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Dresden Frankfurt Dance Company mit Choreografien von Forsythe und Godani

Mit bewegter Raumphilosophie Dresden Frankfurt Dance Company mit Choreografien von Forsythe und Godani

William Forsythe, der bekanntlich auch ganz anders und recht üppig kann – das hat das Dresdner Publikum in Hellerau wie auch im Opernhaus längst erfahren können –, ist einer jener Erfinder dieser bewegten „Neuen Sachlichkeit“, die so gar nichts mit der Malerei dieses Stils zu tun hat.

Szene aus der Choreographie „Workwithinwork“ von William Forsythe.

Quelle: Gregory Batardon

Dresden. Wer beim Tanz auf pure Bewegung setzt und auf Äußerlichkeiten weitgehend verzichtet, der muss sich schon allerhand einfallen lassen, um das Publikum bannen zu können. Weil sich alle Aufmerksamkeit darauf richtet, wie und was mit der Körpersprache erzählt wird. Und es gehören zu einem Gesamtkunstwerk eben auch variierend Raum, Klang, Musik sowie die jeweilige Lichtdramaturgie dazu. Die die Tänzer auftauchen und entschwinden lässt, Gruppen im Wechsel akzentuiert und den Blick auf jeweilige Konstellationen lenkt.

William Forsythe, der bekanntlich auch ganz anders und recht üppig kann – das hat das Dresdner Publikum in Hellerau wie auch im Opernhaus längst erfahren können –, ist einer jener Erfinder dieser bewegten „Neuen Sachlichkeit“, die so gar nichts mit der Malerei dieses Stils zu tun hat. Oder vielleicht doch, um Jahrzehnte verschoben und irgendwie auch vergleichbar mit den veristischen, analysierenden Zügen jener Arbeiten. In der ihm eigenen Körpersprache zelebriert Forsythe geradezu Selbstbewusstheit und manchmal auch Nachdenklichkeit, entwirft Tanzbilder, die nur scheinbar unspektakulär sind. Bei ihm muss man das Besondere entdecken wollen.

Seine Choreografie „Workwithinwork“ zur Komposition „Duetti per due violini, vol.1“ (1979-83) von Luciano Berio, uraufgeführt mit dem Ballett Frankfurt 1998, ist in der Bewegung komponiert wie eine Partitur im Raum. Es sind Soli, Duette, Trios, Quartette, die die Szene akzentuieren, sich immer wieder durchmischen und nur scheinbar nicht oder kaum erzählerisch wirken. Offenbar braucht es nach dem ersten dann auch noch einen zweiten Blick, um mehr und mehr entdecken zu können, dass da einer (David Leonidas Thiel) auf gewisse Weise ausgegrenzt ist, immer mal wieder zu straucheln beginnt und zum Schluss gar in Front zu den anderen die Missachtung jenes (Michael Ostenrath) erfährt, der ihn, bewusst nach unten und oben schauend, deutlich ignoriert. Spürbar verfolgt das Publikum diesen Moment mit rechter Neugier. Dann wird es dunkel.

Man könnte hier geraume Zeit darüber philosophieren, wie sehr sich bei dieser Aufführung die Bewegungssprache von Forsythe mit jener von Jacopo Godani mischt, der ja viele Jahre zum Frankfurt Ballett gehörte. Wichtig ist das eher nicht. Die deutlich hochmotivierten Tänzer der Dresden Frankfurt Dance Company zeigen sich als wunderbar lebendige, vielgestaltige Gruppe, und die Choreografien von Forsythe sind einfach dafür bekannt, dass sie die Tänzer herausfordern, sich keiner vordergründig anpassen muss, sondern vielmehr jeder auf eigene Weise gestaltend wirkt. Und das auch in der jeweiligen eigenen Intensität.

Da macht es sichtlich Spaß zu beobachten, spürt man auch in der Forsythe-Choreografie sehr genau, wie sich einige unabhängig von der Bühnenerfahrung, Prägung und Körperlichkeit in relativ kurzer Zeit deutlich als Tänzer weiter entwickelt haben. Und nicht minder sind die neu Hinzugekommenen schon mitten drin in dieser jungen Company und auf dem besten Wege. Das ist speziell im zweiten Teil des Abends nicht zu übersehen, wenn die Choreografie „High Breed“ von Jacopo Godani (2017 in einer Neufassung herausgekommen) die Company derart herausfordert, dass jeder unter Spannung steht. Es beginnt hochdramatisch, wie von bösen Geistern gejagt, und die Klangcollage von 48nord (Ulrich Müller und Siegfried Rössert) überschlägt sich fast vor lauter Energie. Dabei lässt sich vieles assoziieren, wobei unverkennbar ist, wie diese effektvoll zugespitzte Spannung sich zunehmend zu Stimmungen hin bewegt, die weniger treibend und unausweichlich sind, mehr fragend und suchend erscheinen. Man kann dabei auch an angstvolle Nachtträume denken wie überhaupt an Begegnungen der anderen Art, die bei Godani immer wieder eine Rolle spielen. Erneut zeichnet er auch bei dieser Arbeit für Bühne, Licht und Kostüme verantwortlich, hat ein Szenario geschaffen mit wechselnden Räumen aus Licht, Dunkelheit und Bewegung. Er sorgt für abrupte Wechsel und macht deutlich unvorhersehbar, was kommt, kommen könnte und kommen wird.

Dafür erfindet Godani eigenwillige Bilder, choreografiert für jeden in der Company besondere Momente, wo sie Qualitäten zeigen können, ganz egal in welcher Konstellation. Und einer der berührenden Momente dieses (angesagt) halbstündigen Werkes war eine Tanz-Begegnung der ganz besonderen Art von Anne Jung und Joel Small, die auch schon mit einem Duett in dem Forsythe-Stück für Aufmerken gesorgt haben. Im Vergleich beispielsweise dieser beiden Szenen lässt sich übrigens ein mögliches Philosophieren zu extremen stilistischen Annäherungen schon mal in Frage stellen. Bei aller Nähe zu Forsythe hat Godani doch deutlich seine eigene Körpersprache, Dynamik, Raumphilosophie. Und in ihm brodeln bekanntlich auch genug Themen und Möglichkeiten, als dass er bei Forsythe Anleihen nehmen müsste. In einer Sache aber sind sie sich offensichtlich recht ähnlich – sie können andere ermutigen, anregen Und selbst die etwas geschmäcklerischen Kostüme in den Arbeiten von Godani sind irgendwann in den Schlaglichtern von „High Breed“ kein wirkliches Problem mehr.

nächste Aufführungen: 28., 29., 30. September und 4. bis 7. Oktober

Von Gabriele Gorgas

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