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Regional Ein Besuch bei Horst Zimmermann, der gleich zweimal an der Spitze der Dresdner Galerie Neue Meister stand
Nachrichten Kultur Regional Ein Besuch bei Horst Zimmermann, der gleich zweimal an der Spitze der Dresdner Galerie Neue Meister stand
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17:15 09.09.2015
Horst Zimmermann, lange Jahre Museumsdirektor in Dresden und Rostock. Quelle: privat

Die erste Bitterfelder Konferenz richtete in diesem Jahr nicht nur für die Schriftsteller der DDR mit dem Slogan "Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!" den Sozialistischen Realismus noch stärker hin zur Beförderung des Volkskunstschaffens aus; auch für die Bildenden Künstler wehte seit dieser kulturpolitischen Zeichensetzung ein deutlicher Wind. Der Kurs wurde klar abgesteckt, und anhand ideologischer Prämissen zu Inhalt und Form der neuen Kunstwerke konnten diese - in erster Linie von Nichtfachleuten - recht einfach in systemkonform, linientreu und dem sozialistischen Menschenbild zugewandt oder halt abtrünnig und weltfremd eingeteilt werden. Dass Fachleute oft zu ganz anderen Bewertungen gelangten, liegt auf der Hand; dass diese Auseinandersetzungen den Kunsthistorikern ein hohes Maß an Engagement für Künstler und deren Werke abverlangten, ebenso.

Inmitten dieser Gemengelage übernahm der junge Kunsthistoriker Horst Zimmermann das Direktorenamt der gerade neu gegründeten Galerie Neue Meister in Dresden, bis 1962 führte er die Geschicke dieses Museums - ohne zu ahnen, dass viel später eine zweite Amtszeit folgen würde.

Zimmermann, Jahrgang 1930, hatte in Berlin an der Humboldt-Universität Kunstgeschichte studiert und dort u.a. noch Vorlesungen von Richard Hamann gehört, dessen "Theorie der Bildenden Künste" durchaus seinen Kunstbegriff geprägt hat. Es war das Denken in Bildern (auch dreidimensionalen), was zu dieser Zeit das konstituierende Element der Kunstproduktion und -rezeption bildete und das sowohl in Ost- wie in Westdeutschland zu damaliger Zeit keine wirkliche Alternative kannte.

1965 wurde der zu diesem Zeitpunkt gerade 35-Jährige nach Rostock geschickt, um die dort geplante Kunsthalle aufzubauen - es sollten zwanzig Jahre werden, die ihn mit der Ostsee-Kunsthalle verbanden. Und dann 1985 zurück nach Dresden, bis 1993 sollte er wiederum die Geschicke der Neuen Meister führen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert für die Kunst, meist an exponierter Stelle. Was bedeutet diese spezifische Langzeiterfahrung für die Sicht auf die Kunstproduktion von heute? Ich frage Horst Zimmermann, inzwischen 84 Jahre alt, nach seinem Alltag. "Gegenwärtig schreibe ich einen Aufsatz über den Dresdner Maler Georg Stengel zu seinem 100. Geburtstag für eine Ausstellung in Ahrenshoop, die ich im Sommer im Kunstkaten eröffnen werde. Der Maler, Grafiker und Bildhauer Hermann Naumann wird 85, ich werde schreiben und zur Eröffnung sprechen." Durch seine Tochter Tanja Zimmermann, die als erfolgreiche Künstlerin in Mecklenburg lebt und derzeit eine Personalausstellung in der Kunsthalle Rostock bestreitet, ist er mit der mittleren Künstlergeneration zumindest punktuell verbunden, wagt hin und wieder einen Blick über die Zeiten hinweg und schrieb letztens u.a. für die abstrakt arbeitende Künstlerin Iris Thürmer einen Katalogbeitrag, herausgegeben von der Galerie wolkenbank in Rostock.

Hält das jung in Bezug auf die Akzente und Moden in der Kunst? "Die Beschäftigung mit den Abstrakten fällt mir nicht schwer. Aber dem Medienkünstler Udo Rathke von Schloss Plüschow habe ich einmal gesagt: Sehr schön, aber kann ich die filmischen Aktivitäten an die Wand hängen, was ein alter Museumsmann wie ich nun mal gern machen würde?"

Die Themen Happening, Fluxus, Performance bis hin zu allen Varianten der Neuen Medien sind ihm fremd geblieben; dennoch hat er diese wilden Äußerungen jüngerer Künstler nach außen hin verteidigt, u.a. bei der Mülltonnen-Aktion einer Gruppe von Studenten auf der Dresdner Brühlschen Terrasse. Die historische Einordnung dieser Kunstpraktiken gelang ihm relativ unproblematisch; in seiner eigenen Ausstellungspraxis bevorzugte er etablierte Positionen und zeigte 1986 Graubner, Kiefer, Richter, Schumann und Uecker im Albertinum. Etabliert waren diese Künstler allerdings nur im Westen, sie im Osten zu zeigen war mit größten Schwierigkeiten verbunden. Und es handelte sich nicht nur um Kunstwerke, sondern auch um Waren des Kunstmarktes. Zu diesem weiten Feld hat Horst Zimmermann immer eine gehörige Distanz bewahrt, heute kann er diesen Abstand pflegen.

Dabei hatte er in seinen mehr als 30 Jahren als Museumsdirektor natürlich zahlreiche Ankäufe getätigt; so erwarb er Werke von Michael Morgner, Hermann Glöckner, Willy Wolff, Irmgard und Günter Horlbeck, Werner Tübke, Jürgen Seidel für die Dresdner bzw. Rostocker Sammlung. Aber das waren alles Werke, die fernab des Kunstmarktes entstanden waren und die in keinem Bezug zu den herben Mechanismen dieses Getriebes standen, weder die abstrakten Positionen noch die realistischen - aus letzterer Gruppe förderte er u.a. Horst Weber, Alfred Hrdlicka, Harald Duwe.

Zum Thema Netzwerke notiert Zimmermann: "In der DDR gab es kein Netzwerk, da bestimmte die SED mit Zustimmung der Blockparteien über die von den Künstlern einzuschlagenden Wege, sozialistische Inhalte und realistische Ausdrucksformen. - Von Netzwerken könnte man reden, wenn man jene Künstler als Teil einer Bewegung einordnet, die Happenings oder Ausstellungen machten, die sich nicht als sozialistisch einstufen ließen."

Wird mit dem Amtsantritt der neuen Direktorin des Dresdner Albertinums, Hilke Wagner, bald ein Namenswechsel der Galerie Neue Meister vollzogen? Horst Zimmermann würde das wahrscheinlich nicht freuen, aber so ist der Lauf der Dinge. Zeitkorridore verschieben sich und damit auch die Zuordnungen von Kunstwerken zu neuen und alten Ausstellungsräumen und Depots.

Dass sich jede Generation gern in ihrem eigenen Zeitkorridor bewegt, ist nicht neu und dennoch immer wieder zu bedauern, besonders auf dem Gebiet der Kultur. Moden wechseln, Namen und Inhalte tauschen die Plätze, und Kunst ist nicht gleich Kunst. Was aber ist der kleinste gemeinsame Nenner? Um diesen immer wieder neu zu bestimmen, muss man in Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen blicken und - wie schön einfach das klingt - miteinander reden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.02.2015

Claudia Reichardt

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