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Direktorin Nanette Snoep erwartet mehr Restitutionsanfragen

Staatliche Ethnographische Sammlungen Direktorin Nanette Snoep erwartet mehr Restitutionsanfragen

Die Chefin von Sachsens Ethnographischen Sammlungen rechnet mit mehr Restitutionsanfragen aus afrikanischen Ländern. Die Erschließung der rund 350.000 Objekte von drei Völkerkundemuseen in Dresden, Leipzig und Herrnhut beginnt gerade erst. Nanette Snoep rechnet damit, dass sie mindestens zehn Jahre dauern wird.

Nanette Jacomijn Snoep, Direktorin im Grassi Museum für Völkerkunde, in ihrer Ausstellung.

Quelle: Christian Modla

Dresden. Seit gut einem Jahr ist Nanette Jacomijn Snoep Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen (SES) – und damit Herrin über drei Völkerkunde-Museen in Dresden, Leipzig und Herrnhut. Die Häuser vereinen vor allem eine Sammlung von etwa 350 000 Ethnographica. Derzeit sehen sich die SES mit drei einzelnen Restitutionsansprüchen konfrontiert. Doch Snoep erwartet, dass diese Anfragen zunehmen – und vor allem aus afrikanischen Staaten kommen werden.


Es geht um Gebeine aus anthropologischen Sammlungen. Die Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Claudia Maicher förderte kürzlich zutage, dass auf diesem Feld Restitutionsforderungen bei den SES vorliegen. Wie viele sind es genau?

Wir haben eine Sammlung von rund 6100 menschlichen Überresten in unseren drei Museen. Dresden hat eine spezifische anthropologische Sammlung mit etwa 2000 menschlichen Überresten, die aus außereuropäischen Ländern kommen und die einst in Kolonialzeiten gesammelt worden sind, also Ende des 19., Anfang es 20. Jahrhunderts. Bis heute haben wir insgesamt drei Restitutionsanfragen: aus Australien, aus Neuseeland und aus Hawaii. Schwerpunkt unserer Sammlung ist ja auch Ozeanien.

In Australien und Neuseeland gibt es Institutionen, die sich nur mit solchen Fragen beschäftigen. In afrikanischen Ländern ist es dagegen noch nicht so gut organisiert. In Zukunft werden aber zunehmend Anfragen aus Afrika kommen, auch aus Ozeanien. Noch ist es in vielen afrikanischen Ländern schwierig: Es gibt viele Diktaturen, wenig Forschung. Aber um mal positive Beispiele zu bringen: Nigeria geht es wirtschaftlich immer besser. Oder Ghana, Senegal und natürlich Südafrika. – Es wird auf jeden Fall mehr Anfragen geben. Das ist die dunkle Seite der Geschichte der Anthropologie.

Bei dieser Geschichtsaufarbeitung kann und wird hoffentlich auch das Humboldt-Forum in Berlin bald eine Rolle spielen.

Das denke ich. Ich habe lange am Musée du Quai Branly in Paris gearbeitet, dem französischen Nationalmuseum für außereuropäische Kunst. Das ist ein Äquivalent des Humboldt-Forums. Das Musée wurde 2006 gegründet. Und während des Museumsaufbaus gab es eine große Diskussion über französische Kolonialgeschichte. Wie geht man mit ihr um? Das ist etwas, was ähnlich auch in Deutschland passiert. Diese Diskussion kann man nicht mehr vermeiden. Ich bin auch ganz froh, dass es sie hier geben wird.

Zeremonie der Tiwi Aborigines

Zeremonie der Tiwi Aborigines

Quelle: dpa

In den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), wovon die SES ein Teil sind, wird über das Daphne-Projekt zur Provenienzforschung auch die Herkunft der besagten Gebeine erforscht. Wie ist dort der Stand der Dinge?

Unsere anthropologische Sammlung ist in der Daphne-Datenbank noch nicht erfasst. In den drei Museen für Völkerkunde in Sachsen liegen rund 350 000 Objekte, das ist eine nicht zu unterschätzende Anzahl. Teil der SKD sind die Ethnographischen Sammlungen auch erst seit 2010. Es ist also für uns noch eine ganz neue Geschichte. Wir fangen gerade erst damit an, unsere Bestände zu erforschen und zu digitalisieren. Und es geht ja nicht nur um Restitution, sondern auch darum, Exponate zugänglich zu machen, sie mit der Welt zu teilen. Das heißt aber nicht, dass wir unsere anthropologische Sammlung online präsentieren. Ich denke nicht, dass jemand wünscht, die Überreste seiner Urgroßmutter im Internet zu sehen. Mit dieser Sammlung müssen wir mit sehr viel Respekt umgehen. Diese Überreste haben für verschiedene Gesellschaften eine unglaubliche symbolische, religiöse oder rituelle Bedeutung. Das muss man wissen, wenn man damit arbeitet. Die Erschließung der Sammlung ist jedenfalls ganz wichtig, und sie wird bei der Menge der Objekte sicher zehn Jahre lang dauern.

Stichwort Afrika: Rechnen Sie vor allem auch aus ehemaligen deutschen Kolonien verstärkt mit Anfragen zu möglichen Restitutionen?

Ja, schon. Ich denke auch, dass Deutschland seine eigene Kolonialzeit ein bisschen vergessen hat. Das ist in meiner Heimat, der Niederlande, schon anders. In Frankreich ebenfalls. Auf der anderen Seite haben aber auch die ehemaligen Kolonien diese Zeit etwas vergessen. Nehmen Sie beispielsweise Togo: Erst war es eine deutsche Kolonie, dann eine französische. Dort zeigt sich ein wachsendes Interesse an der deutschen Kolonialzeit. Und hinter allem steht die Frage: Wie geht man mit seiner eigenen Geschichte um? Die ethnographischen Museen haben überall fast immer nur über „die Anderen“ gesprochen“. Was sind aber „die Anderen“, in Zeiten von Flucht und Migration?

Wie sieht Ihr Plan aus, all das zeitgemäß zu präsentieren?

Nun, das Japanische Palais ist geschlossen, die Räume sind leer. Das Leipziger Grassi Museum ist dagegen prall gefüllt, hat eine neue Dauerausstellung. Sie spiegelt für mich aber trotzdem nicht ganz den aktuellen Stand der Ethnologie und der postkolonialen Theorie. Das will ich weiter modernisieren. Eine Ausstellung über das einst einflussreiche Königreich Benin soll zum Beispiel von einem Kurator aus Nigeria inszeniert werden – und dabei auch aktuelle Debatten aufgreifen. Diese Multiperspektivität müssen wir zeigen. Das ist noch nicht der Fall.

Zur Person: Nanette Jacomijn Snoep

geboren 1971 in Utrecht

studierte in Paris Anthropologie und Kulturmanagement

übernahm dort ab 1999 den Aufbau des Musée du quai Branly, einem ethnologischen Museum, wo Exponate nach künstlerischen statt ethnologischen Aspekten ausgestellt werden

erhielt für das Konzipieren der Schau „Menschenzoos – die Erfindung des Wilden“ den französischen Kulturpreis „Globe de Cristal“

seit 1. Januar 2015 leitet sie die Geschicke der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen

Von Torsten Klaus

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