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Die virtuelle Welt und ihre Tücken

Frei-Spieler Dresden Die virtuelle Welt und ihre Tücken

Die Dresdner Frei-Spieler beschäftigen sich in ihrem neuen Stück mit dem Phänomen von künstlicher Intelligenz. In „Exit – Kuckucksnest“ werden dabei wieder Versatzstücke verschiedener Filme und Romane genutzt.

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Die Dresdner Frei-Spieler mit ihrem Stück „Exit – Kuckucksnest“.

Quelle: Eric Vogel

Dresden. Was wäre, wenn die Figuren in einer Computersimulation plötzlich Intelligenz entwickeln und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen würden? Was würde passieren, wenn sie gar die Abschaltung des Systems, das sie am Leben hält, verhindern könnten? Die Dresdner Frei-Spieler stellen in ihrem Stück „Exit – Kuckucksnest“ genau diese Fragen ins Rampenlicht. Seit 2009 kreiert die Theatergruppe um Regisseurin Christiane Guhr aus bekannten Film- oder Theaterstoffen eindrückliche Collagen und bringt dabei stets auch den authentischen Blick der Darsteller auf die Bühne.

Dieses Mal haben sie sich Rainer Werner Fassbinders Film „Welt am Draht“ zur Vorlage erkoren und mit Motiven aus Filmen und Romanen wie „I’m a Cyborg, but that’s okay“, „12 Monkeys“, „Girl Interrupted“ und „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ verwoben. Der Zuschauer taucht ein in eine fast surreal wirkende Welt, die der Wissenschaftler John Stiller (Hannes Emmerich) mit seiner Simulation „Simulacron“ geschaffen hat, um gesellschaftliche Entwicklungen realistisch vorherzusagen. Doch die künstlichen Intelligenzen seiner Miniaturwelt entwickeln sich bald so real, dass er an der Echtheit der Realität zu zweifeln beginnt. Am Ende bleibt die Frage: Wer lenkt hier eigentlich wen?

Die Studierenden der Hochschule für Bildende Künste haben dazu im Labortheater eine aufwendige Kulisse (Bühne: Sebastian Schrader) geschaffen, in der eine gutbürgerliche Wohnung aus Küchenzeile und Sofaecke sich mittels Licht- und Musikeinsatz schnell in eine virtuelle Umgebung wandeln lässt. Die Kostüme von Lisa Rüger verleihen den Figuren etwas Typenhaftes, eben wie im Computerspiel. Das Ensemble agiert feinsinnig und durchaus mitreißend. Kristina Büsser etwa gibt die mondäne Lady Gloria, die sich von einer Computerfigur immer mehr zum mitfühlenden Individuum entwickelt, mit dem Charme einer Filmdiva. Jeanne-Sophie Scheck purzelt in der Rolle des naiven Jon Gun zyklisch in neurotische Verhaltensmuster einer defekten Programmierschleife. Hannah Breitstein hingegen wandelt als kühl distanzierte Eva immer zwischen den Welten, bemüht, die Ordnung in beiden aufrechtzuerhalten.

Das junge Ensemble kann auch dieses Mal mit beachtlichen schauspielerischen Leistungen aufwarten. Immer wieder beschwören sie im Labyrinth der Wahrnehmungen grotesk-humorvolle Momente herauf. Besonders Hannes Emmerich bringt die Verzweiflung, die wahnhafte Verwirrung des Wissenschaftlers John Stiller packend auf die Bühne. So richtig menschlich sind sie zwar nicht, seine virtuellen Wesen – doch eben auch nicht nur künstlich. Wahr oder Simulation, das ist hier die Frage! Und am Ende verwischen die beiden Welten, auch vor den Augen der Zuschauer.

Das Alleinstellungsmerkmal der Frei-Spieler, nämlich die Verquickung verschiedenster Vorlagen, wird dieses Mal allerdings zu deren größter Herausforderung. So klug das Thema künstliche Intelligenz gewählt sein mag, bleibt die bedrückende Philosophie des Stückes doch auf der Strecke, während sich die Inszenierung in einer Vielzahl von Anspielungen verstrickt und zeitweise nur mehr um sich selbst dreht. Thematisch überfrachtet, wabert sie zwischen Vorlagen und verschiedenen Einflüssen hin- und her, sodass es schwer ist, den roten Faden zu finden. Plötzlich sitzen alle in der Klapse, es werden Tabletten ausgeteilt. Ein defekter Schaltkreis wird mit Hilfe eines Erweiterungsmoduls geheilt und Eva macht dem virtuellen Dr. Stiller eine reale Liebeserklärung. Die Moral von der Geschichte: Glaube und sehe doch jeder was er will, nur die eine Wahrheit gibt es nicht.

„EXIT -KUCKUCKSNEST“, Frei-Spieler Kollektiv Dresden, wieder am 10./11. Januar, 18./19. Januar und 21./22. Februar im Projekttheater Dresden

Von Nicole Czerwinka

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