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Regional Die Werke Wieland Försters stehen überall Dresden - nun wird er 85
Nachrichten Kultur Regional Die Werke Wieland Försters stehen überall Dresden - nun wird er 85
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17:14 09.09.2015
Aufnahmen aus dem Film "Wieland Förster - Ich lebe, um mich zu erinnern". Dresden-Premiere ist am 11. März. Quelle: Hirsch Film Dresden & Schamoni Film & Medien GmbH

Das Thema Leid und Liebe, der Widerspruch von Leben und Tod, von Aggression und Erleiden haben in seinem Werk Form gefunden. Er überträgt Biographisches in die bildhauerische Metapher und hebt damit das Persönliche ins Allgemeingültige, das Empfinden des Einzelnen in die Erfahrung vieler.

Wieland Förster will als Künstler, nicht als Opfer bewertet werden. "Formung und Erfindung werden auf den biographischen Bericht reduziert", so führte er in Dresden bei der Einweihung seiner Skulptur "Namenlos - Ohne Gesicht" aus, "was spätestens seit der Entstehung der 'Passion'" - es geht hier um einen aufgepfählten männlichen Körper in erbarmungslos lädierter Nacktheit - , "also 1966, längst ins weltweit Menschliche gewachsen war". Der Bildhauer zeigt den Körper als auffahrende Form, als lodernde Landschaft, aus der wiederum physiognomische Energien aufbrechen können.

Überzeitliche Metapher für das Unzerstörbare im Menschen

Erregung ist für Förster Bewegung, Drehung, Zusammenballung und Streckung, Taumel und Ineinanderstürzen aufgerissener Leiber. Das skulpturale Gebilde greift in den Raum, es wird Metapher einer Sehnsucht des Menschen, deren Preis die Verletzung, deren Triumph die Vermenschlichung ist. Darum stehen Försters Figuren in Beziehung auch zu den mythischen Gestalten, in denen das Erlebnis von Sturz und Scheitern, Abbruch und jäher schmerzhafter Wendung aufbewahrt ist.

Wieland Försters Denk- und Mahnmale sind fester Bestandteil der öffentlichen Erinnerungskultur der Landeshauptstadt. Sein "Großer Trauernder Mann" (1979-1983, Bronze) befindet sich am Georg-Treu-Platz, in jenem Gebäude-Einschnitt an der Brühlschen Terrasse, wo der Blick hindurchgeht zwischen Altstadt und Neustadt. Er erinnert an die Opfer des Infernos vom 13. Februar 1945, das Förster einen Tag nach seinem 15. Geburtstag traumatisiert selbst miterlebt hat, als das barocke Dresden in Schutt und Asche fiel. Nackt, mit angezogenen Beinen, hockt der Mann blockhaft zusammengekrümmt auf einem schmalen Sockel, die Hände vor das Gesicht geschlagen, als könne er den Anblick dessen nicht ertragen, was da geschehen ist. Es ist ein fast sakraler Ort geworden, der Schmerz überträgt sich auf den Betrachter, man gedenkt der Toten und Leidenden in der Welt.

1995 wurden im Nordosthof der Mahn- und Gedenkstätte Münchner Platz, Grünhof, hinter dem Tillich-Bau der Technischen Universität Dresden, das Denkmal "Namenlos - Ohne Gesicht, den zu Unrecht Verfolgten nach 1945 gewidmet" (1993-94, Bronze) und "Das Opfer" (1994, Bronze) in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße eingeweiht. Förster, dem als Jugendlichen die stalinistische Lagerhaft in Bautzen schlimmste psychische und gesundheitliche Folgen gebracht hatte, stellt hier einen erschöpften, sich am Mauerwerk stützenden Mann mit gesenktem Kopf dar, dessen geschundener Körper mit Vegetationsmerkmalen versehen ist und dem das zellenartig-kubische Mauerwerk sowohl Eingeschlossensein vermittelt als auch Stütze und Halt gibt, so dass Beharrung und Widerstehen möglich sind.

Wieland Förster hat seine persönliche Traumatisierung durch die ihm eigene, immer wieder andere plastische Aussage zu überwinden versucht, so dass sich nicht nur Themenentfaltung, sondern auch Formabläufe auf neue und aufregende Weise verfolgen lassen. So zeigt "Das Opfer" den sich aufbäumenden Körper eines Gepeinigten. Indem Förster den Bewegungsspielraum seines Torsos so weit wie möglich beschneidet, ihn zum Stand-Bild einengt, revoltiert bei ihm die Gebärde gegen die beharrenden, lotrechten Formabsprachen, gegen die Mitte des Leibes, gegen das sicher Umgrenzte.

Offene Frage nach der Würde und Selbstbestimmung des Menschen

Von tragischer Gespanntheit vermochte Förster in seinem Alterswerk zu einer fast arkadischen Gelassenheit zu gelangen, so wenn er der durch das Feuer gegangenen "Nike '89" (1998, Bronze) atmenden Rhythmus und tänzerische Beschwingtheit verlieh. Sie steht vor dem Sächsischen Landtag in Dresden, eine Siegesgöttin als weithin sichtbares Zeichen an der Elbe, aufsteigend wie befreit von der Erdenschwere und doch ein Torso mit gebrochenen Flügeln. Eine überzeitliche Metapher für das trotz Leid und Verfolgung Unzerstörbare im Menschen. Dieser Hoffnung auf Überleben, auf Überdauern steht dann wieder der durch die Überdrehung des Leibes an den Füßen wie aufgehängte, gehäutete "Marsyas - Jahrhundertbilanz" (1999, Bronze) gegenüber - die Skulptur befindet sich vor dem Museum Bautzen. Und diese Polarität begleitet den Bildhauer weiter ins neue Säkulum als noch immer offene Frage nach der Würde und Selbstbestimmung des Menschen.

2009 wurde in Dresden-Laubegast, dort, wo Wieland Förster geboren wurde und aufgewachsen war, auf der Buhne gegenüber dem "Volkshaus Laubegast", "Die Elbe" (2002, Bronze) eingeweiht, eine wie auf einer Welle schwebende, dahingleitende weibliche Figur. Der Körper, am Kopf, an der Schulter und an den Knien torsiert, richtet sich durch eine leichte Linksdrehung aus der Horizontalen in die Diagonale auf, was sowohl der Wellenbewegung entspricht als auch ihr entgegenläuft. Förster hat diese Mensch gewordene Undine, die sich kraftvoll, selbstbewusst und den Elementen anpassend wie trotzend bewegt - es muss nicht das Wasser, es kann auch die Luft sein, die sich hier zu einem die Gestalt tragenden oder ihr widerstrebenden Medium materialisiert - so beschrieben: "Der weibliche Torso versinnbildlicht durch die erdparallele Lagerung der Oberschenkel und der Hüfte das bedächtige Strömen. Der aufgereckte Oberkörper und die nach oben weisenden Armstümpfe tragen Züge des Aufbegehrens und der Ungebärdigkeit".

Nicht vergessen werden sollte die ebenso sinnreiche wie anrührende Fritz-Löffler-Stele (1999, Bronze), die sich vor dem Wohnhaus des Denkmalpflegers und Kunsthistorikers in der Liebigstraße 29 erhebt und die die Stadt Dresden ihm mit einem Ausspruch Theodor Däublers ("Die Welt versöhnt und übertönt der Geist") gewidmet hat. Das Mittelrelief zeigt vorn das Flugbild der Altstadt von Dresden, des Betätigungsfeldes Löfflers, und rückwärts das Reliefbild eines aufstrebenden weiblichen Torsos als Sinnbild der "schönen Künste".

Wieland Förster, einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart, hat seit 2001 an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine Stiftung eingerichtet, die 58 plastische Arbeiten aus Bronze und Stein umfasst und einen repräsentativen Überblick über alle seine Schaffensperioden vermittelt. Nirgendwo ist sein Werk öffentlich so präsent als in Dresden. Auch wenn er 2007 seine bildhauerische Arbeit krankheitsbedingt beenden musste und sich nunmehr vorrangig dem Schreiben widmet, wird er weiterhin Zeugnis ablegen für den Menschen.

Ausstellung "Wieland Förster - Jahrhundertbilanz", Gedenkstätte Bautzner Straße, 112a. bis 17. Mai

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.02.2015

Klaus Hammer

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