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Drei Minuten Fliegen - Boy mit Mädchen-Pop und "Little Numbers" im Schlachthof

Drei Minuten Fliegen - Boy mit Mädchen-Pop und "Little Numbers" im Schlachthof

Es gab sie zu jeder Zeit und es gibt sie auch heute, jene Musiker, die irgendwann in ihrer Karriere einen Riesenhit landen, den die halbe Welt unter der Dusche trällert, während der Rest des künstlerischen Werkes bestenfalls als angenehmes Hintergrundrauschen wahrgenommen wird.

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BOY-Frontfrau Valeska Steiner (rechts, links Sonja Glass) kann's auch mal lauter. Im Schlachthof dominierten am Mittwoch allerdings die Balladen. Allem die Show stahl jedoch der Superhit "Little Numbers".

Quelle: Dietrich Flechtner

Die deutsch-schweizerische Formation BOY in dieses Raster zu pressen, wäre sicher verfrüht und wenig fair, sind Valeska Steiner und Sonja Glass, die am Mittwoch im Alten Schlachthof gastierten, doch gerade mit ihrem Debüt-Album aufgeschlagen - und das, nicht zu vergessen, auch noch ziemlich erfolgreich.

Und doch zeigt er sich jetzt schon, der lange Schatten ihres durch einen Lufthansa-Werbespot europaweit berühmt gewordenen Songs "Little Numbers", eine temporeiche Nummer, die das ausstrahlt, was gewiss auch die Airline-Chefs faszinierte: Er reißt mit, begeistert, strotzt nur so vor positiver Energie - und steht damit im scharfen Kontrast zu den meisten anderen der elf Songs auf dem BOY-Erstling "Mutual Friends", von denen viele eher von einer schlichten Nachdenklichkeit getragen sind und vor allem auf Valeska Steiners Gesangparts zugeschnitten.

Noch haben BOY nur eine überschaubare Zahl an Songs im Repertoire. Richtig Gelegenheit für die fünfköpfige Band samt zweier (!) Schlagzeuger, die Steiner und Glass mitgebracht hatten, sich zu beweisen, gab es denn auch selten. Der bei Fans beliebte Opener "Drive Darling" konnte getrost als Gradmesser dessen gelten, was das Publikum in den folgenden knapp zwei Stunden erwarten würde: eingängiger, melodiöser Mädchen-Pop zwischen (sehr) ruhigen Balladen und tanzbareren Stücken, der keinem wehtut, aber auch nicht wirklich bleibende Eindrücke hinterlässt.

Schon auf dem Tonträger beschleicht einen das Gefühl, dass vieles irgendwie ähnlich klingt, getragen von einer musikalischen Leichte, die manchmal ins Seichte übergeht, was vor allem dem sparsamen Umgang mit musikalischen Experimenten geschuldet ist. Die nur selten unterbrochene Konstanz, die BOY in ihren Songs an den Tag legen, gibt einerseits Erwartungssicherheit, die aber eben naturgemäß Routine und Langeweile gefährlich nahesteht.

Live wird dieser Trend dank der Unterstützung der gut harmonierenden Band etwas entschärft. Die Songs gewinnen an Lebendigkeit und Intensität, Valeska Steiners ungeschliffene, eher sanfte Stimme gewinnt an Konturen und Gefühl. Und doch gerät ausgerechnet jene Ballade, die auf dem Album aufgrund ihrer Düsternis und der gewagten Stimmakrobatik heraussticht, live ein klein wenig zur Enttäuschung: In "Boris" geht das Spitze, Spröde im Gitarrensound unter, mit dem Steiner auf dem Album einem Verflossenen verletzt nachruft: "You should get out of town too..." Dennoch: Das unheimlich gefühlvolle "Boris" ist und bleibt eine Perle im BOY'schen Pop-Universum, denn es hat das, was den anderen Songs mehr oder weniger fehlt: Tiefgang, Profil. Das wurde umso deutlicher, da die Achtungszeichen setzende Vorband Me and my Drummer diesbezüglich mit einer stimmgewaltigen Frontfrau und dramatischem Keyboard-Sound, die entfernt Assoziationen mit der großen Kate Bush aufkommen ließen, Maßstäbe zu setzen wusste.

Dass es auch mit Schwung geht, beweisen BOY mit Stücken wie "This is the Beginning", "Oh Boy" oder "Waitress", die strategisch klug zum Anfang des Sets platziert wurden, um die Menge in Stimmung zu bringen - was nur bedingt funktionierte. Die ganz große Euphorie wollte einfach lange nicht aufkommen. An der Tanzfaulheit des Dresdner Publikums, das bis in die vordersten Reihen hinein und selbst bei den wenigen Tempo-Nummern eher verhalten mitwippte, dafür aber nach jedem Song umso frenetischer jubelte und klatschte, kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Denn als Boy zum grandiosen Finale "Little Numbers" anspielten, schien sich der Schlachthof wie von Geisterhand gänzlich zu füllen, die Menge erwachte - und plötzlich herrschte Stadionatmosphäre! Alles tanzt und singt und versinkt im kollektiven Adrenalintaumel. Dieser Song ist live einfach eine Bank. Für drei Minuten erliegen alle der unheimlichen Lebensfreude, ganz so, als wären viele allein seinetwegen in den Schlachthof gekommen. Selbst BOY wirken wie elektrifiziert, die Temperatur im Saal steigt schlagartig spürbar an.

Dann ist alles so schnell wieder vorbei, wie es gekommen war. Die beiden Zugaben, zu denen auch der neue Song "Hotel Room" - eine Reminiszenz an das Touring-Dasein der Band - gehört, versinken wieder in unscheinbarer Verlorenheit, wirken wie die gespenstige Stille nach einem tosenden Orkan. Und nach drei Minuten Fliegen steigt in den hinteren Reihen langsam wieder der Schwatzpegel.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.08.2012

Jane Jannke

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