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Regional Die Landesbühnen Sachsen zeigen„Die Vermessung der Welt“ nach demberühmten Roman Daniel Kehlmanns
Nachrichten Kultur Regional Die Landesbühnen Sachsen zeigen„Die Vermessung der Welt“ nach demberühmten Roman Daniel Kehlmanns
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21:00 15.10.2017
„Die Vermessung der Welt“ mit Michael Berndt-Cananá, Johannes Krobbach und Grian Duesberg (v.l.) Quelle: Hagen König
Meißen

Wie soll man mit einem mathematisch hochbegabten Kind umgehen, in welcher Umgebung soll es aufwachsen? Das sind die Fragen, die Mark Webb in „Begabt – Die Gleichung eines Lebens“ stellt, einem Film, in dem es eine Szene gibt, in der eine Erstklässlerin ihre Lehrerin damit verblüfft, dass sie gleich am ersten Tag überaus komplizierte Rechenaufgaben löst. Es ist eine Szene, die man nicht mehr vergisst – und mit einer ähnlichen wartet auch Lutz Hillmanns Inszenierung „Die Vermessung der Welt“ nach dem berühmten Roman von Daniel Kehlmann auf. Hier ist es Carl Friedrich Gauß, der den Herzog von Braunschweig und die Zuschauer im Saal gleich mit damit verblüfft, wie er gemäß einer selbst entwickelten Formel das Datum für Ostern 2018 ausrechnet. Der Kopf schwirrt einem alsbald, dass der Satz aus Gleichungen aus Gründen der Übersichtlichkeit auf eine Art Gaze-Leinwand projiziert wird, macht die Sache nicht besser. Aber es ist ein herrlicher Spaß.

2005 stürmte Kehlmanns Roman die Bestseller-Listen, 2012 kam ein nicht ganz so euphorisch aufgenommener Film heraus, nun haben sich also auch die Landesbühnen Sachsen der Geschichte über zwei Wissenschaftler, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, angenommen. Der Roman hat etwas über 300 Seiten, die Bühnenfassung Dirk Englers, die von Regisseur Hillmann und dem für die Ausstattung zuständigen Miroslaw Nowotny noch mal leicht modifiziert wurde, währt gut drei Stunden. Premiere war im Theater Meißen, einem bewährten und häufig aufgesuchten Gastspielort der Radebeuler Bühne.

Michael Berndt-Cananá spielt den Forscher und Abenteurer Alexander von Humboldt, Grian Duesberg den Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauß. Der eine kämpfte sich durch Urwald und Steppe, befuhr den Orinoco, bestieg (fast zur Gänze) den Chimborazo, den man damals für den höchsten Berg der Welt hielt; der andere kam sein Leben lang nicht über das Planquadrat Braunschweig/Göttingen hinaus, machte aber nicht minder bahnbrechende Entdeckungen. Mit Fantasie und sogar nicht zu knapp Humor beschreibt Kehlmann das Leben dieser beiden Männer, denen das Etikett „Genie“ einfach bescheinigt werden kann, und ihr Ringen um Erkenntnis mitsamt ihren Sehnsüchten und Schwächen, zwischen Lächerlichkeit und Größe, Scheitern und Erfolg – und das vermittelt ansatzweise auch die Inszenierung Hillmanns, die „die große Welt in poetischer Verdichtung ins Theater“ holen will.

Zunächst sind beide Hauptakteure alte Männer, die sich 1828 in Berlin auf einem Naturforscherkongress treffen, auf dem der ganze deutsche hehre Idealismus und die damals nicht als suspekt erachtete Fortschrittsgläubigkeit zum Vorschein kommen, etwa wenn Humboldt erklärt, Krieg, Ausbeutung und Angst würden dank der Wissenschaft überwunden werden, die Wissenschaft würde ein Zeitalter des Wohlstands bescheren. Es kam bekanntlich nicht ganz so weit, aber es ist auch nicht so, dass außer ein paar Öko-Freaks einer ernsthaft das Rad der Geschichte zurückdrehen möchte. Dann legen Michael Berndt-Cananá wie Grian Duesberg Stock und Mantel ab, strecken das Kreuz durch, haben auch in der Stimme wieder Kraft, danach wird das Leben ihrer Figuren, also Humboldt und Gauß, wechselweise durchgespielt.

Das Bühnenbild ist vergleichsweise karg, aber es reicht für ein paar Aha-Effekte, etwa wenn die dunkle Doppeltreppe dank der Drehbühne zu den Felsformationen des Chimborazo mutiert, auf den Humboldt zusammen mit seinem Reisegefährten, dem französischen Botaniker Aimé Bonpland, hochsteigt. Dieser wird von Jens Bache gespielt – und irgendwie kann man es nach vollziehen, dass er sich in gelegentlichen Mordfantasien gegen den nüchternen, humor- und ironielosen, zwar an Vulkanen, aber im Gegensatz zu ihm nicht an (Frauen-)Vulvas interessierten Preußen ergeht. Auch das ist ein Unterschied zwischen Gauß und Humboldt: Ersterer hatte Frau und Kind, auch wenn der weltfremde Wissenschaftler zur Familie wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde kommt, der andere blieb zeitlebens unbeweibt.

Für Anke Teickner, Julia Vincze, Johannes Krobbach und Tom Hantschel fallen „nur“ allerlei Nebenfiguren ab, das Spektrum reicht von Indios (ihre Darstellung gerät arg klischeehaft) bis hin zum Erzähler, der hier und da eingreift, wenn die Sache zu verworren wird. Dank moderner Videotechnik haben auch Kant und Goethe einen Auftritt, darüber hinaus darf man sich u.a. an den von nicht von allzu viel Stoff verhüllten Reizen einer Frau in einer Kiste oder eines Mediums (Sofia Pintzau) erfreuen. Goethe ist insofern wichtig, dass er Humboldt praktisch im Auftrag der Aufklärung in die Welt schickt, was dann in einer bizarren Rezeption des Gedichts „Wanderers Nachtlied“ durch Berndt-Cananá alias Humboldt irgendwo in den Anden Südamerikas kommt. Gänzlich anders schockierend ist jene Einspielszene, in der Humboldt an sich rumdoktern lässt, weil er wissen will, was dran ist an Galvanis Experiment, demzufolge tote Frösche noch zucken, wenn diese mit Kupfer und Eisen in Berührung kommen. Und wenn die Sterne kreisen und wandern, dann kommt schon fast „Zeiss-Planetarium“-Feeling auf.

Zudem wurden, um dieser Auseinandersetzung über den unbedingten Glauben an die Vernunft, über Obsessionen und Visionen, über die „Vermessung der Welt“ im Geist und in der Wirklichkeit den „heiligen“ Ernst ein bisschen auszutreiben, ein paar Slapstick-Elemente eingebaut. So bekommt Johannes Krobbach als Gauß’ drangsalierter Sohn Eugen anfangs immer wieder mal mit dem Stock einen auf den Fuß, lässt Gauß an einer Stelle eine Frau, die wissen will, was er denn da mache, trocken wissen: „Ich trianguliere“. Die Inszenierung hat trotz dieser und jener Regieeinfälle so ihre Durststrecken, sprich Längen, aber die Überlegungen über die Wahrnehmung des Fremden oder Sinn und Qualität von Wissenschaft und Reisen sind – das ist einfach die Qualität von Kehlmanns literarischer Vorlage – dazu geeignet, einen zum Nachdenken zu bringen, durchaus auch jenseits von Poesie-Album-tauglichen Sprüchen wie „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nicht angeschaut haben“.

Nächste Vorstellungen: 20.10., 20 Uhr, 22.10., 15 Uhr in Radebeul, 20.1.2018, 19.30 Uhr Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen

Von Christian Ruf

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