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Die Türkei an ihren Rändern: Das Theaterfestival Off Europa zeigt Ausschnitte türkischer Lebenswelten

Die Türkei an ihren Rändern: Das Theaterfestival Off Europa zeigt Ausschnitte türkischer Lebenswelten

Die ersten zehn Minuten im kleinen Saal des Societaetstheaters vergehen, indem drei hübsche junge Frauen auf einem schwarz-weiß karierten Küchenboden knien, sich winden und dabei stöhnen.

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Türkische Frauen bei Gesprächen über Orgasmusprobleme.

Quelle: PR

Eine Orgasmusübung für Fortgeschrittene ist das, Harrys Sally kann auf jeden Fall einpacken. Doch im Stück "Dumm, gewöhnlich und schuldig" der freien türkischen Theatergruppe Oyun Deposu geht es nicht um die große Konfrontation, sondern eher um die kleine Freiheit. Die Freiheit, als Frau sowohl Klischee als auch Individuum sein zu dürfen. Die Figuren sind so dumm, gewöhnlich und schuldig wie die meisten anderen Menschen. Sie träumen, sie tratschen und sie haben ein bisschen Angst. Eine knappe Stunde knien sie auf dem Boden, erzählen mit minimaler Requisite und beeindruckender Körperlichkeit immer wieder von Erlebnissen, die mit sexueller Unfreiheit zusammenhängen.

Einmal, in einem Taxi, fühlt sich eine der Frauen vom Fahrer im Rückspiegel durch seine Blicke ausgezogen, ein andermal wird eine fast vergewaltigt, weil sie sich erst aufreizend gibt, dann aber keine Lust auf den Mann hat. Die dritte hat ihrem Freund fünf Jahre den Orgasmus vorgespielt, sie dachte sich dafür einfach Laute aus, die sie aus dem Alltag nicht kannte. Der Ernst der Erinnerungen wird immer wieder durch Kulturstereotype gebrochen, alle Nase lang wird "Kaffee" serviert. Oder klopft es an der Tür? Die Frauen, so steht es auch im Programmheft, öffnen den Besuchern einen geschützten Raum, in dem Männer und Fremde nichts zu suchen haben. Wir spionieren zwangsweise und entdecken, dass die meisten Themen ganz banal und letztlich unseren sehr ähnlich sind; Schönheit, Unsicherheit, Selbstverwirklichung.

Als deutsche Produktion wäre es wenig spannend, Frauen über die Nachteile von Tampons oder über beinverlängerndes Schuhwerk reden zu hören. Kennt man ja aus deutschen Reality-Shows, die sich mit Vorliebe um die eigene Banalität drehen. Da Oyun Deposu aber in Istanbul zu Hause sind, hofft man, dass es dort als eine Art Befreiungsschlag von tabuisierten Gesellschaftsthemen verstanden wird, so wie hier die "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche ein neues Kapitel in Sachen weiblicher Intimität und Selbstbestimmung aufschlagen sollten. Doch im anschließenden Gespräch wird klar: Die Türkei ist längst nicht mehr nur Burka-Land, Istanbul sowieso nicht. Die Frauen stehen nicht den ganzen Tag am Herd, die Männer sind nicht ständig mit der Frage nach Ehre und Ehrverletzung beschäftigt. Oder es gibt eben auch viele andere, schließlich gilt die Hauptstadt als Melting Pot Europas.

Fragt man die Künstlerinnen, reagieren Großstadttürken auf ihre kompromittierenden Stücke nicht grundsätzlich anders als das Dresdner Publikum. "Wer sich fürs Theater interessiert, der kommt zu uns, alle anderen bleiben zu Hause und sehen lieber fern. Uns ist es aber auch schon passiert, dass sich jemand gelangweilt hat während unserer Aufführung." Kennt man auch aus deutschen Theatern. Es wäre interessant zu erfahren, wie die Reaktionen in den kleinen Städten und Dörfern gewesen wären, wo eine in der Öffentlichkeit stöhnende Frau möglicherweise noch ein Sicherheitsrisiko darstellt.

Die Theaterreihe OFF Europa tingelt mit den meisten ihrer Veranstaltungen zwischen Leipzig und Dresden hin und her. Organisiert wird sie vom Leipziger Büro für OFF-Theater. Organisator Knut Geißler ist seit 1992 auf der Suche nach dem Abseitigen, dem Staatsfernen und dem, was ganz am Rand der Aufmerksamkeit aufgeführt wird. "Dafür reise ich fast das ganze Jahr durch fremde Länder, und das ist mittlerweile auch das Spannendste an meinem Job." Was er da am Ende zusammencastet, ermöglicht nicht immer ein aussagekräftiges Abbild der freien Kunstszene eines Landes. Manchmal scheitert das Vorhaben an Zeit- und Geldmangel, Visa- oder an Lizenzverweigerungen, auch eine der aktuell auftretenden Gruppen erhielt nur drei Stunden vor Abflug ihr Visum, nach einem morgendlichen Anruf Geißlers in der Deutschen Botschaft in Istanbul.

Bis Freitag gibt es im Societaetstheater noch einiges zu sehen, angefangen mit der fragilen Tanzperformance von Ilyas Odman und Çaglar Yigitogullarí, die heute Abend um 20 Uhr über Gläser schweben. Wer nicht immer nur Döner essen gehen will, um was von der Türkei mitzubekommen, der mache sich auf den Weg. Juliane Hanka

Das Theaterfestival Off Europa: Türkei urban im Societaetstheater, An der Dreikönigskirche 1a, noch bis zum Freitag

Im Rahmen des OFF Europa Theaterfestivals im Societaetstheater finden noch folgende weitere Vorstellungen statt:

Heute, 20 Uhr: Tanz & Performance Ilyas Odman "glaSSteps", Gutmann-Saal, 20.40 Uhr: Melih Gençboyac "Access to Anxiety", Kleine Bühne. Kombiticket: 12,50/8,50/6,50 Euro.

20. September, 20 Uhr: Istanbul-Filmabend "Mein Haus stand in Sulukule", Fatih Akin: "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" (mit einer Pause zwischen den Filmen). Ticket: 6,50 Euro.

21. September, 20 Uhr: Tanz Ayrin Ersöz: "Dans Etmek ya da (To dance or)", Kleine Bühne. Ticket: 12,50/8,50/6,50 Euro.

Neben den normalen Einzel- und Kombitickets kann auch ein Festivalpass erworben werden (29 Euro, ermäßigt 21 Euro), zu reservieren per Mail an tickets@offeuropa.de.

Kartenbestellungen: Tel. 0351-8036810 oder bestellung@societatetstheater.de

www.societaetstheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.09.2012

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