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Regional Dresdner Schaubudensommer: Mit Tunnelblick zum Tollhaus
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09:36 05.07.2017
Auch der diesjährige Schaubudensommer soll wieder Jahrmarktgefühle wecken.  Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

 Alle Jahre wieder die gute Nachricht zuerst: Der Scheuneschaubudensommer findet statt – und feiert an den elf Sommerabenden vom 6. bis 16. Juli gar Jubiläum. Er werde „zarte 20 Jahre“, so steht es auf Seite 2 des schicken, 58-seitigen Programmheftes, dieses Jahr von Anett Bauer gestaltet. Bereits eine Seite später folgt die Aufklärung per Urprogramm: Man feiert gar nicht den 20. Jahrestag, sondern die 20. Auflage. Dort steht das Programm der Gründung vom 11. bis 15. Juli 1998, von Samstag bis Mittwoch terminiert.

Helmut Raeder, damals wie heute Kopf des zum Sommerspektakel ausgewachsenen schrägen Kleinkunstfestivals mit dem besonderen Flair, in dem sich alle Ex- und verbliebenen Neustädter mindestens einmal treffen, erinnert sich an den ersten Abend, als er von der Bühnenrampe in Frack und Zylinder in den vollen Scheune-Biergarten rief, dass es doch nun losgehe und alle in die drei Buden strömen sollten. Vergebens. „Erst am Mittwoch wurde es hinten einigermaßen voll“, scherzt er vorm Jubiläum und erinnert an Karen, die erste Besucherin, und Hugo, den ersten Besucher. Letzterer ist der Schwarzweißmischling von Bandoneon- wie Tangospezialist Jürgen Karthe und musste ausgeführt werden: „Der Platz hinter der Scheune war damals Spielwiese für Hunde – und Hugo liegt hier begraben“, beteuert Raeder. Karen blieb – und ist somit allererste und treueste Schaubudenbesucherin.

Bei der Programmvorstellung – traditionell 31 Stunden vorm Start auf der Baustelle Scheunegarten abgehalten, die anderthalb Tage darauf als perfekte Jahrmarktsidylle wirken wird, werden vor allem DDR-Puppenguru Peter Waschinsky („Das gaaanz große Komm Bäck“) und Wolfgang Lasch (als Debbsch & Lebbsch sowie Arnold Böswetter am Start) als Startstars geehrt, während zu den großen Zugpferd-Saalshows der Neuzeit, von Muttis Kinder (6.-8. Juli) über Anton Adassinsky (9./10. Juli), Die Echse (11.-13. Juli) bis Anna Mateur (14.-16. Juli) reichend, keine Werbung nötig ist.

Vergangenes Jahr noch wünschte sich Vize-Intendant Heiki Ikkola jeden Abend mindestens eintausend Leute auf dem Platz, die dann im Schnitt rund zwei Mal in eine Vorstellung müssen, um das Spektakel zu refinanzieren. Das gelang gut, denn während 2015 die Zahl der echten Genießer noch bei 23 000 lag, besuchten im Vorjahr schon 30 000 die einzelnen Shows, so dass der benötigte Umsatz erreicht wurde. Inzwischen ist der Dresdner Kunstpreisträger zwar nicht mehr in der künstlerischen Leitung – denn seine monatliche Soci-Freakstadt fordert ihren Zeit-Tribut. Dennoch ist er omnipräsent, denn Cie. Freaks und Fremde spielen als einzige zwei verschiedene Programme: die ersten neun Abende ihre „Freakshow“, die letzten beiden bieten sie ihren neuen Kafka-Bau als „Hörstück für zwei Stimmen, ein Tier und einen Sounddesigner“.

Elf Nächte, 35 Namen, 150 Künstler

Helmut Raeder bedauert und versteht den Rückzug: „Wir arbeiten hier alle wie beim Zirkus – also nicht nur die elf Festivalnächte, sondern auch 14 Tage vorher beim Aufbau und zehn Tage beim Abbau mit.“ Dazu kommt die vorherige Planung der Künstler: 35 Namen stehen im Programmheft, mindestens 150 Leute treten laut Raeder auf, die Zahl der Shows ergibt sich aus der Doppelmatrix von Gesamt- und Tagesplan, wobei der Abendgast die Wahl aus zwölf bis 15 verschiedenen Shows hat, die sich mehrfach wiederholen. Das Programm erfährt im Laufe der Zeit zwei bis drei schleichende Wandel, prinzipiell terminiert nach dem ersten und vor dem zweiten Wochenende. So kann nur der, der mindestens dreimal da war und die Zeit nutzt, einen guten Überblick erhalten.

Gewandelt habe sich im letzten Jahr der Besucherzuspruch. Gerade Montag und Dienstag erleben jüngst mehr Zulauf, während es am abschließenden Sonntag schon lockerer und gelassener zugehe, rät Raeder. Aber er warnt: „Wir können dieses Jahr wirklich nur eintausend Leute auf den Platz lassen – danach ist Einlassstopp.“ Der Platzeintritt kostet dieses Jahr ab 18 Uhr drei Euro (also fünf Groschen mehr), die sonstigen Preise bleiben: Fünf Euro pro Vorstellung, das Dreierticket kostet zwölf, das Kinderticket zwei Euro. Die drei Satelliten aus dem Vorjahr, wo man Projekttheater, Groove Station und das Thalia-Zelt bespielte, bleiben aufgrund des Zuschauergusto ein einmaliges Experiment.

Der Grund von Reduktion und Erhöhung: Während die giftgrüne Nachbargarage mit aufgepflanzter Sporthalle schon im vergangenen Jahr reichlich Platz aus Süden klaute, wird dieses Jahr noch dazu das Dreikönigsgymnasium renoviert. Nach erfolgreichem Verhandeln sind nun dort zwei Zelte möglich, durch einen Tunnel zu erreichen. Der Name der Spielstätten jenseits des Tunnelblicks passt dazu: Im Tollhaus (Zimmer VII) ist Puppentheater Trumpf – unter anderen mit dem Krakauer Figurentheater (10.-12. Juli), im Tollhaus (Zimmer XIII) gastiert zur selben Zeit „The Metafiction Cabaret“ aus Berlin, die traditionelle Theatersongs als Glitzerpogo-Punk-Noir-Spektakel aufführen.

Traditionell gibt es zum Ausklang Konzerte junger Festivalbands. Dana Bondartschuk, die – gemeinsam mit Robert Lewetzky, der dem Neustadtfestival als Recommandeur schon lange treu ist – als künstlerische Mitarbeiterin ein Drittel von Raeders „Dreigestirn“ ist , freut sich vor allem ob deren Internationalität, denn neun Länderkürzel stehen in den Klammern hinter den Namen, wobei sich nur das (D) mehrfach findet. Das Spektrum reicht von italienischem Klezmerfolk über us-amerikanischen Worldbeat bis hin zu syrischem Pop. Ein Höhepunkt dürfte das Warschauer Duo Paula & Karol am Freitag (7.7.) sein.

Und der große Vorteil der immanenten Verrechenkünste folgt in der XXI. Edition: Am 11. Juli 2018 kann man dann echt den 20. Jahrestag zelebrieren – wohl jenen, die am gleichen Tag ihren Ehrentag feiern.

Dresdner Schaubudensommer 6. bis 16. Juli (täglich ab 18 Uhr, Platzeintritt: drei Euro)

Von Andreas Herrmann

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