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Regional „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg in Dresden zur rechten Zeit
Nachrichten Kultur Regional „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg in Dresden zur rechten Zeit
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09:40 26.06.2017
„Die Passagierin

 Auch in dieser Hölle ist der Mensch ein Mensch. Menschen aber sind schlechtes Brennholz. Sie wollen nicht brennen. Worte, Gedanken, Zitate oder gar Assoziationen, die in der Erinnerung bleiben, lange nachdem der Vorhang gefallen ist in der Semperoper, nach der Premiere von Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“. Alexander Medwedew schrieb das Libretto nach dem gleichnamigen Roman von Zofia Posmysz. Die heute 93-jährige Autorin, die zur Premiere nach Dresden gekommen war, kennt diese Hölle. Als polnische Widerstandskämpferin wurde sie 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Mieczysław Weinberg, 1919 in Warschau geboren, floh als polnischer Jude 1939 nach Minsk, seine Familie wurde ermordet. Schostakowitsch förderte ihn, in der Sowjetunion zunächst geduldet, für drei Monate auch Häftling in Moskaus berüchtigtem Gefängnis Lubjanka, und setzte sich besonders für seine Oper „Die Passagierin“ ein, die Weinberg 1968 beendete. Die konzertante Uraufführung, 1996 in Moskau, erlebte er nicht mehr, zwei Jahre zuvor war der Komponist verstorben.

Erst im Jahre 2010 erlebte das Werk die szenische und jetzt auch ungekürzte Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen, drei Jahre später kam es in Saarbrücken zur deutschen Erstaufführung. Jetzt hat man die Inszenierung der Frankfurter Oper von Anselm Weber in Dresden einstudiert. Damit setzt die Semperoper ein Zeichen, ein gewichtiges, denn es geht in diesem Werk um Vergessen und Verdrängen, um Schlussstriche und trügerische Neuanfänge. Es ist das richtige Werk zur rechten Zeit.

Die Handlung spielt im Jahr 1960. Ein deutscher Diplomat, nur Walter genannt, reist mit seiner Frau Lisa nach Brasilien dem Höhepunkt der Karriere entgegen, eine Traumschiff-Luxus-Reise. Dass Lisa Aufseherin in Auschwitz war, weiß Walter nicht, sie lebt mit der Verdrängung bis zu jenem Moment, als sie in einer Passagierin die ehemalige polnische Gefangene Martha zu erkennen glaubt, die sie für tot hielt. In egoistischem Kleingeist sieht Walter seine Karriere als deutscher Diplomat in Gefahr. Für Lisa mischen sich Erinnerungen mit Verdrängungsmechanismen, die darauf hinauslaufen, Tatsachen mit Wunschprojektionen, die sie als geradezu gütige Mitmacherin in der Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz erscheinen lassen, zu verdrängen. Als sich zunächst herauszustellen scheint, dass es sich um eine Verwechslung handelt, dass jene Passagierin gar nicht jene Martha sei, da sollen die Gläser klingeln, im Casino wird getanzt, volle Fahrt voraus in eine Zukunft ohne Vergangenheit.

Diese aber, und das vermittelt Katja Hass genial in ihrem Bühnenbild, reist mit. Wenn sich dieses Traumschiff des Vergessens dreht, dann müssen wir den Blick aushalten in diese Szenen des Vernichtungslagers von Auschwitz-Birkenau, im Rumpf des Luxusliners.

Wir müssen auch die Musik von Mieczysław Weinberg aushalten, mit ihren pfeifenden Tönen, mit ihrem Lärmen, mit ihrem Peitschen und mit dieser immer wieder aufklingenden Melodik der Grausamkeit, denn gerade in den Szenen, die in der Hölle von Auschwitz spielen, erklingt geradezu himmlische Musik, die jenen geschundenen Menschen Würde gibt. Mit Christoph Gedschold am Pult kann die Sächsische Staatskapelle Dresden Erstaunliches leisten bei den so unterschiedlichen Ansprüchen dieser polyglotten Komposition. Mit dem Chor der Staatsoper und einem großen Ensemble gibt es ausnahmslos stimmige, überzeugende Leistungen. So wie die Texte sich in den Sprachen der gefangenen Frauen mischen, so verschmelzen musikalische Motive aus inniger Volksliedhaftigkeit mit den instrumentalen Motiven, die der Komponist den Frauen widmet, etwa den in die Zeitlosigkeit weisenden Klang der Celesta für Martha.

Es ist eine großartige Leistung des Regisseurs, wenn er aus der Musikalität dieser Emotionen entsprechende Haltungen in der Personenführung sensibel zu entwickeln weiß. Das sind Bilder der Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen. Etwa wenn Emily Dorn als Katja ein russisches Volkslied singt, wenn Larissa Wäspy als junge Französin Yvette in schönster Hoffnung auf Zukunft ihrer Mitgefangenen Sprachkenntnisse vermittelt. Wenn der Bariton Markus Butter als Tadeusz, ein Musiker und Kunsthandwerker, seiner Geliebten Martha ein Madonnenmedaillon schafft und eine künstlerische Aufrichtigkeit ihm das Leben kostet. Er spielt eben nicht jenen Walzer, den der Lagerkommandant liebt, sondern Bachs Partita aus der zweiten Suite in d-Moll. Zu diesem Walzer, der wie ein alles mit sich reißender Wahn im Stile von Schostakowitsch zu Beginn des zweiten Aktes aufdonnert, werden aber Walter und Lisa tanzen, wenn aus der Hölle im Schiffsrumpf ein Ballsaal wird, ein Trugbild.

Jürgen Müller ist dieser Walter, der so unbeholfen immer wieder einsam durch diese Bilder der Hölle stolpert, ein Glas in der Hand, einen Walzer im Kopf, die Karriere vor Augen, kein Blick zurück, keine Berührung. Sollte dieses Schiff je in Brasilien ankommen, zwei Fremde werden es verlassen. Lisa kann kein Neuland in ihrem Leben betreten, sie bleibt gefangen in ihrer vergeblichen Selbstrettung mit dem katastrophalen Fehler, denen, die das Leid und den Tod erleiden mussten, daran die Schuld zu geben. Christina Bock gelingt es, in dieser schwierigen Diskrepanz aus Verdrängung und Leugnung, aus Nichtachtung der Opfer, aus Vermischung von Fakten und Wünschen, eine Figur von auswegloser Tragik zu gestalten. Zeichen der Hoffnung vermag sie nicht zu erkennen.

Diese zu setzen, bleibt der charismatisch agierenden und singenden polnischen Sopranistin Barbara Dobrzanska als Martha zu verdanken. Sie gibt dem Versuch des Regisseurs Gestalt und Klang, dem es darum geht, „Menschlichkeit in der Hölle zu beschreiben.“ Jetzt kommt es darauf an, Menschlichkeit unter Menschen zu beschreiben.

Angesichts einer so wichtigen Inszenierung ist allerdings schwer zu verstehen, dass vorerst nur noch drei Aufführungen geplant sind und es keine keine Übernahme in die neue Saison gibt.

Weitere Aufführungen: 30.6.; 5. und 9. 7., Semperoper

www.semperoper.de

Von Boris Gruhl

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