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Dirigent Gabriele Ferro erzählt vor der "La vestale"-Premiere, was es mit italienischer Oper im Wagner-Jahr auf sich hat

Dirigent Gabriele Ferro erzählt vor der "La vestale"-Premiere, was es mit italienischer Oper im Wagner-Jahr auf sich hat

Der italienische Dirigent Gabriele Ferro hat ein Händchen für Ausnahmewerke. In seiner langen Karriere widmete er sich wiederholt Raritäten und verhalf Zeitgenossen mitunter zum Durchbruch.

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Gabriele Ferro

Quelle: PR

Selbst in seinem Heimatland tritt er mit selten gespielter Musik in Erscheinung, so beispielsweise im Frühjahr mit Leos Janáceks "Die Sache Makropulos" im Teatro La Fenice in Venedig. An der Semperoper hat er "La vestale" einstudiert, die wohl berühmteste Oper von Gaspare Spontini. Vor der Premiere am Sonntag unterhielt er sich mit Michael Ernst auch über dieses besondere Werk.

Frage: Das Musikjahr 2013 steht im Zeichen von Wagner und Verdi, Sie dirigieren Spontini - in welchem Kontext steht der zu den beiden Jubilaren?

Gabriele Ferro: Es gibt vor allem einen direkten musikalischen Bezug, denn Wagner dirigierte hier 1844 ebenfalls schon Spontinis "Vestalin". Für mich ist das natürlich eine willkommene Gelegenheit, denn ich habe diese Art von Musik wirklich schon sehr, sehr oft dirigiert. Aber noch nie von Spontini, sondern meist von Cherubini, der ihm in vielem recht ähnlich ist. Der Stil ist bei beiden vergleichbar, sehr neoklassisch. Wagner und Verdi haben allerdings eine ganz andere Theatralik.

Vor allem Wagner und Berlioz, aber auch Meyerbeer haben "La vestale" bewundert. Was macht diese Oper so herausragend?

Die Musik ist äußerst dramatisch, ich denke, gerade das hat Wagner gefallen. Spontini hat ihn zwar nicht musikalisch beeinflusst, da ging jeder seinen eigenen Weg, aber er hat Wagner ganz offenbar schwer beeindruckt. Der hat "La vestale" trotzdem mit ein paar Strichen im Notenmaterial aufgeführt, mit Kürzungen also. Wir werden jetzt exakt dieselbe Version spielen. Quasi noch ein direkter Beitrag zum Wagner-Jahr.

Spontini hat fast zwei Dutzend Opern geschrieben und sich mal italienischer Melodik, mal französischem Esprit verschrieben - wo ordnen Sie seine Musik ein?

"La vestale" entstand etwa auf dem Zenit seines Schaffens für die Pariser Oper und war äußerst erfolgreich. Dort folgten dann noch "Fernand Cortez" und "Olimpie", beide auch großartig, wie ich finde. Die Einflüsse von Cherubini, der kurz vorher am Pariser Konservatorium beschäftigt war, sind unüberhörbar. Spontini ist aber auch nah an Mozart, also irgendwie zwischen ihm und dem Romantischen - ohne dass seine Musik schon romantisch wäre. Das macht es in der Interpretation etwas schwer. Der Rhythmus ist oft noch Mozart-typisch, aber mit vielen Rubati durchsetzt, in gewisser Weise beinahe wie Cherubini schon ein Vorläufer von Beethoven. Das Vokale ist sehr italienisch, aber französisch grundiert.

Gaspare Spontini wirkte erfolgreich in seiner Heimat, vor allem aber in Paris und Berlin, dort sowohl an der Oper als auch in der Sing-Akademie. Auch Sie sind global tätig, von der Mailänder Scala und dem Teatro La Fenice in Venedig über die Orchester von Radio France und BBC bis hin zu den Wiener Symphonikern und zahlreichen deutschen Klangkörpern. Sehen Sie da Parallelen zu Spontini?

Natürlich leben wir heute in einer anderen Zeit. Es gibt heute kaum mehr die deutsche oder die französische Musik, heute ist das hier alles eine Art westliche Musik. Auch manche Erfahrungen verschiedener internationaler Orchester tragen dazu mit bei. Nur wenige haben noch einen explizit eigenen Klang wie beispielsweise die Sächsische Staatskapelle. Parallelen gibt es eher zu einem anderen Landsmann von mir, Niccolò Jommelli. Er war Hofkapellmeister in Stuttgart, ich war dort Generalmusikdirektor. Aber heute ist sowieso alles globalisiert.

Legendär wurde "La vestale" in der 1954er Inszenierung von Luchino Visconti mit Maria Callas in Mailand, Dresden bringt die Oper jetzt nur konzertant. Ein Verlust?

Nein, ich liebe konzertante Aufführungen! Zwar gehen da ein paar theatralische Effekte verloren, dafür kann man sich ganz auf die Schönheit der Musik konzentrieren. Selbst bei Wagner-Opern, "Parsifal" zum Beispiel, finde ich es grandios, wenn sie auch mal konzertant erklingen. Da erschließt sich die musikalische Idee in ihrer ganzen Reinheit.

Spontinis Oper erfordert große Chor- und Orchesterbesetzung, vor allem aber eine starke Sopranistin, haben Sie die mit Maria Agresta gefunden?

Das Orchester muss ganz dunkel und samtig klingen. Die Staatskapelle und der Staatsopernchor sind fantastisch. Mit Maria Agresta hatte ich vorher noch nie gearbeitet, das ist eine wunderbare Begegnung. Sie wird in der nächsten Saison "Simone Boccanegra" mit Christian Thielemann einstudieren, darauf können Sie sich jetzt schon freuen.

Sie gründeten 1967 nach Ihrem Studium an der Accademia Santa Cecilia das Sinfonieorchester Bari, wie ist es heute um die Orchestersituation in Italien bestellt?

Ein trauriges Thema. Das Orchester in Bari existiert nach wie vor. Aber ansonsten ist in den Berlusconi-Jahren, die nun hoffentlich endgültig vorbei sind, vieles verloren gegangen. Nicht nur in der Kultur, auch in der Bildung, der Wissenschaft, überall wurde gestrichen, gekürzt.

Dabei hatten die italienischen Orchester seit 1974 durch die Gründung der Scuola di Musica in Fiesole bei Florenz einen enormen Aufschwung erfahren. Piero Farulli, den Sie hier wahrscheinlich nur vom Quartetto Italiano kennen, hat mit dieser Schule ganz wichtige Grundlagen geschaffen. Die Kultur ist für unser Land enorm wichtig, damit die Menschen einen Zusammenhalt haben. Deswegen sollte "La vestale" auch mal im italienischen Parlament aufgeführt werden, damit sich die Leute dort an das Sinnbild des häuslichen Feuers, um das es in der Oper ja geht, erinnert fühlen. Aber ich fürchte, auch nach den jüngsten Wahlen sind schon wieder einige Chancen verpasst worden.

i"La vestale", Premiere Sonntag, 18 Uhr, weitere Vorstellungen am 3. und 6. Juli

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.06.2013

Michael Ernst

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