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Die jüngste Derevo-Premiere in Dresden lässt Anton Adassinski brennen

Eine Erde ohne Clowns? Die jüngste Derevo-Premiere in Dresden lässt Anton Adassinski brennen

Jedes Jahr dasselbe und immer wieder ganz anders. Das Tanztheater Derevo feiert „Zwischen den Zeiten“ seit nunmehr zehn Jahren als ausgelassenen Binnenraum der Emotionen inmitten von konsumorientierten Weihnachts- und grellen Neujahrsbräuchen der westlichen Kirchenvölker. Beides entbehrliche Vorgänge, wenn man den Intentionen von Derevo folgt.

Anton Adassinski ist in „Der letzte Clown auf Erden“ weit mehr als ein überzeugender Vertreter seines Berufsstandes.

Quelle: E. Yarovaya

Dresden. Jedes Jahr dasselbe und immer wieder ganz anders. Das Tanztheater Derevo feiert „Zwischen den Zeiten“ seit nunmehr zehn Jahren als ausgelassenen Binnenraum der Emotionen inmitten von konsumorientierten Weihnachts- und grellen Neujahrsbräuchen der westlichen Kirchenvölker. Beides entbehrliche Vorgänge, wenn man den Intentionen von Derevo folgt. Denn: Menschen wollen Wunder erleben. Manche nehmen Götter dafür, andere beten irgendwelche Teufel an. Anton Adassinski aber, Künstlerischer Leiter von Derevo, setzt nicht auf Götzen, sondern auf die Kraft von Kunst und Theater. Er justiert deren Mittel auf Augenhöhe zu archaischen Ritualen und stellt dem Publikum ein Mitmachtheater vom Feinsten vor alle Sinne. Geputzte Menschen also – hier werden sie mit abgründigem Schalk konfrontiert. „Der letzte Clown auf Erden“, so der Titel der Derevo-Neuproduktion, ist eine Wunder-volle Magie mit Feuer und Wärme, mit Licht und Schwärze sowie mit Nonsens, der sich stets als Hintersinn entpuppt.

Das geht schon in einem kleinen Vorspiel mitten im Publikum los. Zwar werden nur die ersten paar Reihen handgreiflich mit einbezogen, Spaß daran haben aber auch die Hinterbänkler im voll besetzten Festspielhaus. Trunken vor Lust und Inspiration stürzt sich ein heruntergekommener Clown in seinen Lumpen zwischen die Gäste, lallt ein Kauderwelsch mit Spuren von Russisch, hievt sich durch die Menge, setzt zu weiteren Schlückchen an – und beinahe alles misslingt ihm gekonnt. Im Spagat zwischen Bühne und ansteigendem Gestühl präsentiert er die rote Nase, die mehr oder weniger anzüglich eingesetzt werden kann, borgt sich eine Zigarette, steckt sich zwei davon hinter die Ohren, sucht sich ein Herrentrio zum Vortanzen, becirct junge Damen und lässt Kinder kreischen vor Wonne.

Die Clownsnase ist bekanntlich mehr als nur Riechorgan. Für Anton Adassinski sogar mehr als nur Erkennungszeichen seines Berufsstands. Für ihn kann, nein soll und wird sie die Sonne sein! In dreifacher Seesackgröße wirft er sie ins Geschehen, die ersten Reihen hoch und wieder runter, diese Publikumsnummer lebt von mehrfacher Wiederholung, wird aber nicht langweilig, denn kaum ist ein Handlungsfaden gesponnen, schon wird er mit Variationen geknüpft.

Neben dem Spiel – beim „Letzten Clown“ eine ununterbrochene Solopartie Adassinskis – sind Foto- und Videomontagen zu sehen, kommen Accessoires angefegt, weht ein krudes Hell-Dunkel durchs Rund. Dazu tönt ein benebelnder Musikteppich mit dumpfen Rhythmen und mitreißenden Melodiefetzen, der suggestive Wirkung hat und die Zuschauer tief ins Geschehen zerrt. Für diese Klangcollage zeichnet Grigory Shmitko verantwortlich, Licht- und Videokünste haben Igor Formin und Pavel Semchenko gestaltet.

Vor allem aber ist es in der Tat der unerschöpfliche Quell an Fantasie und körperlichem Fabulierdrang Adassinskis, dem man wie gebannt erliegen muss. Das Häufchen Elend, von Kleidungsfetzen mehr entblößt denn verhüllt, es tanzt, hüpft, springt und kriecht mit Energie über die Bühne, klopft bei zwei gewaltigen Toren an, hinter denen sich sinnbildliche Geister von Himmel und Hölle verbergen. Man kennt die Gesichter und freut sich über Adassinskis Metaphern, die vor Holzhammern ebenso keine Scheu haben wie vor (über-)spitzer Feder.

Natürlich will er mehr als jeder Prometheus, natürlich will er seinen (und unseren) Spaß, ist ebenso natürlich auch traurig, zu Tode betrübt und dennoch von Großem erfüllt. Er will das ewige Licht, will Sonne sein. Ikarus? Von dessen vorlautem Flugversuch keine Spur, schon gar nicht von dessen Scheitern – diese Sonnen-Nase von Clown verbrennt sich selbst. Und sogar dann bleibt noch ein grimmiges Lachen in der Seele stecken. Eine Selbstaufopferung, um die Welt zu retten? Die Erde ohne Clowns wäre jedenfalls eine ziemlich arge Vorstellung.

Nur heute Abend ist dieser Performance nochmal im Festspielhaus Hellerau beizuwohnen. Morgen gibt es das feurige Happening „Kein Mond Tag“ (Eintritt frei), und zum Ausklang dieses „Zwischen den Zeiten“ folgt am Freitag die Wiederaufnahme „Harlekin“. Derevo bleibt sich damit treu; keine Welt ohne clowneskes Theater. Darauf wollen wir auch in Zukunft nicht verzichten.

www.derevo.org

Von Michael Ernst

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