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Dissonanzen gegen freudigen Akkord

Dissonanzen gegen freudigen Akkord

Andreas Reimanns Gedichte sind wie eine wohlschmeckende, doch scharfe Speise. Der Leipziger, Jahrgang 1946, löckt wider den Stachel. Gegen Ende des Monats wird in Dresden an den Wiederaufbau der evangelischen Frauenkirche vor zehn Jahren erinnert.

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Andreas Reimann: grüner winter. edition buchhaus Loschwitz. 32 Seiten,
14,90 Euro

Quelle: Tomas Gärtner

Dresden. Manches an Bewunderung über diese gewaltige Bauleistung mit breitester Zustimmung dürfte zu hören sein, mit allem Recht. Andreas Reimans Gedicht "frauenkirche" indes schlägt kritische Töne an. Wo sich die Stimmen der Feiernden zum freudigen Akkord fügen, stört er mit den Dissonanzen historischer Tatsachen.

Auf biblische Bilder zurückgreifend, wird das originale Kirchgebäude 1945 bei ihm die "geborstene" oder "zerstückelte arche", "verlassen von gott und den wenigen menschlein, / die großäugig garnichts begriffen", ein "mahnmal", "gemacht von der großen natur / des großen feuers".

Das neu erbaute Gebäude heute aber: "der zeitgeist-gemäße / marktplatz für neureich und trödel-touristen, / wo zwischen attrappen historischer häuser / gluckt die kopie einer kirche". Sie ist zum Ort des Vergessens geworden.

In "grüner winter" steht dieses Gedicht, einem bibliophilen Bändchen. Es enthält die poetischen Früchte des dreimonatigen Aufenthalts von Andreas Reimann als "poet in residence" 2015 im Buch-Haus in Dresden-Loschwitz. Nebenan im Kultur-Haus hat jetzt er erstmals daraus gelesen, an seiner Seite den Leipziger Martin Hoepfner an der E-Gitarre. Jazzige, swingende, bisweilen rockige, dann wieder klassische Akzente steuerte der bei; akustische Gegensätze: heitere Läufe und bedrohlich tiefes Grummeln.

Die passende Begleitmelodie. Denn Gegensätze machen auch diese souverän gebauten Gedichte Andreas Reimanns, Sonette meistens, so interessant. Sie können den Beschwerlichkeiten des Alters heiter begegnen, wie dieses köstliche "des alten hundes kotelett-sonett", oder liebevolle Kleinigkeiten auf dem Trödelmarkt preisen. Märchenhaft-Geheimnisvolles finden wir. Aber sie können uns auch im Pflaster am Hang die beschwerliche Arbeit entdecken lassen, als sähen wir es so erstmals wirklich.

Diese Gedichte haben Dresden zum Gegenstand, die idyllische Stadtlandschaft, wirken aber alles andere als idyllisch. Auf Wegen an der Elbe entlang fällt der Blick des Dichters auf Angeschwemmtes, zerbrochenes Holz, alte Schuhe, Schlamm und Schlick, nur kurz blitzt eine "ahnung glücks" auf. Er besteigt den Elbhang, zeigt ihn uns als den "hausberg der verschonten". Ja, begreifen wir, auch in Dresden hat's stets ein Oben und ein Unten gegeben. Von dort oben beklagten sie das katastrophale Geschehen im Tal in wohlgefügten Sätzen, die Zerstörung, später das Hochwasser. Die mittendrin in der Not blieben stumm.

In manchen dieser Verse ist ein ahnungsvoll-düsterer Ton zu vernehmen, im letzten besonders, "abschied von dresden". Erinnerung an Zeichen eines aufkommenden Novembergewitters, noch einmal eine hell untergehende Sonne und dann: "wiederum düster wurde der fluß. / Und stumpf der krone glänzendes gold / wie die märchen hintern den stirnen / wenn die vernunft uns verwirrt." Genaue Beobachtungen, die symbolische Deutung zulassen. Haben diese Gedichte wie ein feiner Seismograph einen Stimmungswechsel in dieser Stadt registriert?

Anmutige, doch aufstörende Verse sind das. Baden möchte man in diesen kunstvollen Fügungen von Klang, Rhythmus, Reim. Aber sie lassen es nicht zu, dass wir uns wohl fühlen - in ihnen und in unserer Haut.

Tomas Gärtner

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