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Dresdner Kulturverein artderkultur feiert zehn Jahre lokale Künstlerförderung

Dresdner Kulturverein artderkultur feiert zehn Jahre lokale Künstlerförderung

Ob der artderkultur mit seiner Veränderbar wirklich "das kleinste soziokulturelle Zentrum der Stadt" ist, wie es im Netz steht, ist fraglich. Vermutlich nicht. Denn seitdem der gemeinnützige Verein 2011 in einen Hinterhof in der Görlitzer Straße gezogen ist, hat er ein ganzes Haus für die Soziokultur gemietet.

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Ein Siebtel vom artderkultur im "Vereinswohnzimmer": Edda Laux, Stefan Lüer und Fabiane Rohr (v.l.).

Quelle: Amac Garbe

Die meisten Gäste betreten vermutlich nur die Bar. Die hat geöffnet, wenn eine Veranstaltung stattfindet. Zwei oder dreimal in der Woche, meistens geht es um Musik, Literatur oder Kunst. Ein Ort der kreativen Auseinandersetzung soll es sein und einer, wo sich Gleichgesinnte treffen. Wenn schon nicht mit der Raumgröße, gewinnt der Verein ja möglicherweise den Wettbewerb um den kleinsten Programmflyer, denn der hat Form und Größe eines Blutspendepasses und passt problemlos in jede Hosentasche.

Beim Treffen mit drei Vereinsmitgliedern in der Veränderbar gibt es Tee in Cocktail-Gläsern, die einen gestrickten Umhang tragen. Was in Australien als Anfasshilfe für kaltes Bier verwendet wird, hilft im kühlen Raum, den noch heißen Tee zu trinken. Dazu brummt der Luftentfeuchter, der davon träumen lässt, dass die Nässe irgendwann einmal verschwindet, die sich im Mauerwerk eingenistet hat. "Ölgemälde sind deshalb tabu, denn die mögen keine hohe Luftfeuchtigkeit", sagt Fabiane Rohr, die gerade den Vereinsvorsitz von Edda Laux übernommen hat.

Davon abgesehen ist es sehr gemütlich in der kleinen Hinterhof-Räumlichkeit, die einer großen Wohnung ähnelt - mit bunt zusammengestellten Tischen, Stühlen, Sitzecken und der aktuellen Fotoausstellung über Island einmal drum herum an den Wänden. Die Bar haben sie aus alten Holztüren zusammengezimmert. "Der Entwurf stammt von mir", sagt Laux, die schon seit Anfang an dabei ist. Also seit 2004, als sich der Verein gründete und dann bald in einen Raum auf dem Bischofsweg zog, später in eine Galerie im Sonnenhof (der Eingang neben der Kunsthofpassage) und danach an verschiedenen Orten seine Nischenkultur betrieb.

Klein, das Wort sagen sie öfter im Gespräch. Hauptsache es lässt sich unter den Stichworten "kreative, spartenübergreifende und unkommerzielle Kultur" zusammenfassen, so steht es jedenfalls auf der Vereinsseite. In den kleinen Veranstaltungssaal neben der Bar passen sitzend 45 und stehend um die 70 Menschen - da ist eh kein Raum für Publikumsmagneten. "Wir bieten Unterstützung für Anfänger", sagt dann auch Stefan Lüer, seit ein paar Jahren Vereinsmitglied. "Hier und bei unserem Umsonst & Draußen-Festival (ein alternatives Rockfestival an der Garnisonskirche nördlich vom Alaunpark, Anm. d. Red.) spielten bisher vielleicht um die 200 Bands. Ein paar davon sind mittlerweile größer, so wie Leo hört Rauschen, Flanschies oder Goldner Anker." Und wer darf spielen? "Wir wollen alles außer Rechtsrock", sagt Laux, und - sie zögert einen Moment - auch Schlager sei grenzwertig. "Es sei denn, Helene Fischer macht auf einmal Postrock", ergänzt Lüer, der sich aktuell um die Pressearbeit für die Jubiläumsparty kümmert. Am 31. Januar wird gefeiert, obwohl der artderkultur schon zwei Monate vorher Geburtstag hatte.

Es passte nicht eher. Im Gegensatz zu Lüer, der nur ab und zu mal an der Bar steht und beim Festival mithilft, ansonsten im Verkauf eines großen Außenwerbeunternehmens arbeitet, bringen Edda Laux, Fabiane Rohr und andere aktive Vereinsmitglieder richtig viel Zeit für den Verein auf. Sie stoßen manchmal an ihre Grenzen, weil auch sie Jobs ausüben. Die Soziologin Laux arbeitet Vollzeit bei einer Jugendstiftung, Rohr ist freischaffende Kulturmanagerin, hat an der TU Dresden studiert. Lüer ist Dresdner, Rohr stammt aus Torgau und Laux aus der Nähe von Stuttgart. "Hier findet also keine Wessi- oder Ossi-Diskriminierung statt", sagt Rohr lachend, "und auch nicht nach Berufsgruppen, denn vom Psychologen bis zum Anstreicher ist alles dabei", sagt Lüer. Es könnten natürlich immer noch mehr Leute mitmachen, meinen sie einstimmig. 20 Mitglieder sind sie, zehn aktive, dazu kommen beim U&D-Festival rund 40 Helfer. Kooperationspartner sind zum Beispiel die Umundu-Initiative, die Blaue Fabrik oder der international netzwerkende Jugendverein Milan e.V. Beim Hechtfestival organisieren sie eine der Bühnen, zur BRN bieten sie Entspannung vom Trubel des Stadtviertelfestes, mit Musik und Bierausschank aus dem Fenster.

Es gibt viel zu organisieren. Alle vier Wochen eine neue Ausstellung. Einmal im Monat liest die noch recht junge Lesebühne "Phrase IV". Autoren treten auch einzeln auf, und manchmal wird über Literatur geredet, wie beim Rezensionsabend "Aufgeschlagen" mit Jörg Stübing vom Buchladen BüchersBest, der vermutlich fast jedes Buch dieser Welt mindestens schon einmal durchgeblättert hat. Trotz einigermaßen großer Berühmtheit war auch Christian von Aster schon mal in der Veränderbar. Der Satiriker und Comiczeichner liest sonst in großen Hallen. Zur Lesung brachte er sein eigenes Bier mit, ein Comic-Trollbier, passend zum Abend. Das Bier hat nun einen Ehrenplatz über der Bar.

Donnerstags ist Kino, sie zeigen abwechselnd Doku- und Überraschungsfilme, gerade lautet das Thema "Winterwestern". Und selbst hier, an einem Ort, an dem der Mainstream vorbeiziehen soll, wird sonntags "Tatort" geschaut. "Vor neun Jahren", so Laux, "schauten den die Leute aber noch heimlich". Bei Lesungen ist Rauchverbot, beim Kino darf nur an der Bar geraucht werden, bei Konzerten nicht während die Künstler auftreten. Doch alles ist besser, als im Hof zu stehen und Lärm zu machen, denn der Verein ist umstellt mit Wohneinheiten und damit potenziell schlafliebenden Nachbarn.

Wie finanziert man so etwas? "Wir sammeln bei Konzerten mit dem Hut Geld für einen Teil der Gage", sagt Laux. Sonstige Einnahmen gehen an den Verein für kleine Anschaffungen. Die Bar bringt auch Geld, schaut man sich die Preise an, dürfte es jedoch nicht allzu viel sein. "Wir hätten gern eine Sockelfinanzierung für das Haus, um jemanden auf 20-Stunden-Basis einstellen zu können, damit die Veränderbar noch öfter genutzt werden kann. Für Workshops zum Beispiel." Das mit der institutionellen Förderung hat seit sechs Jahren nicht geklappt, aber davon lassen sie sich nicht demotivieren. Sie versuchen es einfach im nächsten Jahr wieder.

Dann gibt es noch eine Hausführung, die auf schmalen Treppen nach oben führt, zum Büro, zu den vier Atelier- und Arbeitsräumen und zur Künstlerunterbringung, die nicht viel mehr ist als ein Bett und ein kleiner Schrank. Im Keller sind die Nasszellen, die den Namen ganz sicher verdienen. artderkultur, das heißt vermutlich auch, aus recht wenig etwas zu machen.

Am Sonnabend ab 18 Uhr feiert der artderkultur e V. seinen zehnten Geburtstag in der Veränderbar (Görlitzer Str. 42) mit Autorenlesungen der Lesebühne "Phrase IV" und Konzerten von Turbophob und Pitchtuner sowie einem anschließenden DJ-Set vom Old Men Music Club.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.01.2015

Juliane Hanka

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