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Dresdner Spitzenklang in Hamburg – Staatskapelle gastierte in Elbphilharmonie

Erfolgreiches Debüt Dresdner Spitzenklang in Hamburg – Staatskapelle gastierte in Elbphilharmonie

Die Sächsische Staatskapelle Dresden hat die Hamburger Elbphilharmonie in ein Opernhaus verwandelt. Unter Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann bot das Orchester aus Hamburgs Partnerstadt ein Programm mit Musik von Richard Wagner. Und wurde für ihr Debüt in dem imposanten Kulturneubau an der Elbe gefeiert.

Die Sächsische Staatskapelle mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann und den Solisten wird in der Elbphilharmonie gefeiert.

Quelle: Matthias Creutziger

Hamburg/Dresden. Als das Orchester zur „Götterdämmerung“-Apotheose Klanggebirge auftürmt, wird klar, dieser Saal kann auch Fortefortissimo. Die Statik hält, die akustische Balance funktioniert. Es ist, als ob hier das Publikum der Götter Ende in dieser musikalischen Vehemenz geradezu körperlich spürt. Christian Thielemann lässt die Arme nach dem letzten Ton dieses intensiven Abends nicht einfach sinken, 2100 Zuhörer halten gewissermaßen den Atem an. Sekunden vergehen, und erst dann bricht Beifallssturm los. Es ist ein denkwürdiger Abend, diese „Tauglichkeitsprüfung“ für Deutschlands teuersten und spektakulärsten Konzertneubau.

Seit der prominenzüberglänzten Eröffnung der Elbphilharmonie Hamburg am 11. Januar folgen hier verschiedenste Ensembles und Solisten prestissimo aufeinander, haben das Chicago Symphony Orchestra mit Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker unter Semyon Bychkov ihre Visitenkarten in dem neuen Haus abgegeben. Die Sächsische Staatskapelle ist das erste deutsche Spitzengastorchester, das die Elbphilharmonie in Hamburgs Hafen prüfen darf, und sie tut es mit dem Repertoire, das ihr Ureigenstes ist und das ihres Chefdirigenten Thielemann auch: mit Richard Wagner. Eigentlich sollte außerdem ein Auftragswerk der Capellcompositrice 2016/17, Sofia Gubaidulina, erklingen, aber sie konnte krankheitshalber ihr „Der Zorn Gottes“ nicht rechtzeitig vollenden.

Georg Zeppenfeld: „Dieser Saal ist einfach fantastisch. Er ist spektakulär und hat eine unglaublich präsente und gleichzeitig körperhafte Akustik für das Orchester. Als Sänger hat man den Eindruck, dass man überhaupt keine Probleme hat. Man ist einfach da und kann viel machen.

So wird die Dresdner Nagelprobe für die „Elphi“, wie sie Hamburger inzwischen titulieren, ein reiner Opernabend, und was für einer! Garant dafür sind neben Orchester und Christian Thielemann Sänger von Bayreuther Format: Stephen Gould als stimmgewaltiger Siegmund im 1. „Walküre“-Aufzug aus Wagners „Ring des Nibelungen“, ihm ebenbürtig der in seiner klaren Präsenz wahrlich beeindruckende Georg Zeppenfeld als Hunding und die die Gefühlsnuancen ihrer Rolle ausmessende Anja Kampe als Sieglinde. Nach der Pause folgen „Sinfonische Stücke und Brünnhildes Schlussgesang“ mit Anja Kampe aus der „Götterdämmerung“ (in einer Fassung Christian Thielemanns).

Die 82 Meter lange Rolltrppe fühjrt ins Haus hinein

Die 82 Meter lange Rolltrppe fühjrt ins Haus hinein.

Quelle: Kerstin Leiße

Viel und auch einander widersprechend ist bereits über die von dem Japaner Yasuhisa Toyota verantwortete Akustik des Großen Saals geschrieben worden. Dessen Innenverkleidung aus 10 000 Gipsfaserplatten wird zwar „Weiße Haut“ genannt, wirkt aber eher gedeckt und wie aus zahllosen Muscheln zusammengefügt. Ansteigende, kleinteilige Ränge interpretieren das Prinzip Weinbergsaal auf eigenständige Weise neu und erreichen wirklich, dass das Rund fast intim scheint und die Zuschauer zum Teil unglaublich nah am Geschehen auf der eher klein scheinenden Bühne sind. Das hat schon etwas, wenn man als Zuhörer quasi die Noten auf den Orchesterpulten mitlesen kann, die Beweglichkeit und Kraft des Musizierens spürt und die Faszination, wie sich alles zusammenfügt. Das euphorisch von manchem behauptete „Man hört auf allen Plätzen gut“ bedarf noch gründlicherer Untersuchung, aber sicher ist, man erhält von jedem Sitz aus einen anderen Eindruck. Das kann spannend sein und dürfte die Hamburger anregen, so viel wie möglich verschiedene Konzerte in ihrer Elbphilharmonie zu erleben. Freilich braucht’s dafür mehr als eine nur durchschnittliche finanzielle Ausstattung des potentiellen Konzertbesuchers.

Christian Thielemann: „Zweifelsohne einer der besten Säle der Welt. Es ist ein großes Vergnügen, hier zu musizieren.“ Aber auch etwas einschränkend hinzufügt: „Sicherlich wird man noch ein wenig experimentieren, was die perfekte Klangabmischung anbelangt, aber das ist ein völlig normaler Prozess, den man auch von anderen berühmten Sälen kennt.

Reichlich eine Stunde vor Konzertbeginn haben die Staatskapellisten mit ihrem sichtlich angeregten Chefdirigenten noch eine Anspielprobe. Für einen Außenstehenden eine abenteuerliche Vorstellung, den riesigen Klangkörper in so kurzer Zeit auf diesen empfindlichen Saal einzustellen. Denn das ist er, wie sich bald herausstellen wird. Nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für die Zuhörer, deren Gehuste und Gescharre hier viel mehr stört, als das bei manch anderem Raum der Fall ist. Die Musiker, zu ihren ersten Eindrücken nach der kurzen Probe befragt, sind sich des Experiments bewusst, wenn auch reichlich erfahren darin, sich auf Tourneen in unterschiedlichste akustische Verhältnisse zu fügen. „Der Saal fordert uns heraus“, sagt Solocellist Friedwart Christian Dittmann, „wir müssen hellwach sein.“ Erwartungsvolle Begeisterung spricht aus den Einschätzungen der Orchestermusiker und auch Respekt. Schon zu diesem Zeitpunkt aber sind sie des Lobes voll angesichts der ästhetischen Gestaltung des Hauses.

Imposant und schön

Imposant und schön: Hamburgs Elbphilharmonie.

Quelle: Matthias Creutziger

Chef Thielemann hat sichtlich Vergnügen daran, die Möglichkeiten des Raumes auszuloten und dessen Grenzen zu testen. In der Probe tariert er den Klang aus, öfter fällt die Bemerkung „nicht zu viel“ und einmal „Mensch, man hört alles!“. Aber das ist ja auch gut so. Seine strukturiert ordnende Führung macht, dass er stets Herr des musikdramatischen Geschehens bleibt und schließlich nach dem Konzert resümieren kann: „Zweifelsohne einer der besten Säle der Welt. Es ist ein großes Vergnügen, hier zu musizieren.“ Aber auch etwas einschränkend hinzufügt: „Sicherlich wird man noch ein wenig experimentieren, was die perfekte Klangabmischung anbelangt, aber das ist ein völlig normaler Prozess, den man auch von anderen berühmten Sälen kennt. Hamburg wird von diesem Saal enorm profitieren, und wir freuen uns schon auf eine hoffentlich baldige Wiederkehr.“

Auch Matthias Wollong, 1. Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle, differenziert: „Es ist ein wunderschöner Saal. Im ersten Moment war ich einfach überwältigt – von der Architektur wie auch vom Klang. Der Saal bietet unglaublich viele Möglichkeiten, die man nach dem ersten Kennenlernen noch gar nicht ausschöpfen kann. Er ist allerdings auch nicht ganz einfach“, urteilt der Man am ersten Geigenpult, „man hört tatsächlich alles, und ob das immer im Sinne der Musik ist, weiß ich nicht. Vom Publikum bemerkt man fast ein wenig zu viel, und auch auf der Bühne höre ich nicht immer das, was ich mir zu hören wünsche. Der Gesamtklang ist jedoch berauschend, und ich bin sehr glücklich und durchaus auch stolz, dass wir eines der ersten Gastorchester waren, die in der Elbphilharmonie haben spielen dürfen.“

Und wie hat es der Bass Georg Zeppenfeld erlebt? „Dieser Saal ist einfach fantastisch. Er ist spektakulär und hat eine unglaublich präsente und gleichzeitig körperhafte Akustik für das Orchester. Als Sänger hat man den Eindruck, dass man überhaupt keine Probleme hat. Man ist einfach da und kann viel machen. Dafür sind wir immer sehr dankbar.“

Wie macht Hamburg weiter nach diesem berauschenden Strom musikbeseelter Innigkeit und herrlichen Überschwangs? Bis Ende der Spielzeit sind alle großen Konzerte der Elbphilharmonie ausverkauft, und man darf davon ausgehen, dass der Run auf die Karten auch in den nächsten Monaten danach nicht abreißen wird. Irgendwann haben dann sehr viele das Haus besucht, die Architektur bewundert. Dann wird sich erweisen, ob Hamburg seinem Ziel, eine Musikstadt zu werden, näher gekommen ist. Generalintendant Christoph Lieben-Seutter, von der Donaumetropole Wien nach Hamburg an die Elbe gekommen, gestaltet nicht mehr nur Spielzeiten, er gestaltet jetzt sein Publikum. Denn über den Erfolg des gigantischen Hauses entscheidet schließlich, dass es nicht bei einem einmaligen Besichtigungstermin mit dazugehörigem Kulturevent bleibt, sondern die „Elphi“ auch in fünf Jahren noch voll ist – mit einer interessierten, musikgebildeten Zuhörerschaft.

Nach ihrem Hamburger Debüt darf davon ausgegangen werden, dass die Staatskapelle Dresden wieder willkommen sein wird – auch mit anderem Repertoire als Wagner. In der laufenden Spielzeit sind im übrigen bald weitere Dresdner zu Gast: Sven Helbig (Live-Elektronik) mit eigenen Texten unter dem Programmtitel „I eat the Sun and drink the Rain“ im Kleinen Saal und im Großen das Dresdner Festspielorchester unter Ivor Bolton mit dem Cellisten Jan Vogler und dem Pianisten Martin Stadtfeld.

Von Kerstin Leiße

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