Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Dresdens Stadtmuseum widmet sich der Arbeiterfotografie zwischen Selbsterkenntnis und Propaganda

Dresdens Stadtmuseum widmet sich der Arbeiterfotografie zwischen Selbsterkenntnis und Propaganda

Arbeiterbewegung, Arbeiterklasse. Begriffe aus einer anderen Zeit, vernutzt durch jahrzehntelange ideologische Annektion. Aktuell zudem kaum noch einsetzbar, weil die Arbeiterklasse de facto nicht mehr existiert, mittlerweile einer Angestelltenklasse gewichen ist.

Voriger Artikel
"Wir lieben es, im Duo zu spielen!" - Zwei Dresdnerinnen holen sich Sieg bei "Jugend musiziert"
Nächster Artikel
Tanzen für die Toleranz: "Tolerade" zieht am Samstag durch Dresden

Willi Zimmermann: Protest der Roten Raketen gegen das Auftrittsverbot (Notverordnung von 1930) vor dem Büro der Internationalen Arbeiterhilfe in der Wilsdruffer Vorstadt.

Quelle: Pepro: Katalog

Die immer weniger werdenden Arbeiter haben außer ihrer Dezimierung noch den Nachteil, sich in Gruppen immer weiter voneinander zu lösen: auf der einen Seite die Unterbezahlten, auf der anderen die Hochspezialisierten - mehr Trennendes als Verbindendes. Eine Klasse, etwas beinahe Allumfassendes, sind sie die längste Zeit gewesen.

Doch diese Begriffe erleben im Kontext der jüngsten Sonderausstellung im Dresdner Stadtmuseum zumindest zeitweise eine Renaissance. Anlass ist die Fotoschau "Das Auge des Arbeiters", die so ähnlich schon in Köln und Zwickau zu sehen war. Damit kehrt das Thema nach gut 25 Jahren an den zentralen Dresdner Ausstellungsort zurück. Die Pause erklärt sich fast von selbst. "Der Bedarf an der Darstellung der Arbeiterklasse war wohl erstmal gesättigt", resümiert, auf die besagte ideologische Vereinnahmung des Themas in der DDR eingehend, die Direktorin des Stadtmuseums Dresden, Erika Eschebach.

Der Untertitel der Ausstellung: "Erinnerungsfotografie und Bildpropaganda um 1930". Es ist also die Zeit kurz vor dem Ende der Weimarer Republik. Die Weltwirtschaftskrise hat auch Deutschland im Griff, das Heer der Arbeits- und Hoffnungslosen wächst ins Dramatische. Die Not war allgewaltig, sprichwörtlich fast überall zu erspüren. Leid von einem Ausmaß, dass wir heute in unseren Breiten dafür eigentlich kaum mehr die richtigen Worte haben, es zu beschreiben, weil uns Wohlstandsglückskindern die damaligen Lebensbedingungen irreal erscheinen. Heutzutage reden wir übers Existenzminimum, damals ging's ums pure Überleben elendiger Zustände. Dieses gesamte zeitgeschichtliche Umfeld ist bei der Ausstellung mitzudenken. Was aber nicht allzu schwer fällt, spricht es doch deutlich aus den gezeigten Bildern (rund 120 Fotos auf Papier, weitere Dutzende mehr in digitaler Form).

Es ist der Aufbruch aus einer doch größtenteils unverschuldeten Unmündigkeit, den diese Bilder illustrieren. Eine Klasse wird sich ihrer selbst und den dramatischen Bedingungen, unter denen sie vegetieren muss, bewusst. Mehr noch, sie stellt das über diese Fotos auch öffentlich dar. In dieser Offenlegung steckt Selbsterkenntnis. Sie zeigt sich in Bildern, die erstmals von den Arbeitern gemacht werden. Das ist das Neue. Der fast zeitgleiche Aufschwung der street photography ist dagegen eine Domäne, die fast ausnahmslos in den Händen derer liegt, die aus bürgerlichen Verhältnissen stammen. Was unter anderem mit so profanen Umständen wie den Preisen für die Fotoapparate zusammenhängt.

Die besagte Selbsterkenntnis der Arbeiter wird schnell propagandistisch genutzt. Vor allem von den Kommunisten, aber nicht nur von denen. Dennoch erscheint die einfache Gleichsetzung von Arbeiterfotos und Agitation zu simpel, besonders dann, wenn man Blicke in andere Ecken der Fotografiegeschichte wirft. Der berühmten Foto-Ausstellung "Family of Man" wäre zum Beispiel eine ähnliche, wenn natürlich auch subtilere Form der Propaganda anzuheften. Die Schau tingelte ab 1955 durch die Welt, sie sollte friedensstiftend wirken nach dem Zweiten Weltkrieg - und blieb doch ein stark amerikanisch geprägtes, mit vielen Klischees aufgepepptes Schaufenster westlicher Lebensvorstellungen. Eine bis heute nachwirkende Dominanz.

Die Arbeiterfotografie ist jedenfalls immer noch ein weitgehend ungeschriebenes Kapitel der Fotografiegeschichte. 2011 wurde in Madrid dazu eine relativ große Ausstellung gezeigt, kuratiert von Jorge Ribalta. Diese Schau steht relativ allein auf weiter Flur. Arbeiterfotografie ist und bleibt ein Aspekt, der verglichen mit anderen Subthemen wie beispielsweise die schon erwähnte street photography (mit der die Anfänge der Arbeiterfotografie einiges gemeinsam haben) gerade auf Ausstellungsebene stark unterbelichtet blieb. Ribalta argumentierte im Vorfeld seiner Ausstellung vor vier Jahren ähnlich. Er kritisierte damals, dass die Historiker um die Bewegung der Arbeiterfotografie einen großen Bogen machen würden. Was wiederum mit einer weiteren ideologischen Vereinnahmung zusammenhängt. Arbeiterfotografie war (zumindest in Deutschland) vordergründig ein Instrument der Kommunisten. Der Niedergang der Zuschreibung kommunistisch hängt also folgerichtig mit dem Ignorieren der Arbeiterfotografie zusammen - eine fatale Verknüpfung.

Im Dresdner Stadtmuseum wird nun zumindest auf regionaler Ebene, aber bemerkenswerterweise auch darüber hinaus ein starker Akzent gesetzt. Dafür stehen Fotografen wie Walter Ballhause (Hannover) oder Albert Hennig (Leipzig). Auch Hans Bresler (Gittersee) und Wilhelm Zimmermann (Dresden) nehmen sich der sozialen, damit natürlich automatisch sozialkritischen Situationen an - und setzen sie vehement um. Starke Bilder entstehen. Wer Ballhauses arbeitslose Gestalten sieht, die fast geisterhaft wirken, oder Eugen Heiligs Reportage "Hunger im Frankenwald", wird sich dem schwer entziehen können, ungeachtet der propagandistischen Ausschlachtung der Aufnahmen. Dazu kommen stadtgeschichtliche Aspekte wie Breslers ungewöhnliche Einblicke in die Arbeitswelt der Schokoladenfabrik Anton Reiche AG. So mischen sich große Themen mit kleineren Perspektiven.

Den passenden Rahmen setzt die Ausstellungsarchitektur: Wellblech und Pressspan, die Kulisse dessen, was damalige Lebenswelten spiegelt. Einen großen Bogen schlagen die Macher der Schau noch mit dem berühmten Film-Ausschnitt schießender Soldaten auf der Odessaer Hafentreppe aus Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" und drei Foto-Montagen John Heartfields. Auch das sicher als Propaganda gebrauchtes Material. Doch siehe Ribalta: Die Geschichte der Arbeiterfotografie in anderen, größeren Kontexten harrt noch ihrer Aufarbeitung. Die Dresdner Ausstellung kann da nur ein Schritt sein.

bis 12. Juli, Stadtmuseum, Wilsdruffer Str. 2, geöffnet Di-So 10-18, Fr 10-19 Uhr www.stadtmuseum-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.04.2015

Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr