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Dresdens Bürgerbühne entdeckt im Kleinen Haus das "Morgenland"

Typisch, aber nicht repräsentativ Dresdens Bürgerbühne entdeckt im Kleinen Haus das "Morgenland"

Ein klug geplantes Wochenende mit einem gelungenen ersten Adventabend liegt hinter dem Dresdner Staatsschauspiel: Vom hammerharten Abendöderelbland ging es direkt ins warme "Morgenland". Dessen Premiere am Sonntagabend setzte einen weichen Kontrapunkt zur Omnipräsenz des einheimischen Wutbürgers.

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Der fliegende Teppich als Metapher für 1001 Nacht. Szene mit Sami Ramadan, Politikstudent aus Damaskus, und Ibrahim Mohamed Qadi, Friseur aus Ramallah.

Quelle: David Baltzer

Dresden. Ein klug geplantes Wochenende mit einem gelungenen ersten Adventabend liegt hinter dem Dresdner Staatsschauspiel: Vom hammerharten Abendöderelbland ging es direkt ins warme "Morgenland". Dessen Premiere am Sonntagabend setzte einen weichen Kontrapunkt zur Omnipräsenz des einheimischen Wutbürgers - und das mit elf Menschen, die von der Bürgerbühne als "Dresdner aus dem Orient" beschrieben werden und in einer Melange aus Erzählung, Spielshow, Begegnung und Musik über Einzelschicksale die Breite der kulturellen Schnittstelle von Orient und Okzident zu definieren versucht. Nicht alle sind Flüchtlinge oder neu in Dresden, der Basar der Möglichkeiten, geboten an acht Acht-Mann-Tischen und einer offenen Tribüne, führt eine Tunesierin und sechs junge Männer aus Syrien, Ägypten und Palästina als Spiel sowie vier als Musiker zusammen.

Bürgerbühnenchefin Miriam Tscholl hat das - gemeinsam mit Dramaturgin Felicitas Zürcher und dem stadtbekannten Übersetzer und Arabischlehrer Bashar Alwan - genau recherchiert und sorgfältig vorbereitet, der in ihrer erfahrenen Regie entstandene Mix, flankiert von einem feinem Programmheft, taugt gut für eine Einführung, die alle Gewogenen in ihrem Bekenntnis zur Weltoffenheit stärken dürfte. Ein Basar der Möglichkeiten, der mit einem lustigem Klischee-Quiz beginnt, bei dem die Zuschauer per Handmeldung ein Meinungsbild abgeben - um sich selbst täuschend zu wundern.

Musik, Gedichte, Literatur als Nummernprogramm - das wird in gewohnter Bürgerbühnenqualität angeboten - und zumindest aus dem Arabischen ins Englische, meist auch ins Deutsche übersetzt.

Spielerischer Höhepunkt ein Duett im Duktus der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht (so man den Erzähler überleben lässt), geboten von Ibrahim Mohamed Qadi, Friseur aus Ramallah, und Sami Ramadan, Student der Politikwissenschaften aus Damaskus, beide mit viel Spaß und sichtlicher Bühnenerfahrung.

Dazwischen immer wieder Tischgespräche, wo sich zu jeweils sieben Besuchern ein Akteur gesellt und etwas erzählt oder vorstellt. So auch die junge TU-Doktorandin Yesmine Trigui, Umweltingenieurin aus Sfax in Tunesien und das gute Gesicht der Arabellion, die weltgewandt neben Arabisch und Französisch auch Englisch und Deutsch beherrscht und sich mit 26 noch nicht der familiären Pflicht, sondern der Wissenschaft widmet.

Ein bisschen erinnert die Prozedur der kurzen Tischgespräche mit wechselnden Gästen und Weckerklingeln an Speed-Dating, aber noch mehr - in ihrer raschen Unverbindlichkeit ohne Zeit für tiefere Nachfragen - den Dialog-Foren der Staatsregierung, mit der diese im Frühjahr auf die damals noch recht zivilisierte Protest- und Pöbelbürgerwut reagierte und diese abwiegeln wollte. Das Ergebnis ist lächerlich und bekannt - da ist ein "Morgenland"-Besuch wesentlich nachhaltiger, auch wenn er die kommenden Probleme jenseits der echten wie sozialen Kälte nur en passant anschneidet und man den Esprit und Elan aller Teilnehmer gern auch deren Heimat gönnen würde, sobald Frieden eine Zukunft ermöglichte.

Was - wie immer im Theater - nahezu fehlt, ist Unterschicht. Nicht nur im Publikum. Das mag logisch erscheinen, weil fast alle, die mitspielen können, schon etwas länger hier sind. Fast. Denn für den bewegendsten Moment sorgt Rouni Mustafa, ein trauriger kurdischer Junge, noch 19, aus Latakia. Er ging aus Angst vor dem Wehrdienst den ganz harten Weg über Libyen nach Italien und ist erst seit Ende September in Deutschland. Er rappte hier - sichtlich gerührt, nervös wie traurig. Sein einziger Wunsch - die einzige schöne Sache für ihn: die Familie wiedersehen.

Und schon ist der Gedanke bei der verlogenen atlantischen Abendlandpolitik, die seit mehr als hundert Jahren Unruhe im Orient stiftet und ohne die in Dresden auch jetzt montags echte Weihnachtsstimmung herrschte. Denn just der eloquente ägyptische Filmmensch Diaa Eldin Soliman, Kairoer des Jahrgangs 1973 und hier als begabter Moderator mit dem Running-Gag ("Das alles ist typisch, aber nicht repräsentativ!") beauftragt, und der lustige Friseur Ibrahim Mohamed Qadi, Jahrgang 1986 aus Ramallah, als Derwisch mit fliegendem Teppich der witzigste Spieler, haben dank alliierter Allmachtspolitik die geringsten Chancen (und damit die größten Sehnsüchte) nach einer wohlgesonnenen Heimat. Letzterer muss sich, so wie alle Palästinenser in deutschen Amtsstuben, sagen lassen: "Palästina? Gibt es doch gar nicht - nur Israel." Auch über die Zukunft der Heimat der beiden Kurden mag man nicht nachdenken - angesichts der neuen Kämpfe um den Status des wahren Kalifen.

Generell braucht man wohl um keinen der Akteure Angst bei der Integration zu haben - spätestens dieser herzliche und warme Willkommensgruß, der sicher bürgerbühnenüblich mehr nach innen wirkt, wird ihnen den Weg in die Dresdner Gesellschaft ebnen. Und vielleicht noch jene Gespräche über Politik und Religion ermöglichen, die sie bisher - so das Geständnis von Thabet Azzawi, ebenso wie Amwar Alidban eine Oud-Virtuose - zugunsten des inneren Friedens untereinander vermieden.

nächste Vorstellungen: 5., 6. & 20. Dezember www.staatsschauspiel-dresden.de

Andreas Herrmann

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