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Regional Dresdner Geigenbaumeister gewinnt Musikinstrumentenpreis
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18:17 05.04.2018
Steffen Friedel Quelle: Hartmut Schütz

Noch immer schwebt der Geruch von Metallverarbeitung aus Jahrzehnten im Treppenhaus, als im weitläufigen Fabrikgebäude an der Bärensteiner Straße die Lötgeräte und die berühmten Benzinkocher der Firma Barthel gefertigt wurden. Heute aber zeigt die Tafel am Eingang eine Vielzahl kleiner Firmen an und das Schild des Geigenbauers Steffen Friedel findet sich in der obersten Reihe. In der dritten Etage teilt sich Friedel die ehemaligen Büros, die sich am langen Flur reihen, mit Nachbarn, die man in einem solchen Bau kaum vermutet: eine Textilkünstlerin, ein Holzgestalter, lauter „Exoten“. Man versteht sich gut und so werden im Sommer, wenn es warm wird unterm Dach, die Türen geöffnet und Durchzug gemacht. Das Fenster der Geigenbauwerkstatt geht nach Südwesten, ist es hell im Raum und der Blick über die Dächer weit.

Vor kurzem erreichte Friedel die größte Überraschung seines mittlerweile dritten Berufslebens per Telefon: Er, der Seiteneinsteiger, hat den Deutschen Musikinstrumentenpreis 2018 gewonnen, den das Bundesministerium für Wirtschaft vergibt. Auf der anstehenden Internationalen Frankfurter Musikmesse wird sein prämiertes Instrument, die „Wappenbratsche“, ausgestellt sein. Sich dort als zudem frisch gekürter Geigenbaumeister präsentieren zu können, bietet ihm ganz neue Chancen, mit Musikern und Kollegen in Kontakt zu kommen, meint Steffen Friedel.

Vor kurzem erst schloss er die Meisterausbildung ab

Der Meisterbrief, den er für seine im vergangenen Jahr in Markneukirchen abgeschlossene Meisterausbildung vor einigen Wochen empfangen hat, hängt in einem großen Rahmen zentral an einer Wand der Werkstatt, die sonst eher schmucklos ist. Es sieht hier nicht idyllisch aus, wie Dokumentationen über den Instrumentenbau gern suggerieren, sondern nüchtern nach Arbeit: Eine große Arbeitsplatte steht vor der Fensterfront, Regale und Abstellflächen sind angefüllt mit Werkzeugen und Behältnissen voller Materialien, einige Holzvorräte gibt es natürlich. Celli, Geigen und andere Instrumente, auch solche, die überholt oder repariert werden müssen, bevölkern den Raum in allen Stufen der Bearbeitung. Seit sechs Jahren arbeitet Friedel hier bereits, nachdem er 2010 seine Ausbildung beim Instrumentenbauer, Maler und Holzkünstler Helmut Bleffert im rheinlandpfälzischen Großlangenfeld abgeschlossen und sich selbständig gemacht hatte. Den Meisterkurs an der Markneukirchner Fachhochschule zu absolvieren war ihm dennoch wichtig, denn sein Lehrer war einst wie er ein Seiteneinsteiger und die Anerkennung bei den Kunden ist noch immer eine andere, wenn man im Besitz der Urkunde mit den goldgeprägten Schriftzügen ist.

Geigenbaumeister Steffen Friedel Quelle: Hartmut Schütz

Die erste Begegnung mit Streichinstrumenten hatte Steffen Friedel in Kindheitstagen und der frühe Geigenunterricht wurde zu einem Samenkorn, das späte Früchte hervorbringen sollte. In Döbeln im Jahr 1966 geboren, hob die Ausbürgerung der Familie im Nachgang der Biermann-Affäre den Schüler zunächst einmal aus den geplanten Gleisen. In Süddeutschland dann boten sich nach dem Schulabschluss ganz andere Möglichkeiten und der Jugendliche, der bereits damals den Dingen gern auf den Grund ging, wurde Flugzeugmechaniker. Andere Interessen kamen hinzu. Ein Wechsel zur Geologietechnik brachte Friedel zurück nach Sachsen und nun ließ er für ein hydrologisches Ingenieurbüro im heimatlichen Boden nach Wasserproben bohren. Neue musikalische Versuche auf einem Cello, zu denen sich die einmal gehabten Geigenstunden als recht hilfreich erwiesen, weckten schließlich seine Neugier auf die Untergründe des Instrumentenbaus. Die Idee, sich ein Violoncello selbst zu bauen, ließ ihn nicht mehr los und folgerichtig „infizierte“ ihn ein Instrumentenbaukurs bei Helmut Bleffert mit dem Gedanken, dieses Handwerk zum Beruf werden zu lassen. Ein ziemliches Wagnis, wenn man Anfang 40 und inzwischen mit einer Familie versehen ist.

Auszeichnung für den Mut, etwas Neuartiges zu wagen

Dass sich mit Bleffert und Friedel zwei gefunden hatten, die sich Musikinstrumente auch abseits strenger Tradition vorstellen können, sieht man in der Werkstatt in Dresden-Gruna. Ein zerlegbares und damit fürs Üben im Urlaub taugliches Reise-Cello etwa steht da in mehreren Varianten. Solche Projekte kosten vor allem Zeit, sagt Steffen Friedel. Auch eine Spezialität seines Lehrers, die Campanula, hat er in seinem Programm. Diese Variation des Violoncellos belebt die alte Idee der „eingebauten Akustik“ mittels Resonanzsaiten, wie sie vor 300 Jahren bei Baryton oder Viola d’amore üblich waren, wieder neu.

Einige Details der Campanula, Klang und Form großer Amati-Bratschen und der gewitzte Abschluss des Wirbelkastens mit einem Wappenschild anstelle der Schnecke bei einer Violine Stradivaris inspirierten Friedel schließlich zu seiner „Wappenbratsche“. Den guten Klang mit frischen Ideen in der äußeren Gestaltung eines Instrumentes zu verbinden, getrauen sich nicht viele Geigenbauer. Aber gerade dies probiert zu haben, hat die Jury des 1990 initiierten Wettbewerbs an Friedels moderner Viola überzeugt. Vorbei sind also die Zeiten, als er vor einigen Jahren noch auf dem Tisch in der Wohnung seine erste neue Violine baute. Der Seiteneinsteiger, der unversehens zum Überflieger geworden ist, macht allerdings nicht den Eindruck, als sei ihm die Anerkennung durch den Preis zu Kopf gestiegen. Konzentriert wirkt er und bodenständig und in seinem Beruf ganz angekommen. Die junge Meisterwerkstatt hat bereits ihren Kundenkreis für neue Instrumente wie für die gängigen Aufträge von kleinen Reparaturen bis hin zum Aufarbeiten völlig verwahrloster Geigen, wie sie sich öfter in Erbschaften finden.

Schritt für Schritt: Eine neue Viola (links) und einige neuere und ältere Violinen warten in Steffen Friedels Werkstatt an der Bärensteiner Straße auf ihre Vollendung Quelle: Hartmut Schütz

Und noch etwas hat Friedel von seinem Lehrer übernommen, da er – als damals ambitionierter Laie – auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich ein Instrument selbst zu bauen, bei den hiesigen Geigenbauern abblitzte: Er bietet nun seinerseits Instrumentenbaukurse an, in denen er Laien dahin führt, am Schluss mit einer fertigen Violine oder einem fertigen Violoncello nach Hause zu gehen. Dass er auf diesem Weg wieder andere mit dem Geigenbauvirus anstecken könnte, ist nicht auszuschließen und weiterhin die Phantasie spielen zu lassen, um neue Instrumente zu erfinden oder die alten neu zu denken, dürfte ein Pfund sein, mit dem Geigenbaumeister Steffen Friedel auch künftig wuchern wird.

Geigenbaumeister Steffen Friedel: www.geigenbau-friedel.de/

Deutscher Musikinstrumentenpreis:

www.bmwi.de/Redaktion/DE/Wettbewerb/deutscher-musikinstrumentenpreis.html

Von Hartmut Schütz

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