

Werner Patzelt richtet seinen analytischen Blick auf die „Tiefenschichten“ des Rechtspopulismus: „Es geht um die Frage: Wie soll deutsche Kultur und unser Leben in 30 bis 40 Jahren aussehen?“

Parteipolitisch erklärt er den Rechtspopulismus mit einer „Repräsentationslücke“ am rechten Rand des Meinungsspektrums. Im Zuge ihrer „Sozialdemokratisierung“ habe die CDU versäumt, diesen Teilen der Bevölkerung eine Vertretung zu bieten. Mittlerweile habe die AfD als Protestpartei diese Lücke geschlossen. „Es geht um die mächtigsten, um religiöse Gefühle“, konstatiert Patzelt.

Evangelische und katholische Christen zusammen machen unter der sächsischen Bevölkerung nicht einmal ein Viertel aus. Wem Erfahrungen fehlen, der betrachtet Religion als gefährlich für eine moderne Gesellschaft. Diese mehrheitlich Religionsfernen nun sehen sich mit Flüchtlingen aus einer ihnen bislang unbekannten Kultur konfrontiert, die ihren Islam als „transportable Heimat“ mitbringen und deshalb bisweilen besonders eifrig praktizieren.

Dies mit „Islamfeindlichkeit“ zu beschreiben, hält er für unzureichend, wie er auch in seinem Beitrag darlegt, den er gemeinsam mit Joachim Klose von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Sachsen verfasst hat für den Band „AfD, Pegida und Co. - Angriff auf die Religion?“, der mit diesem Abend erstmals vorgestellt wird. „Im Wesentlichen geht es um die misslingende Begegnung einer areligiösen Gesellschaft mit einer Religion, die gerade im Alltag fühlbare Gestaltungsansprüche erhebt sowie – aufgrund von hierzulande bisher unüblichen Bekleidungs- und Gebetspraxen – auch noch besonders deutlich sichtbar wird und deshalb Gefühle von Entheimatung bewirkt.“

Hans Joachim Meyer, Sachsens ehemaliger CDU-Wissenschafts- und Kunstminister, plädiert in seinem Beitrag, was die Kultur betrifft, für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Öffnung und Identität. Radikale Lösungen in die eine wie die andere Richtung hält er für gefährlich: „Deutschland hat weder als abweisende Festung, noch als bunte Karawanserei eine Zukunft.“

Karlheinz Ruhstorfer, katholischer Theologe an der TU Dresden, nimmt Fundamentalismus nicht nur im Islam wahr. Auch im Christentum beobachtet er „Heilige Allianzen“ zwischen Rechtspopulisten und extremkonservativen Katholiken und Evangelikalen. Pegida, AfD und Co. artikulierten ein neues Bedürfnis nach Identität.

Doch das Abendland bewähre sich eben nicht im Fixieren von Identitäten, gibt er zu bedenken. Stattdessen empfiehlt er die Kunst, sich in der Veränderung treu zu bleiben: „Die versöhnte Verschiedenheit, die ‚Identität 3.0’, ist die Alternative zur Alternative.“

Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ist überzeugt, das durchaus vorhandene Potenzial der Religionen zu Ausgrenzung und Abschottung lasse sich überwinden. Von ihrer integrativen Kraft hingegen könne die Gesellschaft profitieren.

„Religion ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung.“ Es gelte zu begreifen, was christliche Traditionen im Kern meinen: „Offenheit, Hilfe für Jedermann, Integration, Sozialverantwortung, Menschenwürde und ein Glaube, der nicht ausgrenzt, sondern sich öffnen kann für die Anderen; der Stürme übersteht, weil er selbst fest wurzelt“.

Kirche müsse in erster Linie für „ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt“ eintreten, die pauschale Verunglimpfung von Muslimen und die Verletzung der Menschenwürde ächten, betont Kardinal Rainer Maria Woelki, katholischer Erzbischof von Köln. Gespräche mit Andersdenkenden hält er für möglich: „Im öffentlichen Raum ist ein diskursiv-argumentativer Dialog mit rechtskonservativen oder rechtsliberalen Rechtspopulisten über mögliche Lösungen politischer Herausforderungen unter Achtung der Menschenwürde und mit voller Anerkennung der Menschenrechte denkbar.“

Allerdings markiert er auch deutlich die Grenzen: „Ausgeschlossen ist ein öffentliches Gespräch über politische Positionen, die einen Eingriff in den Wesensgehalt von Menschenrechten bedeuten würden oder mit der Diskriminierung von gesellschaftlichen Gruppen verbunden sind.“

Ab 17. Januar im Buchhandel: Stefan Orth, Volker Resing (Hg.): AfD, Pegida und Co. – Angriff auf die Religion? Herder. 208 S., 16,99 Euro

Von Tomas Gärtner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr