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Die Sächsische Staatskapelle Dresden und ihr früherer Chef in der Oper

Die Blomstedt-Konstante Die Sächsische Staatskapelle Dresden und ihr früherer Chef in der Oper

Immer wenn Herbert Blomstedt in Dresden „seine“ Sächsische Staatskapelle dirigiert, ist die Semperoper ausverkauft. Und aus gutem Grund auch dieses Mal, denn mit der Aufführung von Anton Bruckners 4. Sinfonie zeigte der fast 90-jährige Dirigent exemplarisch, welche Größe in dieser Musik steckt.

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Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Nur wenige Dirigenten dürften in den vergangenen Jahrzehnten so intensive Spuren im Musikleben Sachsens hinterlassen haben, wie Herbert Blomstedt. Und das gelang ihm auf seine eigene, unspektakuläre Weise, denn Wert auf die publikumswirksame Darstellung seiner Person außerhalb der Musik hat er dabei nie gelegt. Von Blomstedts zehn Jahren als Chefdirigent der Staatskapelle Dresden und weiteren sieben als Leipziger Gewandhauskapellmeister zeugen ganze Stapel hörenswerter Aufnahmen, die seine Ideen dokumentieren und etwas davon berichten, wie er das Musikverständnis mehrerer Generationen von Konzertbesuchern als eine Art Konstante beeinflusst hat.

Jetzt, eine gute Woche vor seinem 90. Geburtstag also, war Herbert Blomstedt wieder zu Gast bei „seiner“ Sächsischen Staatskapelle und leitete das 12. Sinfoniekonzert. Die Oper war entsprechend bestens gefüllt. Das Programm mit zwei wichtigen Werken von Beethoven und Bruckner zeigte scheinbare Normalität an, die Ausführung jedoch lag weit davon.

Denn mit Sir András Schiff als Solist in Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur saß ein Pianist am Instrument, dessen klare, unmanierierte Lesart des Stückes der des Dirigenten ebenso verwandt war, wie die Art des unprätentiösen Auftritts. Es war wohltuend, die Musik im Zentrum zu wissen und nicht mit gestanzten Werbetexten im Übermaß versorgt zu werden, die vorab verkünden, wie man den Maestro oder den Virtuosen gleich zu befinden hat.

Das erste Thema von Beethovens Opus 15 nahm Blomstedt straff, aber ohne Eile, setzte das zweite mit fast legerer Leichtigkeit dagegen und schuf so eine Spannung, die für Schiff den Boden zu einem ausgesprochen charaktervollen und akzentuierten Spiel bereitete. Der Mittelteil des Satzes war tief poetisch, aber ohne Sentimentalität gedeutet, und überall zeigte sich das genaue Miteinander von Solist, Dirigent und Orchester. Die feine Balance zwischen Nachdenklichkeit und Gewicht auf der einen und einer Wendung zu lebhafter Bewegung auf der anderen Seite hielt das Largo in ebensolcher Spannung, wie den Beginn. Und dass András Schiff in den Schwung des Rondos immer wieder Ernsthaftigkeit einflocht, zeigte schließlich auf schönste Weise, wie man einen so humorigen Satz jeder Oberflächlichkeit entziehen kann, ohne den Witz darin zu vernachlässigen.

Für die Darbietung von Anton Bruckners 4. Sinfonie Es-Dur, die das Konzert nach der Pause in ein Ereignis verwandelte, muss man Herbert Blomstedt und der Staatskapelle besonders dankbar sein. Es mag an dieser Stelle schon Bruckner-Aufführungen gegeben haben, die präziser im Spiel und ausgefeilter in den Nuancen einzelner Stimmen waren. Doch mit Blick auf die Wirkung eines solchen Stückes als Ganzem hat Blomstedt hier ein Monument hinterlassen. Die Partitur der „Romantischen“ lag zwar auf dem Pult, blieb aber zugeklappt. Wie ein gut verpacktes Rettungsboot, das ein sicherer Kapitän nicht benötigt.

Der ganze erste Satz in seiner Vielgestaltigkeit und mit einem herrlich herausgehobenen Moment des Heroischen wirkte zu Beginn des zweiten wie eine einzige Vorbereitung darauf. Über diesen zweiten Satz zog der Dirigent einen Bogen, der schon im Beginn das Ziel ahnen ließ und der Staatskapelle ein Spiel ermöglichte, das von unglaublicher Tiefe war: Die Bratschen waren hier schlicht phänomenal. Den dritten Satz trug die scheinbar unmögliche Verbindung anderer Gegensätze. Die Kraft und Dichte hier fanden ihre Erfüllung in einem gemessen ausgeführten Trio, das dennoch von Leben sprühte. Dass der Dirigent all dies mit sparsamen, aber stets nachdrücklichen Bewegungen veranlasste, war nur eine Beobachtung am Rand, aus der sich aber auch die Größe erklärte, die Herbert Blomstedt im letzten Satz gewann. Alle Stimmungen, alle Steigerungen entstanden hier wie selbstverständlich und ohne jeden Missgriff bei Übergängen. Nach dem Anwachsen des Klanges zum Schluss hin endlich musste man tatsächlich innehalten. Einen Einzelnen, der seine Begeisterung sogleich loswerden wollte, hielt Blomstedt mit erhobener Hand zurück, um einen Moment darauf selbst den „Einsatz“ zum Applaudieren zu geben. Das war wohl das erste Mal, dass man nach einer so großen, ernsten Musikdarbietung auch noch von Herzen lachen durfte. Wenn man sich nur immer über Konzerte und ihre Protagonisten so freuen könnte.

MDR Kultur und MDR Klassik senden die Aufzeichnung des Konzertes am 11. Juli 2017 (dem 90. Geburtstag von Herbert Blomstedt) ab 20.05 Uhr

Von Hartmut Schütz

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