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Die Kanadier Timber Timbre überraschen weiter und kommen wieder in den Beatpol

Von Wundern und Tüten Die Kanadier Timber Timbre überraschen weiter und kommen wieder in den Beatpol

Timber Timbre sind das Projekt des Kanadiers Taylor Kirk. Bislang haben sie Blues, Folk und Rock’n’Roll zu einer sehr individuellen Melange verbunden. Jetzt auf der neuen CD „Sincerly, Future Pollution“ gesellen sich mysteriöse Klänge aus alten Synthesizern und Drum-Computern hinzu – am kommenden im Beatpol zu erleben.

Timber Timbre kommen am Sonnabend in den Beatpol.

Quelle: Caro Desilets

Dresden. Das mit der rockmusikalischen Wundertüte ist nun wirklich ein abgegriffenes (um nicht zu sagen zerknülltes) Bild. Was aber, wenn man ein weiteres Mal über Timber Timbre schreiben will und die sich auch beim sechsten Album wieder von einer neuen Seite zeigen, so dass Überraschung und Staunen eng beieinander liegen? Richtig, da muss sie wieder herhalten, die Tüte. Und soll auch.

Timber Timbre aus Toronto, Kanada: Ideell und künstlerisch weiter in der Umlaufbahn von Frontmann Taylor Kirk kreisend, hatte der geplante freudvolle Ansatz für die aktuelle, insgesamt (je nach Zählart vierte oder) sechste Platte nicht lange Bestand. „Sincerely, Future Pollution“ sagt es schon vom Titel her. Unwillige, die partout keine Texte übersetzen wollen und des Flüssig-Englischen auch nicht mächtig sind, werden noch genügend Licht in den neun Liedern entdecken. Die anderen werden verstehen, was Taylor Kirk beim Blick auf die Welt und seinen eigenen Zustand mit „überlaufenden Gullys“ beschreibt.

2015 waren Timber Timbre das letzte Mal in Dresden. Mit „Hot Dreams“, einer Platte, die konterkarikierender nicht benannt werden konnte. Der Folk wurde hier mit kohlenschwarzen Händen angepackt. Diesmal müssen die Siebziger und Achtziger herhalten. Im „La Frette“, einer französischen Villa aus dem 19. Jahrhundert nahe Paris, die längst das gut frequentierte Tonstudio von Olivier Bloch-Lainé beherbergt, stießen Timber Timbre auf Instrumente, die Neugier weckten, auf Anhieb aber nicht kompatibel für ihren Bandsound, zumindest den avisierten, schienen: Drumcomputer wie der Linn-Drum zum Beispiel, der so gar nicht elektronisch klingt, weil er natürliche Schlagzeugbeats sampeln kann. Oder Synthis, die auf zehn Quadratmetern nach Weltraum klingen. Das alles, zusammen mit der nach wie vor schwer gepflügten Erde des Folk, Blues und Rock’n’Roll, geben „Sincerely, Future Pollution“ diese so spezielle Note. Wundertüte eben, sei’s Drum! Schönes Wortspiel übrigens – wenn man „drum“ groß schreibt…

„Irgendwas zwischen French Disco und Roxy Music“, sagt Taylor Kirk selbst über die neuen Songs. Würde keiner singen, klingt einiges wirklich nach Air, singt Kirk besonders fein, dann lugen Bryan Ferry oder Stuart A. Staples tatsächlich durch die Notenhälse. Andere Vergleiche, die nach Erscheinen der Platte aufgemacht wurden, sind nachzulesen. Sie stimmen. Und stimmen freilich nicht. Schön ist, dass es einfach nicht lohnt, sich bei Timbre Timbre auf einen einzigen Bandsound einzugrooven, der dann immer wieder neu abgerufen wird. Beständigkeit heißt bei ihnen Veränderung und kennt keine Angst. Das mag einigen Fans nicht schmecken, ist aber so. Und gut so! Berühmt werden sie eh nicht mehr, jedenfalls nicht in einer flüchtigen Kategorie.

Bestes Beispiel ist von den neun neuen Liedern wohl „Moment“, in das man sich schon weich und popmelancholisch betten wollte, dann aber ziemlich heftig dort rausgehauen wird. Danach passt die Nick-Cave-Hommage „Sewer Blues“ prächtig. Und „Western Questions“ fragt wirklich gern.

Eine Heimstatt haben Timber Timbre nach wie vor beim Berliner Label City Slang. Solide, famos und überraschend sind auch wieder jüngste Veröffentlichungen aus dem Haus, auf die DNN an dieser Stelle gern verweisen wollen.

Noga Erez, „Off The Radar”: Selbstbewusste junge Israelin mit nicht minder selbstbewussten, spielerischen Beats und Pop. Trotzdem ohne Mühe zu erkennen und zu hören, dass ihr Auftreten politisch ist: „Dance While You Shoot“.

EMA, „Exile In The Outer Ring”: Erika M. Anderson aus den USA liegt das lockere Spiel nicht so sehr, sie beißt mit bösen Electronics und verfremdeter, multipler Stimme richtig zu und hält ihrer Heimat den Spiegel vors Gesicht. St. Vincent und Ani Di Franco lassen grüßen.

Cristobal And The Sea, „Exotica“: Es darf wieder getanzt werden, und zwar nur getanzt! Verschachtelter, multinational (Frankreich, England, Spanien, Portugal) getriebener Sonnen-Pop vom optimistischen Quartett aus London.

Broken Social Scene, „Hug Of Thunder“: Die Kanadier um Kevin Drew und Brendan Canning taugen als personell und stilistisch weit offenes Projekt weiterhin zur Lieblingsband auf immer. Lassen sich von Arcade Fire nicht düpieren, bleiben groß, größer, pompös und heftig unter Dampf.

Grandbrothers, „Open”: Erscheint zwar erst im Oktober, verströmt aber heute schon die Kunde, dass sich das Düsseldorfer Duo Erol Sarp und Lukas Vogel immer deutlicher auf Kollegen wie Nils Frahm und Hauschka zubewegt: Instrumentales zwischen Kammerklassik und Popstruktur, auch am präparierten Klavier.

Timber Timbre live, Vorprogramm: Chris Cundy (England), Sonnabend, 21 Uhr, Beatpol

Von Andreas Körner

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