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Dietmar Elger zum 80. Geburtstag des Dresdner Malers Gerhard Richter

Dietmar Elger zum 80. Geburtstag des Dresdner Malers Gerhard Richter

Bei Begegnungen mit Besuchern im Albertinum werde ich häufig gefragt, ob Gerhard Richters Ausbildung an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste auch noch eine Bedeutung für sein aktuelles Werk habe? Diese Kontinuität gibt es tatsächlich.

Von Dietmar Elger

Obwohl der Künstler 1962, nach seiner Übersiedlung in den Westen, einen künstlerischen Neuanfang suchte und seinem Gemälde Tisch die Werknummer 1 zuteilte, hat sich eine entscheidende Bildmethodik aus dem Dresdner Frühwerk bis heute erhalten. In der Ausstellung des ATLAS, die seit vergangenem Wochenende im Lipsiusbau zu sehen ist, lässt sie sich anschaulich ablesen.

Nach dem Grundstudium wechselte Richter 1953 in die Klasse für Wandmalerei von Prof. Heinz Lohmar, die ihr Atelier in der Güntzstraße hatte. Obwohl wir Richter heute als Maler kennen, ist sein Werk vor allem vom Denken in Räumen geprägt. Bei seinen Entwürfen für Wandbilder hat er damals den umgebenden Raum immer mitgedacht. Der ATLAS zeigt nun ähnliche Entwürfe aus den späten 1960er Jahren. In einer Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Westeuropa hat Richter künstlerische Gegenentwürfe utopischer Räume für die Präsentation von Malerei skizziert, die jeden Museumssaal sprengen würden. Noch heute erprobt Richter die Hängung seiner Ausstellungen minutiös anhand architektonischer Modelle.

Die Ausstellung in Dresden geht auf einen Wunsch des Künstlers zurück, der den ATLAS gerne einmal in seiner Heimatstadt präsentiert sehen wollte. Der aktuelle Termin bietet dazu den idealen Anlass. Am heutigen Tag begeht Gerhard Richter seinen 80. Geburtstag, und vor genau vier Jahrzehnten wurde das Werk erstmals öffentlich vorgestellt. Seit damals begleitet und kommentiert der ATLAS das malerische Werk. Er ist das Bildarchiv des Künstlers und breitet dessen gesamten Bilderkosmos vor den Betrachtern aus. Hier versammelt Richter die Vorlagen zu den Gemälden, dokumentiert Werkprozesse, bereitet andere Themen nach und archiviert freie Entwürfe und Gedankenskizzen. In der Pressekonferenz im Lipsiusbau hat Richter den Werkcharakter des ATLAS allerdings bestritten: "Ein Kunstwerk ist es nicht. Zum Wegschmeißen war's zu schade, zum Verkaufen nicht gut genug."

Auch früher schon hatte Richter seine künstlerische Rolle immer gerne heruntergespielt und sich bereits 1966 notiert: "Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen. Ich halte nichts von fachlichen Problemen, von Arbeitsthemen, von Variationen bis zur Meisterschaft." Und dennoch sind alle diese Eigenschaften in seiner Malerei enthalten.

Zu Richters 80. Geburtstag blicken wir nicht nur auf ein bedeutendes historisches Werk zurück, sondern stehen auch einem sich seit Jahrzehnten auf großer ästhetischer Höhe haltenden zeitgenössischem Œuvre gegenüber. Richters Kunst kennt im besten Sinne kein Spätwerk. Kaum ein anderes Werk zeigt eine vergleichbare malerische Brillanz, Komplexität und innovative Kraft. Bereits 1962 war es Richter gelungen die Bedeutung der Malerei gegenüber der Überflutung unserer Wirklichkeit durch die fotografischen Medienbilder zu behaupten, indem er deren Eigenschaften auf seine Gemälde übertrug. Zu Recht konnte Richter deshalb auch feststellen, Fotos nicht bloß zu imitieren, sondern selbst herzustellen, wenn auch mit anderen, eben malerischen Mitteln.

Das Werk von Gerhard Richter ist stilistisch und methodisch vielfältig: Gegenständliche Darstellungen von romantisierenden Landschaften, Portraits oder Blumenbilder wechseln sich mit abstrakten Vermalungen, Farbtafeln, monochromen Grau-Bildern und farbigen Abstraktionen ab. Richter ist es dabei immer gelungen, Wiederholungen in seinem Werk zu vermeiden. Er greift allerdings immer wieder auf zurückliegende Motive, Themen oder Konzepte zurück und interpretiert diese neu. Das Glasfenster für den Kölner Dom, dessen initiale Idee auf ein Gemälde von 1974 zurückgeht, ist ein gutes Beispiel für eine solche Innovation aus dem Fundus des eigenen Werkes.

Trotz des kommerziellen Erfolges ist Gerhard Richter seiner Arbeit gegenüber immer skeptisch geblieben. Dies belegen nicht nur viele frühe Fotobilder, die er wieder vernichtet hat, sondern auch zahlreiche spätere Werke, die von ihm wieder übermalt wurden. Von den hohen Preisen, die in den Auktionen für seine Bilder bezahlt werden, hat Richter sich bei solchen Entscheidungen nie korrumpieren lassen. Er ist im wahrsten Sinne ein strenger Richter seiner eigenen Arbeit und würde nie ein Werk akzeptieren, das seinen Ansprüchen nicht standhält.

1964 hatte Gerhard Richter seine ersten kommerziellen Ausstellungen, über die er im September des Jahres in einem Brief an den Freund Helmut Heinze in Dresden berichtete: "Z.Z. läuft eine Ausstellung in Düsseldorf (erste Einzelausstellung) aber noch nichts verkauft, - und eine Gruppenausstellung in Berlin (bekam gerade eine gute Kritik zugeschickt), Polke, mit ihm bin ich befreundet, ist noch jung, aber der beste (mit mir) auf der Ausstellung. Alle anderen sind uninteressant. (Die anderen kommen ja auch nicht von "drüben", - das ist nur halb ernst gemeint!). Aber trotzdem, die von "drüben" sind meistens was, ähnlich wie in Amerika die Zugewanderten. Zwei weitere Ausstellungen, in Berlin u. in Wuppertal sind geplant. Die Zeit ist gerade günstig für mich."

Sie ist es für Gerhard Richter bis heute geblieben.

Dr. Dietmar Elger ist Leiter des Gerhard Richter Archivs an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.02.2012

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