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Regional Eberhard Göschel malt und malt und wird heute 75
Nachrichten Kultur Regional Eberhard Göschel malt und malt und wird heute 75
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08:00 28.03.2018
Der bescheidene Künstler und seine Tabakpfeife: Eberhard Göschel ist nach 75 Lebensjahren noch immer voller Tatendrang und kreativer Energie. Quelle: Tomas Petzold

Bis hin zu den noch ganz frischen Arbeiten, die in ihrer klaren Ursprünglichkeit faszinieren und doch nach ihrem Schöpfer zu rufen scheinen, der ja auch präsent ist in seinem schwarzen, hell besprenkelten Overall und Hut, die unvermeidliche Tabakspfeife im Mund. Will heißen, ich halte ihn eigentlich von der Arbeit ab. Statt mit Pinsel, Spachtel, Rakel oder Besen zuwerke zu gehen, verliert er sich in älteren und neueren Geschichten.

Ein gutes Dutzend Leinwände ist im Umgehen zu besichtigen, immer wieder unverkennbar Göschel, immer wieder ganz neue Ideen. Wahrscheinlich noch weniger Blau in den feinsten Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß. Andere Einschränkungen sind präziser: keine plastischen Arbeiten mehr, keine Druckgrafik.

Nicht mehr Skifahren. Immerhin: Wer Glück hat, ist heute mit 75 jedenfalls noch kein Greis. Und Göschel hat Glück, hat immer wieder Glück gehabt, freilich nicht nur. Aber wenn ich mich erinnere, wie ich das in seinem typischen Blau gestrichene Hoftor öffne und dem bis auf Fenster und Türen völlig eingewachsenen, schlösschenartigen Bau gegenüberstehe, sehe, wie der Efeu als grüne Welle das Dach überschwemmt, kommen mancherlei Gedanken, die sich schwer verscheuchen lassen. Seit der letzten größeren Ausstellung vor fünf Jahren im Leonhardi-Museum, dessen Ruf als Ort für innovative streitbare neue Kunst Göschel seit 1974 entscheidend mit begründet hatte, scheint die öffentliche Resonanz weitgehend verstummt. Was aber viel schwerer wiegt, ist der Verlust einiger der engsten Freunde, angefangen 2012 mit dem Drucker Jochen Lorenz. Letzten Mai verstarb Ralf Winkler alias A.R. Penck, im Spätsommer Bernhard Theilmann, der eine, schon weit weg, in Zürich, der andere so nah, in Dresden.

So stehen wir sofort unvermittelt und hart konfrontiert vor dem ganzen Flechtwerk, das ein besonderes Künstlerleben ausmacht und als verschlüsselte Chronik den Bildern innewohnt. Es verstehbar aufzulösen, erfordert einiges an Einfühlungsvermögen, Geduld und ist in diesem Rahmen nicht zu leisten. Denn auch hier gilt, die Schatten der Vergangenheit, die guten und erst recht die bösen, sollen ja nicht das Gegenwärtige und Künftige unkenntlich machen. Freilich ist klar, wir schreiben kein einen Aufbruch feierndes, sondern an abschließenden Kapiteln. Aus Anlass des aktuellen Jubiläums gibt es noch keinen Ausstellungstermin, obwohl allein neues Material reichlich genug vorhanden ist und es an Anfragen nicht fehlt. Nein, es gibt keine vom Dresdner Albertinum, wo er 1994 einmal großartig gewürdigt wurde mit einer Ausstellung, die dann noch nach Erfurt und ins Ludwig Forum nach Aachen ging. Ja in Sachen E. Göschel, wie er sich gern nennen lässt, gab es eine beinahe unerhörte Schnittmenge in den Wertschätzungen von Ulrich Bischoff und Werner Schmidt, der schon in den frühen 70ern erste Arbeiten des Künstlers für das Kupferstich-Kabinett erworben hatte. Nicht genug, dass der Gemäldebestand der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bei weitem nicht das Œuvre repräsentieren kann, wurde ein Bild Göschels abgehängt, als nach dem Hochwasser von 2002 ein Werk von Gerhard Richter in die Galerie kam. Derzeit (dokumentierter Stand Oktober 2017) ist hier von einem der einzigartigsten, vielleicht wichtigsten Gegenwartskünstler rein gar nichts zu sehen.

Nein, er habe nicht den Wunsch, sich wieder einmal einem größeren Zusammenhang und Zusammenklang seiner Werke auszusetzen, sagt Göschel entschieden. Das letzte Mal fand so etwas übrigens im Herbst 2015 statt: für eine Woche mit etwa 100 Werken im Schloss Kummerow, veranstaltet von Torsten Kummer, der den Herrensitz 2011 ersteigert hatte und mittlerweile dort seine Sammlung von Fotokunst aus der DDR in einer Dauerausstellung zeigt.

Welch eine Hommage, aber auch welche Herausforderung für jemanden, der eigentlich in Ruhe an seiner Kunst arbeiten will und die große wie auch manche intime Öffentlichkeit scheut. „Ich sammle meine Arbeiten nicht“, gesteht der Künstler. „Was das Atelier verlassen hat und was ich verkaufen kann, geht weg. Glücklicherweise gibt es genügend private Sammler, so dass ich überhaupt nicht auf Galerien angewiesen bin.“ Alles, was heute im Kunsthandel bzw. auf Auktionen angeboten wird, stammt aus zweiter Hand. Die Erarbeitung eines Werkverzeichnisses ist kein verlockender, wäre wohl auch ein besonders schwer ausführbarer Gedanke.

Den Weg zur Kunst fand Eberhard Göschel auf scheinbar geradlinigstem Weg, über Abitur, Lehre als Gebrauchswerber, Abend- und anschließend reguläres Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Als Künstler, so scheint es, wurde er sogleich berühmt – und für etliche Zeitgenossen berüchtigt. Nicht etwa wegen seiner Lehrer. Er hatte studiert bei Rudolf Bergander, aber keinen Hehl daraus gemacht, dass die Wahl für ihn nur das kleinere Übel war im Vergleich zu Paul Michaelis. Der wäre hier gar nicht zu erwähnen, hätte er nicht, wie sich Göschel erinnert, später für Bernhard Kretzschmar eine pathetische Leichenrede gehalten, die allerdings nicht erwähnt ist im Katalog der wunderbaren Ausstellung in der Städtischen Galerie Dresden. Kretzschmar war bis kurz vor seinem Tod präsent gewesen in seinem Atelier an der Hochschule, und Göschel hat anscheinend so manches mit diesem Meister gemeinsam oder von ihm „ererbt“, etwa in der Farbkultur und der formalen Reduzierung. Hat es in seiner Eigenständigkeit freilich noch viel weiter getrieben. Beide haben im wörtlichen und übertragenen Sinn einen gemeinsamen Blick auf die Stadt, suchen nicht nur nach formalen Lösungen, sondern nach dem Sinnhaften im Leben.

Auch die Ablehnung des Monumentalen und eine stetig steigende sarkastische Verbitterung, die doch immer produktiv bleibt, lässt sich als Gemeinsamkeit ausmachen. Göschel schaut immer noch aus dem Fenster, seine Bilder sind Erlebnis- und Zeitkunst in mehrfachen Sinne. Beobachtungen, Funde, gehen eine in heute mehr rhythmisierte Strukturen, die immer wieder überarbeitet werden, nicht im Sinne einer Verbesserung von Details, sondern einer Durcharbeitung des Ganzen, so dass sich die Malschichten absetzen wie durchscheinende Sedimente, aufbauen zu Reliefs, bis diesem quasi natürlichen Ablauf endlich Einhalt geboten wird, manchmal auch durch Sonja.

Nein, er wollte nie das sozialistische Eiapopeia, mit dem die Künstler einlullen sollten das Volk, den großen Lümmel, damit es sich „zefrieden ruhsch un glicklich“ fühle. Göschel, kein auffällig sächselnder Sachse, verweigert sich und erreicht wohl doch eine Art knurrige Anerkennung des Professors, der ja selbst auch andere Zeiten erlebt hatte. Im Diplom eine Zwei, was zwar lächerlich erscheint, aber doch als ein Bonmot auf dem Papier, das den Kandidatenstatus im Künstlerverband und damit die Existenz für die nächsten Jahre sichert.

Die „unakademischen“ Freunde Peter Herrmann, Peter Makolies, Peter Graf, Ralf Winkler haben es da ungleich schwerer. Sie können meist nicht von ihrer Kunst leben, Göschel schafft sogar den Spagat zwischen seinen Dresdner Aktivitäten und dem Meisterstudium in Berlin bei Theo Balden. Auch das bedeutet ein paar Jahre Unabhängigkeit. Und er hilft, auch durch Überlassung von Ateliers, erst des Gostritzer an Penck, später des barocken Am Obergraben für die neu entstehende Obergrabenpresse – Künstlervereinigung und Druckwerkstatt, Verlag und Galerie. Das ist anno 1978 bereits die zweite Kristallisation des Lebensentwurfs einer freien produktiven Gemeinschaft nach dem 1974 ins Leben gerufenen Arbeitskreis Leonhardi-Museum. Allein schon seiner ideellen Eigenständigkeit und erst recht der regelmäßigen Einbeziehung nicht offiziell legitimierter Beiträge wegen ruft es die unselige Firma auf den Plan. Geschichten dazu sind mehrfach dokumentiert und aufgeschrieben, vorzugsweise von Bernhard Theilmann, der damit auch so etwas wie der Eckermann des schriftlich wohl eher wortkargen Göschel war.

Der sich freilich auch ordentlich ins Zeug legte, wenn ihm etwas gründlich über die Hutschnur ging. So, als ihm, der eigentlich bis heute nichts von Aufträgen hält, einer zunichte gemacht wurde von ziemlich weit oben. Theilmanns biografischer Eintrag zum Jahr 1985: „Aktion »Grüner Wald«, abgestorbene Bäume im Erzgebirge werden grün angestrichen, das führt zur Verschärfung der Stasi-Observation. Auftrag der Dresdner Bank für Terrakottareliefs in der Schalterhalle Nürnberg-Fürth wird von W. Sitte zu Fall gebracht.“

Es war die Mitte zwischen den Anfängen und dem Umbruch, eine Zeit der Auseinandersetzungen und Abenteuer, in der man sich persönlich und als Gruppe behaupten konnte. Was danach kam, währte länger und hört sich doch unspektakulärer an. Vielleicht auch vergeblicher, denn es gibt keine Gegner mehr, die man aus dem Feld schlagen könnte. Aber immerhin, große Reisen wie die mit Sonja, Michael Freudenberg und Max Uhlig nach Indien, Ausstellungen, Umzug und 20. Jubiläum der Obergrabenpresse mit Ausstellungen in mehreren deutschen Städten und einem Film von Jürgen Böttcher wären nur Orientierungspunkte in einer Biografie, die aus vergleichender Distanz eine unglaubliche Spannung gewinnen könnte. Aber wer könnte sie schreiben?

So nobel und großartig sich Göschels Werke auch in repräsentativen Räumen ausnehmen, seine eigenen Ansprüche, Ruhm und Geltungssucht sind geradezu äußerst bescheiden oder rückentwickelt, wenn man sie mit denen der sogenannten Stars der Szene vergleicht. Ein gutes Glas Wein, die erwähnte Tabakspfeife, gelegentliche Reisen wie in diesen Tagen.

Ich hoffe, er hat, nachdem ich sein Haus, den Kopf voll schwirrender Gedanken, verließ, seinen Faden schnell wieder gefunden, hat den Player mit der CD von Keith Jarrett eingeschaltet und sich versenkt in den meditativ formenden Dialog mit seinen entstehenden Werken. Er möge lange gesund bleiben, und vielleicht treffen wir uns ja doch noch einmal auf ein Bier, zu dem wir uns schon vor zehn Jahren verabreden wollten.

Von Tomas Petzold

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