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Dresdner Musikfestspiele - ein Interview mit der moldawischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja

Dresdner Musikfestspiele - ein Interview mit der moldawischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja

Die Dresdner Musikfestspiele vom 15. Mai bis 3. Juni 2012 widmen sich unter dem Motto "Herz Europas" insbesondere jener Region, die im Dreieck Wien-Budapest-Prag so viele Wunderwerke der Musik geboren hat.

In einer Interviewserie der DNN kommen Künstler, die in Dresden zu erleben sein werden, als Stimmen aus dem Herzen Europas über Europa zu Wort. Heute: Patricia Kopatchinskaja (Violine).

Frage: Kunst und Kultur haben sich noch nie durch nationalstaatliche Denkmuster und Egoismen beschränken lassen, daher wird ihnen eine führende Rolle im europäischen Einigungsprozess zugewiesen. Wie kann Kultur den europäischen Gedanken über die Dimension einer Wirtschafts- und Währungsunion hinaus stärken?

Patricia Kopatchinskaja: Kultur und Kunst sind doch nicht frei von nationalstaatlichen Aspekten. Debussy beispielsweise verstand sich als französischer Komponist, Brahms war nationaldeutsch und kaisertreu. Wirklich europäisch oder global geeinigt ist nur die Konsumkultur, sei es IKEA, Hennes+Mauritz, Benetton, Sony oder Coca Cola. Aber hier sollte man eher von Kulturverlust sprechen. Die wirkliche europäische Kultur war immer verschiedenartig und jeder kulturelle Einigungsprozess kann nur zerstörerisch wirken.

Das Herz Europas war die Triebfeder, die Kunst und Kultur zu unnachahmlicher Blüte gebracht hat. Sie zeigen uns, dass Europa mehr ist als eine Wirtschaftsunion, sondern eine Wertegemeinschaft. Worin besteht das gemeinsame "kulturelle Erbe", das eine europäische Identität prägt? Wie wichtig ist es gleichzeitig, diese Vielfalt zu erhalten?

Es wäre unbescheiden, bezüglich der europäischen Kultur von einer "unnachahmlichen Blüte" zu sprechen. China und Japan haben während Jahrhunderten z.B. in der Dichtung, in der Malerei oder im Stoffdruck Leistungen hervorgebracht, die den unsri- gen ebenbürtig oder sogar voraus waren und die seit dreihundert Jahren von führenden europäischen Künstlern bestaunt und imitiert werden.

Die kulturellen Leistungen in Europa wurden von ihren Urhebern auch kaum als "europäisch" verstanden. Brunelleschi, die Schlüsselfigur der Renaissance, verstand sich als Florentiner und ich glaube kaum, dass sich zu seiner Zeit irgendjemand als Italiener oder gar als Europäer fühlte.

Eines allerdings hatte Europa den totalitären Großreichen der alten und neuen Zeit (Persien, Russland) immer voraus: Seit Sokrates hat sich in Europa und eigentlich nur in Europa ein individuelles Bewusstsein und ein selbstverantwortliches Denken der einzelnen Menschen entwickelt. Im besten Fall wurde Dogma ersetzt durch Infragestellen und Diktat durch Dialog. Das ist das eigentliche europäische Erbe.

Was bedeutet der europäische Gedanke für Ihre Arbeit, wo begegnet er Ihnen in seiner schönsten Form?

Wie gesagt ermöglicht die spezifisch europäische Weltsicht seit jeher, alles in Frage zu stellen und individuell Neues auszuprobieren. In diesem Sinne bin ich ein sehr europäischer Musiker, denn ich versuche dauernd, die musikalische Erfahrung über das Bekannte und Bestehende hinaus auszuweiten - sei es, dass ich alte Werke neu beleuchte, dass ich neue Formen ausprobiere oder vor allem, indem ich neue Werke aufführe. Mit neugierigen Mitmusikern und einem aufnahmefähigen Publikum ist das die europäische Musikerexistenz in ihrer schönsten Form. Ab und zu allerdings muss man feststellen, dass manche Europäer denkfaul und dogmatisch geworden sind, denn manche Veranstalter und manches Publikum wollen nur hören, was sie schon längst kennen - am liebsten übergewichtigen Beethoven und plüschigen Brahms...

Sie arbeiten oft mit Künstlern zusammen, die sehr stark als Botschafter der EU auftreten (Youth Orchestra of the EU, Fazil Say...). Wird da viel diskutiert über ein mehr als nur wirtschaftlich geeintes Europa und die Verantwortung der Kultur in diesem Prozess?

Ich muss gestehen, dass ich über diese Fragen nie mit anderen Künstlern diskutiert habe.

Das Land, aus dem Sie stammen, Moldawien, steuert langfristig eine Mitgliedschaft in der EU an. Sind Sie da als Geigerin schon ein paar Schritte voraus?

Moldawien ist das östlichste Anhängsel Europas - dort endete seinerzeit das Römische Reich. Zurzeit ist Moldawien leider wirtschaftlich isoliert und sehr viele Moldawier finden Arbeit nur im Ausland. Diesbezüglich bin ich also in zahlreicher Gesellschaft und keineswegs einen Schritt voraus. Moldawien könnte sicher von einem Beitritt zur EU profitieren. Persönlich bin ich mit dem Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft sozusagen der EU beigetreten. Aber als reisender Solist muss man Weltbürger sein, beheimatet nicht nur in Europa, sondern auch in Japan, Australien oder Mexico.

Konzert: Donauklänge: Moldawien / Patricia Kopatchinskaja am 26. Mai, 21 Uhr, VW-Manufaktur

Patricia Kopatchinskaja studierte Komposition und Violine in Wien und Bern. Als Solistin hat sie mit führenden Orchestern wie den Wiener Philharmonikern, dem Philharmonia Orchestra London, der Staatskapelle Berlin, dem Orchestre des Champs-Elysées, dem Orchestre Philharmonique de Radio France und dem Russischen Staatlichen Symphonieorchester und unter Dirigenten wie Sir Roger Norrington, Sakari Oramo und Esa-Pekka Salonen gespielt. Patricia Kopatchinskaja ist in bedeutenden Konzertsälen wie der Carnegie Hall und dem Lincoln Center New York, der Berliner und Kölner Philharmonie, dem Concertgebouw Amsterdam, der Wigmore Hall und der Royal Festival Hall London aufgetreten. Ihr weites musikalisches Spektrum lässt sich mit einer vielseitigen Diskografie belegen, ausgezeichnet z.B. mit dem "ECHO" Klassik und dem "Gramophone Award". 2012 wird sie mit dem "Praetorius-Musikpreis" in der Kategorie Musikinnovation ausgezeichnet. Sie spielt eine Geige von Giovanni Francisco Pressenda aus dem Jahre 1834.

Stimmen aus dem

Herzen europas

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.04.2012

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