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„Dracula“ im Societaetstheater Dresden

Cie. Freaks und Fremde „Dracula“ im Societaetstheater Dresden

Vor genau einem Jahr beendete die große Zeitreise ins mystische Hoch- wie Goldland Kolumbiens den Premierenreigen der Dresdner Kunstpreisträger von Cie. Freaks und Fremde im seligen Lab 15. Zum Abschied versprachen sie: „Die Zitrone hat noch immer Saft“.

Expressive Show mit Puppen und Spielern: „Dracula“ im Societaetstheater.

Quelle: Andre Wirsig

Dresden. Wir erinnern uns gern an „Eldorado“ – den fernen paradiesischen Sehnsuchtsort – als Metapher wie Stück. Vor genau einem Jahr beendete die große Zeitreise ins mystische Hoch- wie Goldland Kolumbiens den Premierenreigen der Dresdner Kunstpreisträger von Cie. Freaks und Fremde im seligen Lab 15 im Industriegelände – zeitgleich auch deren abhärtendes Probengelände, was schon Derevo stählte. Nun hält selbst dort die Gentrifizierung Einzug und treibt Kulturschaffende gar aus Brachen fort. Zum Abschied versprachen sie: „Die Zitrone hat noch immer Saft“.

Seither ist das pieschige Zentralwerk die Proben- und das barockige Societaetstheater die Bühnenheimstatt von Sabine Köhler und Heiki Ikkola, in dem sie seit Winter, in gewissen Abständen, ihre Minifestivals namens „Freakstadt“ anbieten – Nummer 4, das noch bis Sonntag („The Manson Family (Opera)“, 20 Uhr) läuft und in memorian just am heutigen Sonnabend (20 Uhr) jenes „Eldorado“ bietet. Es startete am Donnerstag mit der jüngsten Premiere: „Dracula“ – eine Koproduktion mit der Schaubude Berlin – ist ein 75-minütiger Exkurs in die Gefilden des Gruselgenres, halb Schau-, halb Puppenspiel, meist Performance, oft als Synchronadaption von schwarz-weißen Hintergrundfilmen gespielt. Grundlage für die angeblich „düstere Phantasie“ sind Texte von Novalis, Stoker, Baudelaire, Houellebecq und anderen. Und die Entstehungsgeschichte von Graf Dracula und Dr. Frankenstein im Jahr 1816, als große Kälte plus Sauwetter und Missernte herrschte, weil im fernen Indonesien im Jahr zuvor der Vulkan Tambora ausgebrochen war und sich diverse Gestalten am Genfer See noch diversere Gestalten ausdachten.

Dazu haben sich die beiden Freaks-Köpfe Köhler und Ikkola seit langem wieder einen Regisseur geholt: Jenen Albrecht Hirche, die beide vor zwei Jahren als Puppenspieler zu seinem Hannoveraner Freiluftschauspiel „Il Mondo Del Signor Fellini” einlud, der beim Scheune-Schaubudensommer 2016, als Ikkola dort noch Vizedirektor war, als Al Huschty, also „Draculas letzter Friseur”, auftrat und „Haareschneiden und Storytelling“ anbot.

Nun spielt er hier den Vampirmeister – als poppiger Barbier mit grauer Wallemähne gleich direkt, während die anderen um ihn herum mit Puppen hantieren: so mit einem feschen Mädchen, was unbedingt auf Draculas Schloss will, ein halber Bluthund, später diverse Damen und ein Baby.

Vierte im hochpräsenten wie beweglichen Spielerbunde ist Karin Herrmann, gebürtige Dresdnerin des Jahres 1988 und seit Sommer zeitgenössische Puppenspielkünstlerin mit Ostberliner Ernst-Busch-Diplom und derzeit Regiemasterstudentin in München. Schon seit acht Jahren spielt sie ab und an bei den Freaks mit und bietet hier – gemeinsam mit Sabine Köhler – einen kraftvoll selbstbewussten Gegenpart zu den Herren, wobei Ikkola als Körperfigur den coolen Kommissar mit Sonnenbrille (als Waffe) gibt.

Während Köhler und Hirche weitestgehend bei sich, also Mädchen und Vampir, bleiben, hat Herrmann als jung-gelangweilte Pflegerin im Vampirfeierabendheim, an dem es zwischen den Konserventagen nur Blutorangen gibt, ihre große Szene, in die sie mit einem hüftstarken Barhockertanz einrückt. Danach geht es für alle drei anderen greiselnd in den zu engen Sarg. Aber die Schlussszene symbolisiert erst die Halbzeit, mitdenken ist angesagt.

Der zweite Höhepunkt ist die Barbierszene von Hirche und Ikkola, in der Dracula sein Opfer mental wie körperlich vorbereitet, um ihn vermeintliches Rotweinblut, das nach Rote-Beete-Saft duftet, abzuzapfen. Diese, die vermeintliche Mittelszene, endet als echtes Finale in einem skurrilen Muttertrauma, in der plötzlich, als sechsfache Kopferscheinung, lüsterne Cancan-Damen auftauchen, um dann per Babypuppe und Zweimeter-Skelettdame die Familiengeschichte endgültig zu re- wie dekonstruieren.

Witzig, unterhaltsam, schräg – der neue Abend hat naturgemäß nicht die gesellschaftliche Relevanz und Kraft wie „Eldorado“ oder auch „Songs für Bulgakow“ und erzeugt auch nicht so eine inhärente Stimmung wie „Loving the Alien“ oder die jüngste Premiere nach Kafkas „Der Bau“, wird aber durchaus als achte Perle der Soci-Freak-Kooperation in die Annalen der Neustadt eingehen. Er endet so, wie er begann: für Bühnenfreaks vitaminhaltig wie eine Zitrone, für Theaterfremde als echte Frischblutspende. Schade nur, dass die Arbeiten oft nur innerhalb der (nicht immer all-) monatlichen Freakstädte gezeigt werden. So sind die nächsten beiden Vorstellungen von „Dracula“ leider erst Ende November und Mitte Januar zu bewundern. Der eindrückliche „Bau“ – durchaus eine metaphorische Wahlwarnung – lag sogar fünf Monate, wenn er dann am 26. November sowie Ende Dezember wieder belebt werden soll.

nächste Vorstellungen im Societaetstheater: 23. November (20 Uhr) sowie innerhalb der Freakstadt vom 12. bis 14. Januar 2018

www.societaetstheater.de

Von Andreas Herrmann

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