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„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ an den Landesbühnen Sachsen

Zeitnahes Gedankenexperiment auf historischer Folie „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ an den Landesbühnen Sachsen

In einer historisierenden, aber zunehmend fesselnden Inszenierung hat Axel Köhler das Horrorstück „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von David Edgar nach Robert Louis Stevenson auf die Bühne der Landesbühnen Sachsen in Radebeul gebracht.

Moritz Gabriel als Dr. Jekyll und Mr. Hyde an den Landesbühnen Sachsen
 

Quelle: Hagen König

Dresden/Radebeul.  In einer historisierenden, aber zunehmend fesselnden Inszenierung hat Axel Köhler das Horrorstück „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von David Edgar nach Robert Louis Stevenson auf die Bühne der Landesbühnen Sachsen in Radebeul gebracht. Moritz Gabriel spielt darin mit Leidenschaft die gewollten und ungewollten Verwandlungen des beinahe noch jugendlichen Antihelden.

Was das Stück des britischen Erfolgsautors Edgar unter den vielen (u.a. mehr als 100 filmischen ) Adaptionen des „Seltsamen Falls“ auszeichnet, sind mit Sicherheit nicht billige Gruseleffekte und ein aus überschäumender Fantasie entsprungenes Monster. Vielmehr verbindet sich darin Mystifizierung der Wissenschaft des späten 19. Jahrhunderts mit der nüchternen Erkenntnis der Zeit um die Jahrtausendwende mit ihren erschreckend spät aufgedeckten, neu aufkeimenden und bis dato ungekannten Formen von Gewalt, der offenbar alle Gesellschaftsschichten durchdringenden (aber noch immer unterschiedlich bewerteten) kriminellen Energien. Der Sänger und Opernregisseur Axel Köhler, der sich hier erstmals am Schauspiel erprobt, hält sie für untilgbar, sieht den bewussten Sieg des Guten als Utopie.

Wohl passen weder das Alchemistenlabor, in dem der scheinbar vollkommen ehrenwerte Dr. Jekyll seine verhängnisvollen Versuche vornimmt, noch sein mysteriöses Auftauchen und Verschwinden in die Zeit von Gentechnik und Telekommunikation. Aber als Rahmen für ein zwar anfechtbares, aber durchaus ernst gemeintes und ernst zu nehmendes Gedankenexperiment taugen sie schon, mit dem keine geringere als die Frage nach dem wahren Wesen des Menschen beantwortet werden soll.

Es handelt sich also um eine Art von Projektion, und Projektionen auf eine einfache Grundausstattung sind auch die Bühnenbilder von Stefan Wiel, die den Theaterbesucher historisierend illusionistisch in eine vornehme ländliche Idylle, eine riesige Bahnhofshalle, das Vestibül einer gutbürgerlichen Villa, auf den Cavendish Square oder noch Soho – oder eben in die Hexenküche führen. Hier und da und dort wird sie denn entlarvt, die Verlogenheit in Mephistos Versprechen „Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, bald Helenen in jedem Weibe“: Alles Weibliche wird zum bloßen Objekt der Begierde, alles Männliche im Revier zum Feind. Ergo: der zivilisierte Mensch hat das Tier in sich gezähmt, aber unter gewissen Umständen kann es die Herrschaft mit nie gekannter Grausamkeit zurückgewinnen.

Bei Dr. Jekyll ist der ständige innere Kampf auch ein böses Erbe; schon der Vater ist daran gescheitert, und mittlerweile spielen bereits dessen Enkel das Spiel vom armen Mädchen mit dem Bauchladen und dem bösen schwarzen Mann. Sie spielen es, als Dr. Jekyll zu Weihnachten endlich einmal wieder seine verwitwete Schwester besucht. Er hat ein Geschenk für sein Nichte Lucy (Eva-Berenike Schmalfuß) dabei, das sein Geheimnis preisgeben wird: einen Brummkreisel mit zwei ganz unterschiedlichen Gesichtern darauf, die bei schneller Drehung miteinander verschmelzen. Dr. Jekyll ist äußerst ehrgeizig und erfolgreich, aber von tiefer Unruhe getrieben, ihm ist vage bewusst, dass er nur moralisch und gut sein will, weil er eigentlich tun möchte, was er für böse hält, zum Beispiel sich Lucy nähern. Er ahnt, dass der Schlüssel zu seiner inneren Wahrheit im Experimentierbuch seines Vaters liegt… und sein Neffe Charles (Victor Peter Möhmel), ein munteres Bürschchen, das sich sehr geschickt zu inszenieren weiß, liegt bereits in Lauerstellung, um die weitere Erbfolge anzutreten.

Das Gute an Köhlers Sicht liegt allerdings darin, dass sie eigentlich auch ohne Zauberei funktioniert. Die vergrößert, verabsolutiert nur die Distanz zwischen Dr. Jekyll und seinem zweiten Ich Mr. Hyde, spitzt die Gegensätze so weit zu, dass der Betrachter sich wieder etwas erhaben fühlen kann. Doch im Dialog der inneren Stimmen, der beiden Seiten der zerrissenen Persönlichkeit sieht das anders aus. Oft scheint es, dass sie im aufreibenden Streit, den Gabriel artistisch ausficht, nur changieren – der eine diszipliniert, beherrscht, sich allen „Lastern“ verweigernd, der andere sich von allen Fesseln befreiend, jedem, auch dem abscheulichsten Gelüst nachgebend. Aber so beeinflussen sie einander, und weil sich einmal Geschehenes nicht rückgängig machen lässt, werden sie eins. Das Versteckspiel scheitert ebenso wie der Versuch des Wegsperrens der dunklen Seite. Letztlich misslingt auch die einfache Reduzierung auf Gut oder Böse, und mit dieser Einsicht gibt es auch ein Angebot zur Identifikation, freilich vor allem in Bezug auf Ängste, die durch die gesellschaftliche Kommunikation in jüngster Zeit eher noch forciert werden.

Die übrigen Figuren im Stück scheinen dagegen aus einem viel ferneren Leben gegriffen, aber sie sind so liebevoll genregerecht gezeichnet und ausgefüllt, dass es einfach Freude macht, professionell agierende Schauspieler darin zu sehen. Matthias Henkel ist Rechtsanwalt Utterson, der erklärt altmodische, aber äußerst ehrbare und treue Freund Dr. Jekylls, eine Autorität mit Contenance in jeder Situation. Wandelbar, aber jeweils sehr verbindlich zeigt sich Thomas Förster als argloser Abgeordneter auf nächtlichen Straßen, allzu hellsichtiger Pastor und vor allen als honoriger Dr. Lanyon, der, wie sich herausstellt, ebenfalls eine Leiche in Gestalt eines von ihm geschwängerten Dienstmädchens im Keller hat. Im Fall von Jekyll/Hyde ist es die etwas herbe, verschreckte Anni Loder (Cordula Hans), die auf der Flucht vor dem brutalen Vater vom Regen in die Traufe geraten ist. Grian Duesberg ist ein etwas begriffsstutziger, störrischer, aber zunehmend besorgter Butler, Sophie Lüpfert als Katherine für Dr. Jekyll eine kritische Schwester, ansonsten treusorgende Mutter, die vor allem sehr viel Milieu ausstrahlt. Auch ohne Happy End zeigte sich das Premierenpublikum sehr zufrieden.

Nächste Aufführungen am 12. (Radebeul, 19 Uhr) und 19. März (Großenhain, 18 Uhr)

Von Tomas Petzold

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