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Regional Die Knute und der „Weg ins Leben“
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19:17 24.09.2017
Viktor Tremmel plus Ensemble Quelle: Sebastian Hoppe

Ein später Spielzeitauftakt nach dem Intendantenwechsel, aber dafür klotzte Joachim Klement am vergangenen Wochenende gleich mit einem fragwürdigen Elf-Stunden-Marathon von fünf Premieren. Den Klopper gab’s zur Nachtzeit am Sonnabend, und für das Finale garantierte ein Regisseur, der von Dresden aus schon für reichlich Furore gesorgt hat. Volker Lösch ist ein Spezialist für Bürger-Sprechchöre nach antikem Vorbild und für Massenchoreografien. Hier am Staatsschauspiel nahm er 2004 mit den „Webern“ die Wutbürger vorweg und sorgte für einen Republikskandal, hier führte er 2015 mit „Graf Öderland“ eben diese mit Pegida konkret gewordenen Wutbürger wieder vor. Mit dem „Weg ins Leben“ nun bleibt er sich treu. Das gilt für den enormen Aufwand an Ressourcen und Personal, das gilt aber auch für seine Neigung zu Drastik und agitatorischer Vereinfachung an Stelle des feinen Diskurses.

Der Stücktitel entspricht dem Zweittitel des 1935 vollendeten „Pädagogischen Poems“, das der sowjetische Pädagoge Anton S. Makarenko rückblickend verfasste. Seine Versuche, die infolge des Bürgerkrieges nach der Oktoberrevolution vagabundierenden Waisenkinder und verwahrlosten Jugendlichen wieder zu domestizieren, machten ihn zur Legende. Mehr noch, mit der scheinbar siegreichen kommunistischen Sozialutopie sollten sie zugleich Prototypen des neuen Menschen werden, der aus dem „Rohmaterial“ zu erziehen wäre.

Eine halbe Stunde lang rauschte diese Einführung als fulminantes Massentheater über die Bühne des Schauspielhauses. Nadja Stübiger als Kommissarin und Viktor Tremmel als Makarenko schaukeln sich gegenseitig hoch und entwickeln Vorstellungen von der Erziehung durch Arbeit und im Kollektiv, dem Freisetzen von Potenzialen durch eine seelische „Explosion“, von der Gründung einer Kommune. Beide haben hier ihre Höhepunkte, ordnen sich später in den kleinen Quasi-Chor von zehn Spielern in ständig wechselnden Rollen ein. „Aber der Mensch muss mit all seiner Kompliziertheit und seiner Schönheit erhalten bleiben“, fordert sogar die Kommissarin. Die Hoffnung scheint nicht unbegründet, dass die Emanzipation des Einzelnen über das Kollektiv und die sozialisierenden äußeren Bedingungen gelingen könne, Strafen inbegriffen. Volker Lösch ist in seinem Element, die Massenszenen erinnern an die Ästhetik der frühen Sowjetfilme, der große Jugendchor bewegt sich und spricht leidenschaftlicher und dennoch disziplinierter als je zuvor. Mitreißend.

Apropos Disziplin. Der Begriff hätte zum Schlüsselwort der Inszenierung werden können. Vor allem die frühe Schlüsselszene, als sich ein Bestrafter und zeitweise von der Kommune Isolierter nach seiner Züchtigung für seine Strafe bei Makarenko bedankt. Inwieweit darf man Heranwachsende zu ihrem Besseren zwingen oder sollte man ausschließlich auf intrinsische Motivation setzen? Nach dem in Brechtscher Schärfe vorgetragenen Exposé wartete man eigentlich auf eine Diskussion. Stattdessen folgt unvermittelt zunächst eine Viertelstunde mäßiges Kabarett. Die stereotype Parodie auf das Politbüro und andere DDR-Parteifunktionäre misslingt einmal, weil sie die imitierten Typen nicht trifft und Walter Ulbricht kein schreiender Choleriker war. Sie ist aber auch fehl am Platz, weil der versuchte Kulturkampf des 11. Plenums gegen die Beatmusik und andere „Entartungen“ westlicher Jugendkultur nicht auf eine Stufe mit den existenziellen Problemen der frühen Sowjetunion gestellt werden kann. 1968 gärte es auch im Osten, an lange Haare gewöhnte man sich, und sogar an der Klassenwandzeitung hing die wöchentliche Hitparade, bei der abwechselnd die Beatles oder die Stones vorn lagen.

Gleichermaßen fragwürdig erscheint die gerade Linie, die nun von Makarenko zu den Exzessen in DDR-Kinderheimen und vor allem zum berüchtigten geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gezogen wird. So jedenfalls muss der kommentarlose und abrupte szenische Übergang wirken, obschon es der maßgeblich an der Textfassung beteiligte neue Chefdramaturg Jörg Bochow als profunder Russland-Kenner besser weiß und im Programmheft schreibt. Der Idealist Makarenko war immerhin von Rousseau oder Pestalozzi beeinflusst. Es folgen geschlagene 100 Minuten Dokumentartheater. Auf erschütternde Weise berichten fünf Zeitzeugen über ihre üblen Erfahrungen. Der hölzerne Kubus mit verschließbaren Lamellenwänden, den Cary Gayler auf die Bühne gebaut hat, wirkt nun erst recht wie ein Knast. Es geht zu wie im KZ, fürchterliche Dinge geschehen. Der militärische Drill, die Einzel- und Kollektivstrafen werden wiederum chorisch und körperintensiv zelebriert. In ständigen Wiederholungen werden Zwangshygiene bis hin zum kollektiven Kacken, Schikanen, Schläge und sportliche Strafaktionen vorgeführt. Die einen brüllen und kommandieren ständig, die anderen werden auch für das Publikum fühlbar zerbrochen.

Das geht wirklich unter die Haut, aber es nutzt sich allmählich auch ab. Vor allem deshalb, weil das Geschehen entwicklungslos plakativ stagniert und in keinen Kontext gestellt wird. Nicht erst Kommunisten haben versucht, Menschen zu brechen und nach ihrem Menschenbild neu aufzubauen. Was geschah nicht alles im Namen der Kirche? Man lese nur, was Thomas Bernhardt über seine Zeit im katholisch-nazistischen „Johanneum“ in Salzburg schreibt. Bis heute betreiben Sekten wie Scientology Gehirnwäsche.

Eine Viertelstunde vor Schluss, während noch die leidenden Kinder von damals ihre Traumatisierungen schildern, platzen plötzlich bunte „Think positive“-Typen herein, jedenfalls irgendwie Selbstoptimierer der Spaßgeneration. Sie stiften eher Verwirrung, während die letzten zwei Minuten zum pointierten Anfang zurückkehren. Überraschend bekennt sich nämlich der langjährige Leiter der Salem-Eliteschule am Bodensee zum Scheitern des liberalen Pädagogikansatzes und zur Disziplin als Voraussetzung für den Erfolg. Jetzt, meint man, könnte das Stück noch einmal losgehen und in den Diskurs einsteigen. Denn überforderte Eltern, Outlaws und entwicklungsgestörte Kinder sind ja nicht aus unserer vermeintlich perfektionierten Welt verschwunden. Aber da klatscht schon die eine Hälfte des Publikums stehend Beifall, während die andere zögernd verharrt.

nächste Aufführungen: 28. September, 1. &. 7. Oktober

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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