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Die TU-Studentenbühne entdeckt Shakespeares "Othello" als lesbische Zeitgenossin

Klug, hart, weiblich Die TU-Studentenbühne entdeckt Shakespeares "Othello" als lesbische Zeitgenossin

Othello von William Shakespaere in einer Bearbeitung von Peter Wagner für "die bühne - das Theater der TU" - so verheißt es der Programmzettel zur Premiere am Weberplatz. Gleich daneben die entscheidende Frage: Wie viel bewusster oder unbewusster Rassismus steckt in jedem von uns?

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Othello (Hannah Breitenstein) hat aus falscher Eifersucht die liebste Desdemona erledigt, deren Vater Branbantio (Andreas Matthus) schlägt zurück.

Quelle: Phillip Heinze

Dresden. Othello von William Shakespaere in einer Bearbeitung von Peter Wagner für "die bühne - das Theater der TU" - so verheißt es der Programmzettel zur Premiere am Weberplatz. Gleich daneben die entscheidende Frage: Wie viel bewusster oder unbewusster Rassismus steckt in jedem von uns? Sehr viel - so die eindeutige Antwort, nimmt man Duktus und Geschehen als Indiz. Denn die Bühnenfassung benutzt mehrere moderne Übersetzungen des 411 Jahre alten Klassikers, aus denen in sehr rauem Slang die Geschichte destilliert um den schwarzen Feldherren, die komplett als "Die Tragödie von Othello, dem Mohr von Venedig" 1766 in Hamburg deutsche Erstaufführung hatte. Die Geschichte der Intrige des Fähnrichs Jago (Mario Pannach), der eigentlich aus verschmähter Gunst des schwarzen Generals auf einer Dienstreise nach Zypern, wo man den Angriff der Osmanen abwehren muss, einen Zwist zwischen dem zum Leutnant beförderten Cassio (Marvin Klimainsky) und dessen Vorgesetzten anzettelt, endet in einem Fiasko für alle, dass nun in Dresden noch verstärkt wird.

Einerseits schert sich Peter Wagner nicht um die eigentliche Pointe, andererseits hebt er die immanenten Vorurteile, die im Original eigentlich mehr als Vorwand für eigene Vorteile dienen, heraus und übertreibt diese gehörig, so als ob Othello die Sächsische Schweiz oder andere befreite Zonen befrieden sollte. Dafür braucht er Nebengestalten wie Cassios Kurtisane Bianca, den Gouverneur Montano oder die venetianischen Edelmänner namens Lodovico und Gratiano ebensowenig wie den Clown, verstärkt aber mutig das Diskriminierungpotential mit der Besetzung von Othello als Feldherrin (Hannah Breitenstein), die heimlich Desdemona (Amelie Bengsch ) liebt und heiratet und damit deren Vater Brabantio (Andreas Matthus) düpiert.

Natürlich verzichtet Regisseur Peter Wagner auf strammes Blackfacing: Sein Othello ist nur schwarz gekleidet - und wird als großer Kriegsherr immer wieder verbal herrisch beschrieben. Den geläufigen Rassismus verlegt er durch einen steten Sprachswitch - vor allem beim vorstädtischen Schurkendialog zwischen Jago und dem auf Desdemona scharfen Rodrigo (Florian Gleissner) - zum Großteil in die Neuzeit. Dazu hat er sich gehörig am Textbuch vergriffen, viel Shakespeare schimmert nicht mehr durch, dafür alltägliche Fäkal- und Vulgärsprache aus weltweiten Jugend- wie Wohnheimzimmern - hier natürlich auf Deutsch. Ob Mohrenkopf, Nigger, Bimbo oder auch - positiv verbrämt - als Knusperflocke oder Schokoplätzchen im Liebesmodus - nichts wird ausgespart, um Othello ordentlichst zu diskriminieren.

Doch das prallt an ihm (also ihr) ab - dafür bekommt er (also sie) abschließend die Keule von einem der beiden Überlebenden. Denn der kluge und starke Othello hat zuvor aus falscher Eifersucht die liebste Ehefrau erledigt, deren Vater Brabantio wird allerdings mehr aus Fremdenhass denn von Rachegelüsten getrieben. Dass sich dieser in Zypern rumtreibt und Cassio statt Bianca ausgerechnet Emilia (Vivian Klimainsky), die Ehefrau von Jago, liebt und dafür stirbt, ist ebenso neu wie das Ableben des Bösen durch seine Frau und der unedel-neufaschistische Tod der Heldin, die sich zuvor in weise-weiblicher Voraussicht die vermeintliche Untreue ihrer Frau zu erklären versucht, aber irrt - und darüber nicht aufgeklärt wird.

Wagner, für den Othello gleichzeitig Heldin, Strategin, Verführerin und Exotin ist, die in der Fremde fremd bleiben muss, setzt auf leibhaftiges Spiel und verlangt seinem Oktett einiges ab. Dafür verzichtet er auf jeden technischen Firlefanz und große Stimmungswandel, nur ab und an tröpfelt ein wenig Elektrobass durch die Lautsprecher. Diplom-Bühnenbildnerin Anne Sevenich hat als Dozentin am TU-Lehrstuhl für Raumgestaltung und Gestaltungslehre mit ihren Studenten zwei große, aber leichte Polyeder aus Holzlatten entworfen, die anfangs mit Stoff bespannt zum Schattenspiel taugen, später nur noch als gerupfte Gerippe dastehen. Ringsherum läuft die spannende Geschichte ohne Längen, nur noch mit zwei Scheinwerfern illustriert, zum Schluss wird sehr gut stringent gestorben, die ersten vier Morde sind beiderseits hervorragend gespielt.

Drei Akteure fallen durch erstaunliche Mimik und Sprachgestaltung besonders auf: Die Geschwister Vivian und Marvin Klimainsky, denen als Emilia und Cassio sogar eine heiße Liebesszene gegönnt wird - und Hannah Breitenstein sowohl als lieber, kluger wie auch zorniger Othello.

Gern hätte man auch vom Fürsten (eigentlich: der Doge), also von Yannik Carstensen, mehr gesehen, doch der kommt nur anfangs in Venedig zum Einsatz - und ist beim Schlussapplaus schon geduscht in Alltagsklamotten. Dennoch werden selbst geübte bis verwöhnte Dresdner Theatergänger hier gute Unterhaltung finden. Besonders spannend dürfte es am 4. Januar werden - dann gibt es eine Sondervorstellung für Geflüchtete - eigens als "kommentiert" ausgewiesen. Wenn dies mal keine Weißmalerei wird.

nächste unkommentierte Vorstellungen: 18. & 19. Dezember sowie 8. bis 10. Januar (je 20.15 Uhr)

Andreas Herrmann

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