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11:53 24.09.2018
Verschreckt: Anna Tarkhanova. Quelle: Foto: Georg Skowronek
Dresden

Vier Menschen, vier Stühle. Und am Anfang eine ganz große Stille. Langsam stimmen sie das Lied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ von Heinrich Heine an. Eine Stille, die man sich im Laufe des Stückes „Aufspüren Jagen Entsorgen – Die Sprache der Neuen Rechten“ noch schmerzlich herbeisehnen wird.

Die neue Arbeit von Arne Retzlaff hatte am Freitag Premiere im Dresdner Projekttheater. Die Ruhe vor dem Sturm erleben die Besucher nur in den ersten Minuten. Nachdem der Ausflug in die Romantik mit Schreien beendet wird, tauchen die Protagonisten hinab in das Programm der AfD. Standen die Stühle zu Beginn noch wahllos verteilt im Raum, stehen sie nun in Reihe nebeneinander. Darauf nehmen die Schauspieler, zwei Frauen und zwei Männer unterschiedlichen Alters, Platz und tragen vor. Was heißt eigentlich Demokratie? Was steckt hinter der Deutschen Leitkultur?

Das ist kein Theater

Mit jedem Szenenwechsel wird die Stimmung aggressiver, die Gitarrenklänge – live gespielt im Hintergrund – düsterer. Mit Sorge sehe man bei der Internationalisierung der deutschen Sprache zu, Genderwahnsinn und politisch korrekte Sprachvorgaben lehne man ab. Zwischen den Szenen werden Flugblätter verteilt, auch das immer aggressiver. Es geht um Familie. Da sitzen nur die Frauen und tragen die konservative Vorstellung des Konstruktes vor. Die Männer vergnügen sich im Hintergrund, als ginge sie dieses Thema nichts an. Ganz anders beim Umweltschutz. Dieser dürfe nicht zu Lasten der Menschen durchgeführt werden, ganz klar. Immer häufiger möchte man sich als Zuschauer an den Kopf greifen und stellt fest: Das ist kein Theater, kein erfundener Text. Das ist die Realität.

Retzlaff wälzte bei seiner Recherche Wahlprogramme, untersuchte die Sprache der AfD, von Pegida, Compact und dem selbst ernannten Institut für Staatspolitik, analysierte Interviews und Talkshows. Es war nicht nötig, sich eigene Texte auszudenken, das Drehbuch lieferten Gauland, Storch und Co. Ziel ist es, das Stück an verschiedenen Theatern und in Schulen aufzuführen, damit die politische Bildung zu unterstützen und aufzuklären.

„Wir sind doch nur besorgt!“

Der Abend wird immer lauter. Mit jedem Szenenwechsel wird es aggressiver, fordernder, absurder. Der Asyltourismus bedrohe unser Land. Plötzlich wird die Bühne in ein weiches lila Licht getaucht und die Zuschauer finden sich in einer Werbesendung für Kreuzfahrten und andere Reisen wieder. „Lernen Sie andere Kulturen kennen, das Schlaraffenland liegt auf dem Meer!“ Klarer kann man der Gesellschaft wohl keinen Spiegel vorhalten. Die Stühle rücken an die Wand, die Protagonisten werden verzweifelter und im gleichen Atemzug höriger. Der Wortführer spricht, alle anderen nicken zustimmend, wiederholen das Gesagte, ohne selbst darüber nachzudenken. Der berühmte Ausrutscher auf der Maus, der Vogelschiss, alles sei nicht so gemeint gewesen und doch meinen sie es stets genau so. Wie im Wahn werden Parolen wiederholt, Hasskommentare aus sozialen Netzwerken vorgetragen. „Wir sind doch nur besorgt!“ heißt die Rechtfertigung. Es wird in Reih und Glied marschiert, die Stühle zur Attacke hochgehoben.

Sätze, die man nie wieder hören möchte

Und schließlich werden Schlagzeilen vorgelesen. Sie erzählen von Attacken gegen Ausländer und Geflüchtete. Es nimmt kein Ende. Es ist kaum noch zu ertragen. Das Stück endet und die Stille kehrt zurück. Applaudieren fühlt sich nach diesen knappen eineinhalb Stunden so falsch an. Und doch ist der verhaltene Applaus am Ende mehr als verdient. Allein für die Leistung der Schauspieler, die den Raum mit Wut und Hass füllten, dass es einem zwischenzeitlich Angst und Bange werden konnte. Dafür, dass sie diese Parolen und Grausamkeiten noch mehrmals vorsprechen müssen. Sätze, die man nach einem Mal hören nie wieder hören möchte. Als Zuschauer verlässt man den Raum mit der Erkenntnis, die einen erschaudern lässt: Fiktives Theater war das nicht. Das war und ist unsere aktuelle Realität, komprimiert auf einen Abend.

nächste Aufführungen: 10., 11., 29. November

www.projekttheater.de

Von Lisa-Marie Leuteritz

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