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Die schwer zu handhabende Leichtigkeit

„Zugvögel“ der Dresdner Compagnie Freaks und Fremde Die schwer zu handhabende Leichtigkeit

Es hat sie nach Deutschland verschlagen. Aus unterschiedlichen Gründen, existenziell bedrohlichen wie auch ganz persönlichen. Davon erzählen sie. Mal leise, berichtend, fast unaufgeregt. Oder auch so, dass sich der Schrecken der Ereignisse in jeder Phase des körperlichen Ausdrucks spiegelt.

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Quelle: Nass.

Dresden. Es hat sie nach Deutschland verschlagen. Aus unterschiedlichen Gründen, existenziell bedrohlichen wie auch ganz persönlichen. Davon erzählen sie. Mal leise, berichtend, fast unaufgeregt. Oder auch so, dass sich der Schrecken der Ereignisse in jeder Phase des körperlichen Ausdrucks spiegelt. Ein bemerkenswertes Darsteller-Trio im Zusammenschwingen von Bewegung, Stimme, Klang, aufmerksam am Sampler begleitet von dem britischen Musiker und Komponisten Daniel Williams.

Sie treten auf mit sehr verschiedenen Temperamenten, sind auf vielen Wegen nach Europa gelangt, unterscheiden sich in ihren Identitäten, Prägungen, Begabungen. Ein Dreigespann, das es in sich hat, nicht auf die Pauke hauen muss, um die Sinne und den Verstand zu bannen, dabei aber zuweilen federleicht und dennoch gewichtet mit Themen umgeht, wo es um Sein oder Nichtsein, ums pure Überleben geht.

Sabine Köhler und Heiki Ikkola, die quasi der Kern der seit 2006 bestehenden Compagnie Freaks und Fremde sind, haben auf der Kleinen Bühne im Societaetstheater eine neue Produktion herausgebracht, bei der es ihnen gemeinsam mit Künstler-Freunden und -Partnern einmal mehr gelingt, vom Leben Einzelner zu erzählen, von ihren Ängsten, Freuden und Hoffnungen. Und sie greifen damit auch zugleich die Geschichten vieler auf. Da geht es um Flucht, Vertreibung, um Verluste und Fremdsein, sind gefahrenvolle Wege und Hindernisse zu überwinden. Letztlich aber, am ersehnten Ziel angekommen, sind diese Entwurzelten dennoch nicht glücklich, geraten ins Schlingern, finden nur schwerlich Halt.

Eine Frau und zwei Männer erzählen mit Leib und Seele von Sichtweisen, von einem Erleben, das nicht zwingend autobiografisch, aber auch nicht frei fabuliert ist. Und sie berichten davon, warum, wie und wohin sie das Leben gebracht hat, erinnern sich an Liebenswertes, an ihre Familien, an Kindheitserlebnisse. Wie zum Beispiel Momo Ekissi, geboren und aufgewachsen an der Elfenbeinküste. Seit zwei Jahren lebt er als freier Regisseur und Schauspieler in Freiburg/Breisgau.

Wie an einem roten Faden hält er sich fest an seiner Überlebenstasche mit Glücksbringern, befragt das Omen, schildert eindringlich militärische Vereinnahmung und das willkürliche Morden, den langen Weg und die gefährliche Überfahrt nach Europa auf einem heillos überladenen Boot. Er erzählt gewitzt vom Deutschunterricht und lässt erahnen, wie schwer es sein kann, ein so kompliziertes Wort wie „beziehungsweise“ zu erhaschen, um es sich schließlich wie eine Sprach-Delikatesse einzuverleiben. Und Momo berichtet auch von der wiehernden Amtsstute, die ihm nur Gutes bescheinigen kann, zugleich aber mit der Ablehnung seines Antrages ein gesichtsloses „alles Gute“ wünscht. Jenseits vom Amtsdeutsch heißt das, er solle verschwinden, irgendwohin und irgendwie, möglichst sofort. Da verliert er die Freude an dem Wort „beziehungsweise“, würgt es angeekelt wieder heraus. Und hat begriffen, dass nicht jede Aussage für bare Münze zu nehmen ist. Oder doch?

Letztlich driften diese drei Menschen in ihren Bühnengeschichten durchs Ungewisse, wirken verloren, aber nicht gänzlich ohne Hoffnung, sind offenbar wieder unterwegs. Als würden sie vergeblich ein Ziel ansteuern, ein Durchkommen suchen auf schlingerndem, schwankendem Boden, als seien sie unter Wasser geraten, orientierungslos, ein Spielball mächtiger Bewegungen. Ein derartiges Bild hatte ich auch vor Augen, als ich vor ein paar Jahren bei meiner hochbetagten Tante in Genf die Schreibmaschinen-Kopie eines offenbar freundschaftlichen Briefes an meinen Großvater fand, geschrieben Ende der dreißiger Jahre in Italien. Namenlos gebliebene jüdische Flüchtlinge, wahrscheinlich Mitglieder einer österreichischen Familie, verabschiedeten sich von ihm. Sie würden sich jetzt mit Steinen beschweren und ins Meer gehen, schreiben sie, betonen ihre Unschuld und dass sie sich nichts vorzuwerfen haben.

Bald 80 Jahre ist das her. Und immer wieder gibt es solche Dramen, die kaum zu begreifen sind. Dass man sich daran erinnert und wach reagiert in der Gegenwart, dafür sorgt diese Aufführung. Mit bemerkenswerten Darstellern. Wie eben Momo Ekissi oder die Schauspielerin Ariella Hirshfeld und der wunderbar bewegliche iranische Schauspieler Shahab Anousha. Es ist kein ausufernder Abend. Und möglicherweise wird sich das „Zugvögel“-Geschehen partiell auch noch weiter verändern. Weil Bewegung in Geist und Körper zum Dasein nun mal dazu gehören. Auch das Weitergeben von Geschichten, das Fabulieren über Zeitgeschehen, frei von purem Hass, von Vorurteilen und engstirnigen Urteilen. Cie. Freaks und Fremde (man denke nur an das „Ruanda“- Stück!) haben ein gutes Gespür dafür, was zu sagen ist. Und wie. Und sie suchen und finden hierzulande wie auf Reisen dafür stets wunderbare Partner. Da kann man dem Societaetstheater nur dankbar sein, dass es längst zu einer Heimstatt geworden ist für so unterschiedliche, liebenswerte Ansätze eines wachen künstlerischen Denkens und Arbeitens.

Von Gabriele Gorgas

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