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Doppelte Elegie ins Unglück: Uraufführung in Chemnitz

Theater Doppelte Elegie ins Unglück: Uraufführung in Chemnitz

Doppelschlag auf der Chemnitzer Theaterbühne: Bogdan Kocas „Ich wurde geboren als...“ bildet eine Art Prolog für Tschechows „Onkel Wanja“. Und der Chemnitzer Dramatikerpreis fand fast en passant auch noch eine Adressatin.

Alles bleibt, wie es ist – in der russischen Rundprovinz: Telegin (Philipp von Schön-Angerer ), Sonja (Maria Schubert) und ihr Onkel Wanja (Dirk Glodde) werden weiter schuften und sich brennend nach Ruhe sehnen.

Quelle: Dieter Wuschanski

Chemnitz. Der erste von drei Premierendoppelstreichen des Chemnitzer Schauspiels im ersten Drittel des Jahres 2016 bot ein Unglückselegien im Duett. Der Prolog ist dabei immer am Freitag den Kammerspielen im Ostflügel gegönnt. Dort bot Bogdan Koca in eigener Regie und Bühnenidee seine Uraufführung „Ich wurde geboren als ...“, als einen laut Untertitel „Monolog für drei Stimmen und ein Clavicytherium“. Das geschah mit einer gewissen Anlehnung an „Mein Name ist Soundso“, das der Pole einst in seiner australischen Zeit erfand und vor zwei Jahren hier in Chemnitz sehr gelungen ins Deutsche überführte. Doch anders als damals ist diesmal ein Triple am Start: zur missratenen Beziehungskiste namens Ehe gesellt sich noch ein Narr.

Hier ist es der Narr (Philipp Otto) – der schon 422 Jahre auf dem Buckel und nun nur noch zwei Monate zum Leben hat. Er hat schon Napoleon und diversen Heinrichen gedient. Die Hälfte der gesamten Menschheit, so behauptet er, seien als Narren der reinen Wahrheit verpflichtet – und viele von ihnen hatten große Hoffnung auf einen von ihnen mit quadratischem Schnauzer. Nun braucht er wieder mal einen neuen König und steht zur Adoption frei.

Ein Tipp von Ludwig Feuerbach höchstselbst bringt ihn nun zu Professor Cornelius van Poelenburgh (Marko Bullack) – einem aalglatten Wissenschaftler, der an einer Zählungsmethode für Ameisenvölker forscht und in zwanzig Jahren Ehe mit seiner Frau Diana (Susanne Stein) noch nie mit dieser sprach. Diese nun begeistert der Narr, unter anderem mit der Erkenntnis, dass sie auch Närrin sei und noch 72 Jahre vor sich habe – und sie darob, per langem Liebes- wie Hassmonolog, ihren Mann. Der Narr wird flugs adoptiert – und die Geschichte endet in einem lupenreinem Satzgesang, bei dem der mit seiner Stimme wie Präsenz begeisternde Otto am riesigen, verstaubten Clavicytherium, das er zuvor aus der Wand zaubert, live begleitet: „Wie ein Falter/vom Regen benommen/werde ich gehen/wenn die Zeit reif wird ...“

Bucht man Koca – dies weiß man auch in Zittau genau –, bekommt man einerseits ein Komplettpaket mit Regie, Bühne und manchmal auch Musik oder Kostüme dazu, was hier allerdings Schauspielkapellmeister Steffan Claußner und Elzbieta Terlikowska, die den beiden Herren zweifache Zwiebelhaut auferlegt, obliegt. Gern liefert er auch das Stück dazu – und seine Inszenierungen führen rasch ins Intellektuell-Surreale, das vom Publikum stets schnelles Umdenken erfordert. Oder zielgerichtet auf ein überraschendes Ende. Doch hier bleibt nun am Ende ein wenig Ratlosigkeit. Denn eigentlich beginnt jetzt erst – mit der Segnung eines Wahrsagers im Ehegepäck und mit ersten, zarten Dialogenversuchen – das wirkliche Leben, das Drama könnte echt beginnen.

Doch dieses bleibt offen. Ebenso, ob sich das Publikum vielleicht auch (und so wie den Professor) zu den Narren zählen sollte. Wer dazu in der frischen Erich-Heckel-Ausstellung im Museum Gunzenhauser dessen „Narr“ anno 1917 entdeckt, wird gewisse Ähnlichkeiten mit jenem Bühnenantlitz von Philipp Otto nicht abstreiten. Ein Schelm, wer dabei an Zufall glaubt.

So geriet der Beifall ungewöhnlich kurz – was natürlich auch daran lag, dass der Großteil der Schauspielbrigade, die sonst allerorten die Stimmung rettet, nebenan auf der großen Bühne bei der Generalprobe von „Onkel Wanja“ schwitzte, um am nächsten Tag zur Großform zu geraten.

Dessen Regie ließ sich Schauspieldirektor Carsten Knödler nicht nehmen und verlegt den strittigen Sommer in ein warmes Holzrondell mit grünem Kunstrasen. Hier treffen sechs Enttäuschte auf die junge Sonja (Maria Schubert), die als einzige naiv, fleißig und hoffnungsvoll über den Dingen schwebt. Sie lebt als Halbwaise mit ihrem Onkel Wanja (Dirk Glodde) und rabottet samt Oma Maria (Christine Gabsch) und gemeinsam mit Telegin, einem verarmtem Gutsbesitzer (Philipp von Schön-Angerer mit Gitarre und Kapuze) hart auf dem Landgut, während ihr Vater namens Alexander (Wolfgang Adam) als emeritierter Professor in der Stadt gemeinsam mit seiner neuen und schönen Flamme Lena (Pia-Micaela Barucki) vom Gut gut lebt und lediglich im Sommer die Familie seiner verstorbenen Erstfrau piesackt, die ihn aber bislang vergöttert und pflegt. Wie ein Fixstern taucht ab und an der grün-ökologische Arzt Astrow (Andreas Manz-Kozár) auf. Er ist ebenso lebensenttäuscht und versoffen wie Wanja – und genauso wie dieser scharf auf die frische Ex-Lehrerin und Neufrau des Professors, dessen Geistesblüte wie Manneskraft nachlässt und der lieber Rheuma statt Gicht hat.

Obwohl eigentlich nichts passiert und am Ende der elegische Ausgangszustand ganz korrekt wiederhergestellt wird, befand Maxim Gorki, dass „Onkel Wanja“ wie ein „Hammer auf den leeren Kopf des Publikums“ wirke. Nur jene, die Knödlers ersten Tschechow „Auf der großen Straße“ in Zittau sahen, werden wohl ein wenig die derbe Rauheit und die gedankliche Weite von damals vermissen. Und hier glaubt man der Lena nicht so recht, dass sie (die Wanja haben könnte) Astrow bevorzugt. Und ebenso undenkbar scheint, dass ebenjener diese taffe Sonja unbeachtet lässt. Dafür gelingt Knödler – neben einem starken Schlussbild – ein großartiger Besetzungskniff: Christine Gabsch agiert als Schwiegermutter von Wolfgang Adam – beide seit weit über vierzig Jahre ein Paar.

Am Montag darauf gab es dann noch eine in Vorfreude getauchte Zugabe zum glücksarmen Wochenende: Denn vor Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ (Premiere am 23. April) wartet die dritte Uraufführung der Spielzeit und das dritte Premierendouble 2016. Der dritte Chemnitzer Dramatikerpreis, dotiert mit 5000 Euro und überreicht vom Schirmherr Lutz Hübner, ging an „Die Zärtlichkeit der Hunde“ von Uta Bierbaum. Die Entscheidung aus 32 Einsendungen fiel einstimmig und glasklar, denn es gab keinen zweiten und dritten Platz.

Nächste Vorstellungen: „Ich wurde geboren als ...“ am 13. & 27. Februar (je 20 Uhr im Ostflügel); „Onkel Wanja“ am 13. & 27. Februar (je 19.30 Uhr im Schauspielhaus)

www.theater-chemnitz.de

Von Andreas Herrmann

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