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Die Sächsische Staatskapelle am Kaspischen Meer

Neuland unterm Pult Die Sächsische Staatskapelle am Kaspischen Meer

Noch sind die Dresdner Mozart-Tage nicht vorbei, sie haben sich nur eben mal nach Asien vorgetastet: Die Staatskapelle gastierte auf Einladung des Internationalen Rostropowitsch-Festivals mit dem Programm ihres Sonderkonzertes in Aserbaidschans Hauptstadt Baku.

Die Sächsische Staatskapelle in Baku.

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden/Baku. Mozart ist für alle da. Dieser gewitzte Spaßvogel mit dem allzu kurzen Leben wird auf der gesamten Welt verstanden, nicht etwa nur im geografischen Dreieck von Dresden, Salzburg und Wien mit seinem bedeutenden Außenposten Japan.

Aber Mozart in der asiatischen Welt? Der geniale Kompositeur hat sich in manchen seiner Werke auf den Nahen Osten bezogen (Türkischer Marsch, „Die Entführung aus dem Serail“), aber von sonstigen Verbundenheiten in diese Region ist nichts bekannt. Und auch die Sächsische Staatskapelle hatte bislang keine Kontakte gen Aserbaidschan.

Debüt in der „Stadt der Winde“

Das sich auf eine ebenso reiche wie leidgeprüfte Historie berufende und heute vor allem durch seinen Ölreichtum wieder aufblühende Land am Kaspischen Meer steht nach wie vor unter dem Eindruck postsowjetischer Auseinandersetzungen mit Russland und Armenien. Mit dem daraus resultierenden Nationalstolz und einer nahezu sakral zelebrierten Opferrolle wurden die Musikerinnen und Musiker denn auch bei einer Stadtführung durch Aserbaidschans Hauptstadt Baku konfrontiert. Da musste selbstredend zuerst über Märtyrer gesprochen werden, wurden mit ehrfürchtigem Stolz deren Gräber präsentiert und gab es ein Innehalten an der Ewigen Flamme hoch über der Küste des Kaspi-Sees. Dass von dort kräftige Böen auf die Gäste anstürmten, hat das Prozedere keineswegs beschleunigen können - Baku heißt ohnehin „Stadt der Winde“ und dürfe sich der militärischen Unterstützung durch die Türkei sicher sein, während Armenien stets von russischer Seite Beistand erfährt -, erst musste noch auf Parlament und Staatsflagge verwiesen werden. Mit nur gut 120 Abgeordneten ist die Volksvertretung relativ klein, während das blau-rot-grüne Banner mit Halbmond und Stern rekordverdächtige Dimensionen ausmacht.

Rekordverdächtig kurz war auch die Vorbereitungszeit der Staatskapelle zu diesem recht außergewöhnlichen Gastspiel. In der Jahresplanung kam die Reise noch gar nicht vor, doch dank günstiger Umstände konnte man die Einladung zum 9. Internationalen Rostropowitsch-Festival tatsächlich annehmen - und so einen weiteren von diesem Klangkörper bereisten Staat auf der Weltkarte verbuchen.

Wobei die Frage, dass hier ein Debüt begangen worden ist, keine große Rolle spielte, dafür ist das Traditionsorchester viel zu routiniert unterwegs. Gestaunt haben dürften die Damen und Herren dann aber doch, als sie die Halle der Staatlichen Philharmonie betraten. Deren Zuckerbäckerstil wirkte durchaus originell, die Akustik passabel, das Publikum - auffallend viele Kinder, überdurchschnittlich viel Frauen und Mädchen im Saal - sehr interessiert und auf die Begegnung gespannt.

Gastkonzert als großartige Charme-Offensive

Eine Frau ist es auch, von der dieses Festival aus der Taufe gehoben wurde: Olga Rostropowitsch, Tochter des 1927 geborenen und vor zehn Jahren verstorbenen Cellisten und Dirigenten. Sie erzählte, dass es ihr ein Anliegen sei, Orchester und Künstlerpersönlichkeiten nach Baku zu holen, die dort nie zuvor aufgetreten waren. Die Dresdner Kapelle habe sie sich schon lange gewünscht: „Weil natürlich jeder dieses Orchester kennt, es ist ein fantastisches Orchester von absolut hoher Qualität und noch dazu eines der ältesten Orchester der Welt!“ Dass dieses Gastspiel nun anlässlich des 90. Geburtstages ihres Vaters in dessen Geburtsstadt kommen konnte, erfülle sie mit großem Stolz, schwärmte die Festival-Chefin.

Stolz dürfen aber auch die Musikerinnen und Musiker sein, denen nach den anstrengenden Herausforderungen der Osterfestspiele Salzburg und während der Mozart-Tage der Semperoper dieses Gastkonzert als großartige Charme-Offensive gelang. Zwischen Hin- und Rückreise lagen kaum mehr als 48 Stunden, die aber waren - einschließlich der Geburtstage von drei Orchestermitgliedern - angefüllt mit transkaukasischen Flügen, Zeitverschiebung, Anspielproben und der Aufführung von Mozart, Mozart und Moz-Art. Denn neben den auch in Dresden gespielten Sinfonien KV 16 und 183, die wie als Reverenz an Baku mit „frischem Wind“ vorgeführt wurden, stand auch Alfred Schnittkes augenzwinkerndes Stück „Moz-Art à la Haydn“ auf dem Programm, das die Besucher zunächst einmal überraschte. Denn in Umkehr zu Haydns Abschiedssinfonie kommen die Interpreten hier nach und nach auf die dunkle Bühne - als der Witz verstanden wurde, gab es große Begeisterung.

Die bekam auch der junge kanadische Pianist Jan Lisiecki zu spüren, der in Mozarts „Jeunehomme“-Konzert KV 271 den Solopart gestaltete und die Bühne nicht ohne Zugabe (Schumanns „Träumerei“) verlassen durfte. Exzellentes Spiel, das dem Geist des beim Schreiben dieses Werks etwa gleichaltrigen Mozart mit Brillanz und Hingabe nachspürte.

Geleitet wurde der Abend wiederum von Omer Meir Wellber, der dem Orchester mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit einerseits Freiraum zur Entfalten ließ, ihm andererseits exakte Vorgaben zu sehr inspirierten Tempi gab - solcherlei Verve konnte sich auch im Saal niemand entziehen. Tosender Beifall war die Antwort darauf, als hätte man geahnt, dass der Maestro noch eine Überraschung als Akkordeonist in petto gehabt hat: Zwei mitreißende Tangos von Astor Piazzolla, deren Orchesterarrangements mit sichtlicher Freude umgesetzt und ebenso aufgenommen worden sind. Mozart hätte auch daran großes Vergnügen gehabt.

Von den Veranstaltern hieß es umgehend, man hoffe auf ein Wiedersehen mit den Dresdnern. Die in Baku übrigens in würdiger Gesellschaft gastierten: Neben dem Staatlichen Sinfonieorchester Aserbaidschan waren auch Mitglieder der Berliner und Wiener Philharmoniker mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott sowie die Sankt Petersburger Philharmonie unter Juri Temirkanow zu Gast.

Von Michael Ernst

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